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Urheberrecht: Drei Fragen an Kerstin Otten (Musikerin)

Das deutsche Urheberrecht steht unter dem Verdacht, den Bezug zur Realität verloren zu haben. Diesem Verdacht möchten wir nachgehen und Menschen befragen, die beruflich mit urheberrechtlichen Fragen in Berührung kommen. Wo liegen die Probleme in der Praxis? Behindert das Urheberrecht die Kreativität und tägliche Arbeit? Unsere Fragen beantwortet diesmal die Musikerin Kerstin Otten.

1. Wo haben Sie in Ihrer täglichen Arbeit Kontakt mit dem Urheberrecht und welche Probleme stellen sich dabei?

Ich mache irische traditionelle Musik, spiele mit meinen Bands auf kleineren Kulturveranstaltungen, Weinfesten etc. Dabei stellt sich öfters die Frage, ob ein „Tune” gemapflichtig ist oder nicht. Viele der alten Tunes sind eigentlich nicht gemapflichtig, da die Komponisten nicht bekannt oder seit sehr vielen Jahren verstorben sind. Die Betonung liegt dabei auf „eigentlich“. Denn es scheint auch alte Tunes zu geben, für die Musikverlage die Rechte aufgekauft haben, was sie wiederum wahrscheinlich gemapflichtig macht. (Ich habe diesbezüglich noch nicht mit einem Mitarbeiter der GEMA gesprochen, die Information ist aus zweiter Hand.)

2. Welche Probleme stellen sich dabei?

Da viele der neueren Kompositionen im Folk aus dem Ausland stammen, stellt sich auch in diesem Fall die Frage: Fallen GEMA-Gebühren an oder nicht? Bei Konzerten, für die Setlisten abgegeben werden müssen, oder bei Titeln, die man ins Internet stellen möchte, weiß man also nie, was Sache ist. Denn eben mal bei der GEMA nachfragen ist nicht immer ganz einfach – wahrscheinlich würde man eine fundierte Antwort erhalten, die aber so kompliziert ist, dass man nicht recht durchblickt. Für jedes Ding gibt es eine Ausnahme und dafür dann eine weitere und so weiter…

Meine eigenen Tunes, würde ich nie bei der GEMA anmelden: Erstens weil ich mich über jeden freue, der meine Stücke in der Öffentlichkeit spielt und dabei gegebenenfalls noch meinen Namen erwähnt. Und zweitens, weil ich keinen Gewinn mit dem Anmelden der Tunes machen würde. Sie wären zwar urheberrechtlich geschützt, aber so what?

Ich finde die GEMA-Gebühren zu hoch. Wenn wir einen Gig spielen, verdienen wir – wenn es gut läuft – pro Nase 100,- Euro für fünf bis sechs Stunden Arbeit, meistens bis spät in die Nacht (dabei fehlen Anfahrtszeit und -kosten), die wir versteuern müssen. Sind wir selber Veranstalter, dann bleibt wegen der GEMA-Gebühren nicht mehr viel übrig. Ich habe den Eindruck, dass einige der „kleineren“ Bands und Veranstalter sich peu à peu zurück ziehen, weil das GEMA-Recht immer komplizierter und die Kosten immer höher werden. Ziehen sich Bands und Veranstalter zurück, dann bedeutet dies einen Einbruch in unserem Kulturleben.

3. Wie könnten Lösungen für diese Probleme aussehen?

Ich würde es sehr begrüßen, wenn für kleine Konzerte mit niedrigen Eintrittspreisen im traditionellen Bereich keine GEMA-Gebühren anfielen. Da wir alles auswendig spielen und die Stücke in der Regel über das Ohr lernen, hat kein Musikverlag einen Gewinn oder Schaden durch uns. Unsere Musik ist nicht von Hits geprägt, deren Komponisten gerade dabei sind, ihre Luxusvilla auf Mallorca auszustatten (jedem das seine), sondern von Menschen, die gerne zusammen Musik machen und sich an guten Melodien erfreuen.

Kerstin Otten unterrichtet Musik und Fremdsprachen an einem Gymnasium. Vor einigen Jahren hat sie die irisch-traditionelle Musik für sich entdeckt und spielt in zwei Formationen verschiedene Flöten, unter anderem die Tinwhistle sowie Akkordeon.

Hintergrund: Artikel-Serie „Drei Fragen …”.

Alle Fragen zum Urheberrecht.

, Telemedicus v. 04.06.2010, https://tlmd.in/a/1682

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