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„Lügenpresse“: Worum geht es hier eigentlich?

Eine Stellungnahme von Simon Assion

Ich denke, es ging nicht nur mir so. Die Bilder von älteren Männern, die durch Dresdens Straßen ziehen, „Lügenpresse“ skandieren und dabei wütend ihre Fäuste schütteln, haben mich durchaus erschreckt. Nicht wegen der drastischen Wortwahl. Sondern deshalb, weil es ältere Männer waren. Also keine Gruppe, von der man radikale Systemkritik sonst gewöhnt ist – und erst Recht nicht am Mediensystem. Was treibt diese Menschen auf die Straße?
Um die „Lügenpresse”-Kritik zunächst einmal ins Verhältnis zu setzen: Fundamentalkritik an Medien ist in Deutschland nichts Neues. Und sie ist – auch wenn der Begriff „Lügenpresse” in einer schaurigen Tradition steht – kein Exklusivstatus von Rechten. Auch für die 68er-Bewegung war prägend, die Medien des Springer-Verlags abzulehnen, vor allem die meinungsmächtige Bild-Zeitung. „Enteignet Springer“ war ein prägender Slogan dieser Bewegung, auf dem Höhepunkt gab es sogar Brandanschläge. Andererseits entstand damals auch die Tageszeitung taz, heute eine der wichtigen Stimmen im demokratischen Diskurs, aus dem Versuch, gegen die etablierten Medien ein publizistisches Gegengewicht aufzubauen.

Und auch ganz aktuell gibt es eine linke Bewegung, die ihren Teilnehmern einimpft, den Medien nicht zu glauben: Die Unterstützer des linken Bewerbers um die demokratische Präsidentschaftskandidatur in den USA, Bernie Sanders, zählen zu ihren Gegnern auch die „Corporate Media“. Den US-amerikanischen „Mainstream-Medien“ wird unterstellt, Sanders´Gegnerin Clinton nur aus machtpolitischen Gründen zu unterstützen.


Demonstration der 68er-Bewegung im Jahr 1969 in Berlin
(Bild: Beyerw, CC BY-SA 3.0)

Was haben diese Gruppen, die grundlegende (System-) Medienkritik betreiben, gemeinsam? Vor allem, dass ihre Weltsicht stark von dem abweicht, was in den Medien dargestellt wird. Dabei geht es selten um die bloßen Fakten. Es geht um den Narrativ dieser Bewegungen, der mit dem Narrativ der großen politischen Medien kollidiert (sehr hörenswert dazu der „Alternativlos”-Podcast Nr. 23). Bei solchen Narrativ-Kollisionen geht es nicht um bloße Fakten, sondern vor allem um eine bestimmte Weltanschauung. Aber auch in der Berichterstattung in den großen Medien spiegelt sich eine bestimmte Weltanschauung, die sich weniger in Faktenberichterstattung ausdrückt, sondern vor allem in der Auswahl berichtenswerter Nachrichten und deren Einordnung in den Gesamtkontext. So entsteht ein „Major Consensus Narrative” – und wenn dieser mit einer bestimmten Weltanschauung nicht kompatibel ist, kommt es zu einer Kollision, die fast zwangsläufig zu Medienkritik führt.

Medienkritik als Selbstverteidigung

Am deutlichsten wird das in Fällen, in denen der „Major Consensus Narrative” darauf hinausläuft, dass eine bestimmte Bewegung als solche unfähig oder schädlich ist. Dann bleibt den Anführern dieser Bewegung gar keine andere Wahl, als grundlegende Medienkritik in ihr Programm aufzunehmen. Denn würden sie den Anhänger ihrer politischen Bewegung keine grundlegende Ablehnung der Medien einimpfen, dann wäre dies das Ende von eben dieser Bewegung.


Teilnehmer einer Pegida-Demo in Frankfurt
(Bild: Opposition24.de, CC BY-SA 2.0)

Insofern lässt sich vermerken: Das Skandieren von Begriffen wie „Lügenpresse“ ist erst einmal Selbstverteidigung einer politischen Interessengruppe, die in den Medien nicht gut wegkommt. Außerdem handelt es sich um Medienkritik, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Dennoch ist diese Medienkritik als solche nicht unberechtigt. Denn in der Tat lässt sich vieles kritisieren, was in großen und kleinen Medien passiert. Beispiele dafür gibt es genug, der interessierte Leser findet Hinweise auf medienkritischen Blogs wie dem Bildblog oder Übermedien.

Sie könnten auch einfach Recht haben

Große Medien sind Wirtschaftsunternehmen, die sich an wirtschaftlichen Kriterien orientieren, wie Auflage, Kosten, Werbeerlösen oder Einschaltquoten. Gleiches gilt (zumindest teilweise) für Journalisten, die mit dem Erzeugen von Medieninhalten ihr Geld verdienen. Daraus ergibt sich eine Eigenlogik, die mit den Bedürfnissen der Mediennutzer nicht immer deckungsgleich ist. Welche Folgen sich aus diesen inneren und äußeren Zwängen der Medienberichterstattung ergeben, ist bekannt und erforscht: Da ist z.B. die starke Tendenz zur Skandalisierung und zur Personalisierung von Sachdebatten. Da ist die ständige Überbetonung von schlechten Nachrichten. Da ist die Tendenz, kostenaufwändige Recherchen auszulassen und die Berichterstattung lieber auf „einfache“ Themen zu konzentrieren.

Und da ist häufig die Tendenz, subjektive Meinungsäußerungen als objektiver darzustellen, als sie sind. Journalistische Darstellungen sind – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – eigentlich immer stark subjektiv geprägt. Der Begriff der „objektiven“ Berichterstattung ist ein medienethisches Leitbild, an dem sich Journalisten orientieren. Aber der Journalismus ist ein Handwerk, bestehend in dem Erzählen von Geschichten über das, was passiert. Und Geschichtenerzählen ist nun einmal stark subjektiv.


Videojournalistin bei der Arbeit
(Bild: Roberto Ferrari, CC BY-SA 2.0)

Dass Medien Teil eines Wirtschaftswettbewerbes und einer Aufmerksamkeitsökonomie sind, hat allerdings negative Effekte aus Sicht derjenigen, die Medien nicht zur Unterhaltung, sondern primär zur Information nutzen wollen.

Der Zwang zur erzählerischen Logik

Medien stehen untereinander im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer. Ein Text oder ein Videobeitrag, der vom Publikum nicht als spannend empfunden wird, ist wenig erfolgreich – und wird von der Redaktion deshalb meist aussortiert, bevor er überhaupt erscheinen kann. Das führt aber dazu, dass Medien ihre Berichterstattung den Bedürfnissen ihrer Nutzer anpassen – und somit einer erzählerischen Logik unterwerfen. Die Berichterstattung über tatsächliche Ereignisse wird dabei aber in gewisser Weise fiktionalisiert:

  • Gesellschaftliche komplexe Interaktionsprozesse werden umgedeutet in „Gruppen”, die einander „bekämpfen”.
  • Häufig werden Entwicklungen personalisiert dargestellt, d.h. Medien berichten statt über eine Interessengruppe oder Partei primär über deren Gruppen- oder Parteiführer.
  • Sachthemen werden häufig auf die Frage verengt, ob bestimmte Personen mit ihnen „erfolgreich” sind. Die Ergebnisse von komplexen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen werden umgedeutet in „Siege“ oder „Niederlagen“.
  • Personen, die einmal in die Handlung eingeführt worden sind, bleiben im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Andere Personen, die im Einzelfall relevanter sind, werden nicht erwähnt – der Leser/Zuschauer kennt sie nicht, er soll nicht verwirrt werden. Die Berichterstattung über Menschengruppen verengt sich auf diese Weise auf wenige Prominente.

Manchmal geht die Tendenz zur medialen „Erzählung“ so weit, dass sogar das extrem starke – aber selten zutreffende – „Gut gegen Böse“-Narrativ eingeführt wird. Einschließlich eines Spannungsbogens über die Frage, ob das „Gute“ das „Böse“ überwinden kann. Beispiele für diese erzählerische Logik lassen sich auf der Titelseite jeder beliebigen Tageszeitung finden; eindrucksvoll beispielsweise an der Berichterstattung der vergangenen Wochen über den „Brexit”.

All dies kann und soll man kritisieren. Es ist sogar dringend notwendig, dass Menschen sich mit der Funktionsweise unserer komplexer werdenden Medienwelt beschäftigen und kritisch damit umzugehen lernen. Eine funktionierende Demokratie setzt das voraus. Aber ist der Vorwurf der „Lügenpresse“ (Pegida), bzw. der „Corporate Media“ (Sanders) deshalb richtig?

Nein, ist er nicht. Denn die „Lügenpresse“-Kritiker machen letztlich denselben Fehler wie die Medien, die sie kritisieren: Sie überbetonen das Negative und ignorieren das Positive. Sie differenzieren nicht. Und sie setzen sich nicht mit den Hintergründen der Probleme auseinander, sondern reduzieren ein komplexes Problem auf einen „personalisierten” Vorwurf („Lügen”).

Die Angst-, Hass-, Gewalt-Filterblasen

Die vorangestellten Erläuterungen erklären einen Teil des „Lügenpresse”-Phänomens – aber sie erklären nicht, wieso das Thema gerade jetzt mit dieser Heftigkeit eskaliert. Warum also gerade jetzt? Wohl vor allem deshalb, weil in den letzten Jahren ein weiterer Katalysator dieser Entwicklung hinzugekommen ist. Denn unsere Medienwelt ist gerade dabei, sich grundlegend zu verändern. Neben die klassischen Medien sind Dienste wie Facebook, WhatsApp, Blogs und Twitter getreten – und diese ermöglichen es immer mehr Menschen, ihre ganz eigene mediale Umgebung aufbauen. Diese Medien sind „personalisiert”, d.h. ausgerichtet auf die Weltanschauung und Interessen des jeweiligen Nutzers. Als Informations- und Nachrichtenquelle verdrängen diese Angebote die klassischen Medien zusehends.

Auf diese Weise entsteht aus Sicht eines individuellen Mediennutzers eine „Filterblase”, die nur solche Medieninhalte durchlässt, die ihn in seiner jeweiligen Meinung bestätigen. In der Filterblase sind dann plötzlich ganz andere Themen relevant als in den Medien; der gefühlte Mainstream-Erzählnarrativ ist ein anderer.


Die „Filterbubble” nach ihrem „Erfinder”, Eli Pariser

Kriterien wie „zutreffende Faktendarstellung” oder „Objektivität” zählen in Social Networks oder Mikromedien wenig. Bei solchen Angeboten gibt es keine professionell arbeitende Schlussredaktion, die sich ihrerseits vor Institutionen wie dem Presserat oder den Landesmedienanstalten verantworten muss. Häufig ist diese Art der „Medienberichterstattung” deshalb unwahr oder verzerrend. Der Hass auf die Medien entsteht daraus, dass viele Menschen (gerade die Pegida-Anhänger) die Informationen aus ihren Filter-Bubbles meist unkritisch rezipieren – und dann in ihren privaten Bekanntenkreis weitertragen.

Beispiele für Falschdarstellungen im Pegida-nahen Umfeld gibt es viele. Für die Anhänger von Pegida sind die eigenen Mikromedien aber die „Wahrheit”, und die entgegenstehende Mainstream-Berichterstattung sind „Lügen“.

Die Gesamtöffentlichkeit bekommt Brüche

Wer nicht durch gezielte Gegenmaßnahmen vermeidet, dass sich die eigene Nachrichtenumgebung zur „Filter-Bubble“ entwickelt, wird heute schnell in eine Situation kommen, in der er in der eigenen Weltanschauung beim Medienkonsum immer nur wieder bestätigt wird. Das Verständnis für die jeweiligen Weltanschauungs-„Gegner” lässt dabei zunehmend nach. Und für jemandem, der die Welt nur durch eine Filterblase wahrnimmt, wirken die Außenstehenden dann irgendwann nur noch wie arme Irre – oder Personen, die man durch die eigene (bessere) Weltanschauung noch erleuchten muss. Das Ergebnis ist, dass das Verständnis für Andersdenkende abnimmt, und oft auch der überschwappende Hass in Social Networks; getragen von Begriffen wie „linksgrün-versifft” oder eben „Lügenpresse”.

Dieses Phänomen gibt es aber nicht nur am rechten Rand, sondern genauso auch bei Linken, bei Tierschützern oder bei Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften. In den „Echokammern“ der sozialen Medien gibt es keine Qualitätskontrolle, die Einhaltung journalistischer Arbeitsregeln beschränkt sich auf ein Minimum. Dadurch erodiert das gegenseitige Verständnis. Und so erodieren letztlich auch das Gemeinschaftsgefühl und die Toleranz füreinander, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Die Gesamtöffentlichkeit bekommt Brüche, zerfällt in Teilöffentlichkeiten. Bestimmte Meinungen verstärken und radikalisieren sich, das Verständnis für Andersdenkende sinkt. Der perfekte Nährboden für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

In dem Vorwurf schwingt auch enttäuschte Liebe mit

Speziell für Pegida gilt außerdem, dass die Kritik meist mit wenig Medienkompetenz gepaart ist. Mein (subjektiver) Eindruck ist, dass in dem „Lügenpresse“-Vorwurf auch etwas „enttäuschte Liebe” mitschwingt. Hier zeigt sich letztlich die Enttäuschung darüber, dass man offenbar nun doch nicht alles glauben kann, das in der Zeitung steht. Diese Enttäuschung haben (bzw. hatten) die Pegida-Anhänger allerdings weitgehend exklusiv für sich. Der Rest der Bevölkerung war beim Medienkonsum schon immer kritisch und nimmt die unvermeidbaren Fehler bei der journalistischen Berichterstattung hin, ohne deshalb gleich Demonstrationen zu organisieren.


Redaktionsräume einer Tageszeitung
(Bild: Ralf Roletschek, CC BY-SA 3.0)

Viele der Phänomene, die ich oben angesprochen habe – ich kenne sie aus meiner täglichen Arbeit als Medienjurist, als Blogger und früher auch als Journalist – sind letztlich nicht zu vermeiden. Das Verwenden einer erzählerischen Logik ergibt sich zwingend aus den Bedürfnissen der Leser. Ein Journalist hat – anders als ein Wissenschaftler, der sich auf trockene Faktendarstellungen konzentrieren kann – nun einmal die Aufgabe, seine Arbeiten so zu gestalten, dass ein Leser sie „spannend“ findet. Kein langweiliger Text schafft es auf die Titelseite einer guten Zeitung. Dasselbe gilt für Texte, die zu komplex sind und die Leser überfordern. Oder für Texte, die Wissen voraussetzen, das im Leserkreis noch nicht bekannt ist.

Wer eine hohe Auflage erreichen will, muss nun einmal beachten, dass negative Nachrichten bei den Lesern/Zuschauern mehr Interesse finden als positive Nachrichten. Und dass Sex, Angst, Hass und Gewalt Nachrichten- und Auflagentreiber sind. Es sind nicht nur die Medien „schuld“ daran. Es sind eben auch die Medienkonsumenten selbst, die dafür die Anreize setzen.


Redaktionskonferenz von jungen Journalisten
(Bild: Jonas Walzberg, CC BY-SA-2.0)

Es ist insofern richtig, wenn Medien die „Lügenpresse”-Kritik als Einladung verstehen, zur Medienkompetenzbildung beizutragen. So wie in einem vielbeachteten Beispiel des MDR, der Pegida-Anhänger in seine Redaktionsräume eingeladen hat. Ein Medienunternehmen, dass sich der (sachlichen) Debatte stellt, zeigt, dass es offen für den Dialog ist – auch über die eigenen Schwächen und Probleme. Andererseits kann auf diese Weise gezeigt werden, welcher (Eigen-) Logik journalistisches Arbeiten heute folgt. Und selbstbewusst offen gezeigt werden: Wir müssen uns nicht verstecken. Wir arbeiten professionell.

Eine „Lügenpresse” gibt es nicht

Denn auch dies kann ich aus meiner praktischen Erfahrung heraus sagen: Die Verschwörungstheorien sind unberechtigt. Eine „Lügenpresse” gibt es ebensowenig wie eine „Corporate Media”. Einen von oben gesteuerten öffentlichen Diskurs gibt es nicht. Dass sich die Berichterstattung in den großen Medien häufig einseitig auf eine bestimmte Sichtweise verengt, ist kritikwürdig. Aber es ist weder ein Beweis für „Lügen”, noch dafür, dass die Berichterstattung durch im Geheimen wirkende Kräfte durchorchestriert wird. Es folgt einfach aus den inhärenten Zwängen der Art und Weise, auf die Medien entstehen.

Die derzeitige deutsche Medienwelt ist, bei allen Schwächen, doch eine sehr gut funktionierende. In Medienunternehmen gibt es Tendenzen (links/rechts/liberal/konservativ etc.), in wenigen Einzelfällen auch gesteuerte Berichterstattung über Einzelthemen. Aber im Großen und Ganzen entstehen Medien als Ergebnis professioneller journalistischer Arbeit. Das kann und sollte man respektieren.

Aus genau diesem Grund wird wohl aus dem Verhältnis zwischen die großen Medien einerseits und AfD/Pegida andererseits wahrscheinlich auch nie eine Liebesgeschichte. Denn wenn große Medien gehalten sind, objektiv über diese Bewegungen zu berichten, dann wird daraus noch lange keine positive Berichterstattung. Wenn objektiver und guter Journalismus dazu führt, dass die Führer von AfD und Pegida in der Öffentlichkeit dastehen wie Vollidioten und Volksverhetzer, dann ist das häufig schlicht und einfach zutreffend. Beispiel Lutz Bachmann: Dass dieser eine Volksverhetzung begangen hat, ist mittlerweile durch ein Gericht (erstinstanzlich) festgestellt. Wer Medienberichterstattung darüber für „Lügen” hält, der würde vermutlich auch das perfekte, ausschließlich objektiv und wahrheitsgemäß unterrichtende Medienunternehmen immer noch beschimpfen.

Und wenn Pegida-Demonstranten auf den eigenen Versammlungen Journalisten mit Gewalt angreifen, wenn Pegida-Ordner Journalisten bei ihrer Arbeit behindern, dann ist das nicht nur menschlich ungehörig, sondern einfach auch schlechte Pressearbeit. Darauf darf man in der Berichterstattung reagieren, auch als professioneller Journalist.


Pegida-Demonstration in Dresden
(Bild: Kalispera Dell, CC BY 3.0)

An den Ansprüchen von Menschen, die Volksverhetzung und Prügelangriffe auf Journalisten für Kavaliersdelikte halten, muss und sollte sich kein Medienunternehmen in Deutschland orientieren. Forderungen nach „Qualität“, „Objektivität“ oder „Vielfalt“ in den Medien, die letztlich darauf hinauslaufen, die Weltsicht von anti-sozialen, menschenfeindlichen Gruppierungen aufzunehmen, sind zurückzuweisen. Man kann über solche Äußerungen und Gruppen berichten. Aber das hat nichts mit Anbiederung zu tun. Und erst Recht muss sich kein Journalist zum Gehilfen dieser Gruppen machen, indem er ihre Botschaften weitertransportiert.

Insbesondere gilt das für den immer wieder erhobenen Vorwurf, in der Medienberichterstattung würden bestimmte Informationen ausgelassen, z.B. die Staatsangehörigkeit des Täters von Straftaten. Oft genug gibt es dafür gute Gründe. Denn die Auslassung dieser Information ist meist das Ergebnis einer auf moralischen Kriterien basierenden Abwägung des verantwortlichen Journalisten. Denn an journalistische Arbeit sind eben nicht nur abstrakte Qualitätskriterien anzulegen, sondern auch ethische.

Auch die Objektivität hat Grenzen

Wer dies bestreiten will, also die Ansicht vertritt, dass Medienberichterstattung nicht „moralisch” zu sein habe, sondern „objektiv”, der setze sich bitte mit dem sog. Werther-Effekt auseinander: Es ist bekannt, dass Medienberichte über Selbstmorde zu weiteren Selbstmorden führen. Das heißt: Bestimmte Medienberichte können töten. Journalisten wissen dies, und deshalb wird in vielen Medienberichten die Information, dass eine Selbsttötung stattgefunden hat, gezielt ausgelassen. Ist das noch objektiv? Sicherlich nicht, für viele Medienkonsumenten wäre diese Information interessant. Aber es ist nicht dennoch richtig, diese Information auszulassen. Kann man einem Journalisten vorwerfen, wenn er darauf verzichtet, Menschen zum Selbstmord zu verleiten? Meine Meinung: Das kann man nicht. Es ist richtig, dass in solchen Fällen die Berichterstattung gezielt lückenhaft ist. Das Auslassen von relevanten Informationen kann in einem solchen Fall Leben retten.

Das Beispiel ist drastisch, aber es zeigt, dass Medienunternehmen und Journalisten zu Recht auch dafür Verantwortung übernehmen, welche Folgen ihre Berichte auslösen. Und dies gilt eben nicht nur für Selbstmorde, sondern – in Abstufungen – auch für die Berichterstattung über bestimmte Volks- oder Religionsgruppen. Und ganz allgemein für die Berichterstattung über hass- und angstgetriebene Themen wie z.B. Vergewaltigungen.

Denn genauso wie ein Journalist nicht aus Gründen der beruflichen Professionalität Selbstmorde (mit-) verursachen muss, so muss er auch nicht dabei mitwirken, wenn sich in Deutschland der Hass gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen hochschaukelt. Er darf berücksichtigen, welche Folgen es für unser Gemeinwesen hat, wenn eine bestimmte Art der Berichterstattung dazu führt, dass (unschuldige) Menschen in Gefahr geraten, bloß weil sie Angehörige einer bestimmten Religion sind, eine bestimmte Hautfarbe haben oder als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Denn auch in diesen Bereichen kann Berichterstattung zu aufschaukelndem Hass führen, und letztlich auch töten. Die vielen Brandanschläge auf Asylbewerberunterkünfte oder der Messerangriff auf Henriette Reker belegen das eindeutig.

Fazit: Im Großen und Ganzen unberechtigt, aber dennoch ernst zu nehmen

Fazit: Der Lügenpresse-Vorwurf ist im Großen und Ganzen unberechtigt &ndasn; das heißt allerdings nicht, dass man ihn nicht ernst nehmen sollte. Denn die dahinter stehenden Probleme sind real.

In vielen Aspekten spiegelt sich in dem Vorwurf einfach ein Phänomen der sich verändernden Medienordnung. Veränderung als solche ist nichts schlechtes. Aber für das Filterbubble-Phänomen und den daraus folgenden nachlassenden gesellschaftlichen Zusammenhalt sollte unsere Gesellschaft Gegenmittel entwickeln. Hier stehen wird noch am Anfang der Debatte.

Es wäre außerdem falsch, die „Lügenpresse”-Kritik in dieser Pauschalität ernst zu nehmen oder sie gar zu unterstützen. Das Problem hat keine einseitige Ursache, und deshalb kann es auch keine einseitige Lösung geben. Man kann – und sollte – allerdings an einem „Lösungscocktail” arbeiten, zu dem viele Zutaten gehören: Dazu gehören offene Debatte, Medienkompetenzbildung in- und außerhalb von Schulen, aber auch Kritikfähigkeit bei den Medien selbst – und der Wille, bestimmte Kritik auch aufzunehmen und zu verarbeiten. All dies passiert zum Glück bereits.

Lesenswert zum selben Thema: „Warum wir Misstrauen mit Offenheit begegnen müssen” von Froben Homburger, Nachrichtenchef der dpa.
Ebenfalls lesenswert: „Eine vergebliche Suche nach der Lügenpresse” von Carsten Reinmann und Nayla Fawzi.

  • Dr. Simon Assion ist Mitgründer von Telemedicus und Rechtsanwalt bei Bird&Bird.

, Telemedicus v. 06.07.2016, https://tlmd.in/a/3103

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