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Die Inhalte der Wikipedia sollen zukünftig unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht werden. Zumindest wenn es nach Jimmy Wales geht, dem Gründer der Wikipedia. Aber geht das so einfach? Unter welchen Voraussetzungen könnte so ein Lizenzwechsel stattfinden? Diese und weitere Fragen beantwortet Dr. Till Jaeger. Er ist Rechtsanwalt in Berlin und Mitbegründer des „Instituts für Rechtsfragen der Freien und Open Source Software“.

Welchen Vorteil hat überhaupt eine Creative Commons Lizenz gegenüber der „GNU Free Documentation License“, die bei der Wikipedia bisher zum Einsatz kommt?

Eine Creative Commons Lizenz ist durch die grafische Darstellung deutlich verständlicher als die GFDL – zumindest in der Theorie. Wahrscheinlich hätte sie auch eine höhere Akzeptanz bei den Anwendern. Außerdem ist die GFDL eigentlich für Software-Dokumentationen geschrieben und für Online-Texte und Enzyklopädien ursprünglich gar nicht gedacht. Die Creative Commons Lizenz setzt sich zum Beispiel in einigen Versionen auch mit Verwertungsgesellschaften auseinander, was die GFDL überhaupt nicht berücksichtigt.

Unter welchen Voraussetzungen kann so ein Lizenzwechsel denn durchgeführt werden?

Voraussetzung wäre entweder, dass alle Urheber zustimmen oder dass die Lizenz eine Änderung zulässt. Ersteres wäre natürlich bei der Wikipedia mit sehr vielen Urhebern schwierig. Die GFDL lässt aber zu, dass Inhalte auch unter einer neueren Version der GFDL lizenziert werden können. „Or any later version“ heißt es da im Original.

Es ist die Frage, ob mit so einer neuen Version der GFDL auch eine Öffnung zu den Creative Commons Lizenzen stattfinden kann. Ob dann eine vollständige Umlizenzierung auf Creative Commons möglich ist, hängt dann stark davon ab, wie so eine Öffnungsklausel aussehen würde.

Ich kann also nicht mal eben von der jetzigen GFDL auf eine Creative Commons Lizenz wechseln?

Genau, zunächst braucht man eine neue Version der GFDL, mit der man dann unter Umständen eine vollständige Umlizenzierung ermöglichen könnte.

In der GFDL heißt es, eine Änderung der Lizenz muss „im Geiste“ der „Free Documentation Licence“ sein. Wäre denn eine Öffnung, bzw. sogar eine mögliche Umlizenzierung zur Creative Commons „im Geiste“ der GFDL?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Sicherlich kann man sagen, dass nur eine „share alike“ Version von Creative Commons „im Geiste“ der GFDL ist, also die Lizenzierung unter der Voraussetzung, dass geänderte Werke ebenfalls unter der gleichen Lizenz veröffentlicht werden müssen. Andere Modelle der Creative Commons ohne „share alike“ weichen grundsätzlich von der GFDL ab, zum Beispiel auch wenn sie eine kommerzielle Nutzung einschränken. Es kommen also nicht alle Versionen von Creative Commons in Betracht. Ob die Creative Commons an sich im Geiste der GFDL ist, kann sicherlich ein Streitpunkt sein.

Und welche Rolle spielt die Free Software Foundation?

Eine neue Version der GFDL muss von der Free Software Foundation beschlossen werden. Veröffentlicht die FSF keine neue Lizenzversion, ist ein Wechsel nicht möglich. Es gibt auch schon neue Entwürfe der GFDL. Was aber in Zukunft noch genau geplant ist, weiß ich leider nicht.

Glauben Sie, dass die GFDL überhaupt noch Zukunft hat oder wird sie langfristig komplett durch Creative Commons ersetzt?

Im Bereich Software-Dokumentationen hat die GFDL wohl auch weiterhin ihre Berechtigung. Es gibt natürlich einige Kritikpunkte, wobei einige davon in den neuen Entwürfen berücksichtigt werden. In anderen Bereichen werden aber wohl die Creative Commons-Lizenzen zunehmend zum Einsatz kommen.

Wie sehen die Vorteile im Bereich Software-Dokumentation genau aus?

Sie ist sehr ausführlich, was „modified Versions“ angeht, also wann und in welchem Umfang eine Veränderung des ursprünglichen Textes überhaupt vorliegt. Sie geht auch auf technische Formate wie LaTeX ein. Generell ist sie in technischen Bereichen sehr konkret, was bei Creative Commons nicht der Fall ist. Ob das aber wirklich notwendig ist, ist eine andere Frage.

Letztendlich können das nur diejenigen beurteilen, die Software-Dokumentationen schreiben und sie unter der GFDL veröffentlichen. Es kommt also auch auf die Akzeptanz bei den Nutzern der Lizenz an. In meiner juristischen Praxis spielt die GFDL jedoch keine große Rolle.

Halten Sie persönlich einen Wechsel der Lizenz bei der Wikipedia für sinnvoll?

Ich glaube, dass die Creative Commons Lizenzen besser für die Wikipedia geeignet sind. Aber diesen Vorteil darf man nicht für den Preis von Rechtsunsicherheit erkaufen. Eine Überlegung wäre vielleicht ein Dual-Licensing-Modell. Also dass man neue Inhalte unter die Creative Commons oder bzw. gleichzeitig unter die GFDL setzt und so den Übergang stückweise gestaltet.

Aber bisher hat die Wikipedia ja funktioniert, insofern würde ich sagen, dass es zumindest aus juristischer Sicht kein Hauptthema ist.

Vielen Dank für das Interview.

Dr. Till Jaeger is Partner von JBB Rechtsanwälte in Berlin. Die Kanzlei hat mehrfach den Verein Wikimedia Deutschland e.V. vertreten, Herr Dr. Jaeger gab uns das Interview jedoch nicht in der Funktion als Rechtsanwalt der Wikimedia Deutschland.

„Wikipedia-Inhalte sollen unter Creative-Commons-Lizenz gestellt werden können“ bei Heise online.
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