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Urheberrecht: Drei Fragen an Ralf Geißler (Journalist)

Hat das deutsche Urheberrecht den Blick für die Realität verloren? Wo liegen die Probleme in der Praxis? Behindert das Urheberrecht die Kreativität und tägliche Arbeit? Auf unsere drei Fragen antwortet heute: Ralf Geißler, freier Journalist aus Leipzig.


1. Wo haben Sie in Ihrer täglichen Arbeit Kontakt mit dem Urheberrecht?

Schwierig wird es für mich mitunter, wenn ich Musik oder Material aus Archiven verwenden will. Dort stehen teilweise echte Schätze. Ob das nun historische Interviews mit John F. Kennedy oder Bilder von Winston Churchill sind. Die Rundfunkarchive der ARD geben ihr Material innerhalb der ARD meistens kostenlos weiter. Manchmal schreiben sie aber auch Bemerkungen an ihre Fundsachen wie: „Rechte nicht geklärt” oder „Für den Austausch gesperrt”, z.B. weil man den Rechteinhaber nicht kennt.

2. Welche Probleme stellen sich dabei?

Im schlimmsten Fall kann man das Material dann nicht verwenden, im besseren Fall ist der Rechteinhaber bekannt. Dann bekommt er für die Verwendung Geld. So eine Lösung findet sich leider meist nur, wenn man das Material in klassischen Medien verwendet. Ins Internet können Radio- oder Fernsehbeiträge mit historischem Material oft nicht gestellt werden. Das trifft noch viel mehr zu, wenn fremdkomponierte Musik verwandt wurde. Die Hörfunksender der ARD produzieren erstklassige Feature-Sendungen, die aber oft zu Zeiten laufen, zu denen sie kein Mensch hören kann. Es gäbe vermutlich viele Leute, die sich diese Sendungen als Podcast herunterladen und dann z.B. im Auto anhören würden. Das ist aber nur selten möglich, weil ein journalistisch-künstlerisches Feature sehr oft fremde Musik enthält und dann folglich nicht ins Netz kann. Bei einer zehnteiligen Reihe über die Geschichte des Mittelalters habe ich mal einen Abend lang die Musik wieder rausgeschnitten, um parallel zur Hörfunkausstrahlung auch eine Veröffentlichung im Netz zu ermöglichen. Das verändert leider Dramaturgie und Spannungsbogen. Später habe ich auf Internetveröffentlichungen oft verzichtet.

3. Wie könnten Lösungen für diese Probleme aussehen?

Wenn ich die Patentlösung hätte, wäre ich vermutlich bald berühmt. Zunächst einmal: Die jetzige Situation ist zu kompliziert. Für jeden historischen Ton, für jede Musiksequenz, die ich in einem Beitrag verwende, fülle ich Schnittlisten aus. Die Abteilung Honorare und Lizenzen der jeweiligen Rundfunkanstalt prüft dann, ob Urheberrechte berührt wurden. Falls ja, wird Geld angewiesen. Beim Hörfunk fließen da meistens nur ein paar Euro. Meiner Meinung nach stehen Aufwand und Nutzen in keinem guten Verhältnis.
Zudem gilt das Urheberrecht zu lange. Erst siebzig Jahre nach dem Tod erlischt es. Wer profitiert denn davon? Der Urheber jedenfalls nicht (mehr). Eine Lösung habe ich nicht, aber eine Richtung, über die ich nachdenken würde: Die Dauer des Urheberrechts verkürzen. Die Nutzung von Auszügen (!) fremder Werke bei einer eindeutigen Quellen-Nennung (!) großzügiger handhaben. Für mich wäre das ein Anfang.

Quelle: Daniela Kolbe
Ralf Geißler, Journalist
Foto: © Daniela Kolbe

Ralf Geißler ist freier Journalist und Radio-Moderator bei MDR Info und lebt in Leipzig. Zu seinen Schwerpunkten zählt er Themen mit Geschichts- oder Medienbezug, er recherchiert in der weiten Welt genauso gerne wie vor der Haustür. Geißler schreibt unter anderem für „Die Zeit”, die „taz” und die Fachzeitschrift „Journalist“. Außerdem produziert er Hörbeiträge für die Rundfunksender der ARD und den Deutschlandfunk.

Hintergrund: Artikel-Serie „Drei Fragen …”.

Alle Fragen zum Urheberrecht.

, Telemedicus v. 17.02.2010, https://tlmd.in/a/1636

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