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Während sich in den Industrieländern Technologien immer schneller weiterentwickeln, haben es die sog. „Entwicklungsländer“ immer schwerer, an diesen Entwicklungen teilzuhaben. „Digital Divide“ nennt sich diese Kluft zwischen arm und reich, offline und online. Manchmal entscheidet sie auch über Leben und Tod: etwa dann, wenn es um Zugang zu medizinischen Informationen geht. Die wichtigsten Fragen zum Thema beantwortet Balthas Seibold, zuständig für „Informations- und Kommunikationstechnologien“ bei der Organisation für Entwicklungszusammenarbeit „InWEnt“. Seine These: Es geht nicht nur um den reinen Zugang zum Internet - das Problem liegt tiefer.

Herr Seibold, Sie sind Entwicklungshelfer und IT-Spezialist. Was hat Entwicklungshilfe mit Informationstechnologie zu tun?

Es gibt besonders in Entwicklungsländern ungeheuren Durst nach Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung. Der kann jetzt über die modernen Kommunikationsmedien sehr gut gestillt werden. Die Frage ist aber, ob wir durch das Internet und die angeschlossenen Dienste überhaupt die Chancen auf Bildung ermöglichen.

Übrigens bevorzuge ich den Begriff der „Entwicklungszusammenarbeit“.

Sie haben die These aufgestellt, dass nicht der physikalische Zugang zum Netz das Problem ist, sondern eher die Kompetenz zur Nutzung. Sie sprechen dabei von „Learning Divide“ und „Innovation Divide“. Was genau meinen Sie damit?

Ich meine gar nicht, dass es keine „Access Divide“ gibt, also kein Problem damit, Entwicklungsländern überhaupt erst den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Ich meine nur, dass die Reduzierung auf „Access Divide“ etwas zu kurz gegriffen ist, wenn man über das Thema spricht. Natürlich braucht man in gewissem Umfang Zugriff zum Internet, aber da gibt es auch oft schon hilfreiche Modelle in Entwicklungsländern. Zum Beispiel gemeinschaftlicher Zugang zum Internet in Internet-Cafés oder andere Technologien wie das Handy, mit dem man eine einfachere Infrastruktur schaffen kann.

Was genau ist die „Learning Divide“?

Bei der „Learning Divide“ geht es sowohl um Inhalte, die über digitale Medien vermittelt werden, als auch um die Umgebung, also etwa die Schulung von Fachleuten vor Ort. Oft fehlt beides: Einerseits das Know-How, wie man IT-Systeme bereitstellt, andererseits auch die Inhalte selbst. Die müssen auch die tatsächlichen Bedürfnisse in Entwicklungsländern befriedigen. Ganz oben stehen zum Beispiel landwirtschaftliche Informationen, aber auch Gesundheitsinformationen und alles was Bildung betrifft.

Und was ist demgegenüber die „Innovation Divide“?

Das Internet unterliegt sehr schnellen Innovationszyklen, ist aber auch oft die einzige Chance, um Innovationen in anderen Wissensgebieten zu fördern. Das betrifft vor allem Gebiete, wo sich die Halbwertszeit von Wissen in letzter Zeit extrem verkleinert hat, etwa Gesundheit oder nachhaltiges Wirtschaften in einer globalisierten Welt. Was in diesen Bereichen heute noch stimmt, stimmt unter Umständen schon morgen nicht mehr. Hier spielen moderne Kommunikationsmittel eine Schlüsselrolle, weil man ohne die gar nicht mehr diesen schnellen Innovationszyklen folgen kann.

Wie wollen sie die „Innovation Divide“ überwinden?

Es zum einen geht es darum, eine Institutionenlandschaft vor Ort zu bauen, die überhaupt solche Innovationen mitmachen kann. Zum Beispiel die Zusammenarbeit von forschenden Institutionen, Bildungsinstitutionen und Wirtschaft.
Zum anderen spielt hier auch die gezielte Ausbildung von IT-Spezialisten eine Rolle, damit andere Gruppen, wie z.B. Wissenschaftler, durch eine lokale IT-Service-Industrie überhaupt Zugang zu den Innovationszyklen bekommen.

Wir haben gerade ein Projekt sehr erfolgreich abgeschlossen, wo es darum geht, Mitglieder von Kooperativen wie Bauern oder andere Gewerbetreibende gezielt zu schulen, für die etwa professionelles Marketing immer wichtiger wird,. Da hat es früher gereicht, wenn die etwa ihre Flaschen mit Hand beschriftet haben. Aber heute verkaufen die Kleinstunternehmer einfach ihre Produkte nicht mehr, wenn die Flaschen keine professionellen Labels haben. Und was dort nun explizit gefehlt hat, waren IT-Spezialisten, die ihr Wissen, an diese Kleinunternehmer, oft Frauen, weitergeben können - etwa wie man per Computer so ein Label erstellt. Und so nutzen wir die Technologien, um ganz konkrete Probleme der Menschen vor Ort zu lösen. Insbesondere geben wir den Menschen die Chance, sich der modernen Kommunikationsmittel zu bedienen, um die nächste Innovation, die sie zu bewältigen haben, mitzumachen.

Welche Rolle spielen dabei wirtschaftliche Effekte, also inwiefern können sie für die freie Wirtschaft Impulse geben, selbst in neue Märkte in Entwicklungsländern zu investieren?

Konkret geht es darum, kleine und mittlere Unternehmen in den Ländern aufzubauen. Zum Beispiel machen wir in Vietnam gerade ein Projekt, in dem wir Unternehmen Geschäftsmodelle von freier Software vorstellen, um dort die IT-Industrie zu fördern.

Durch technologische Entwicklung können so ganz neue Märkte geschaffen werden. Sehr oft hilft da die „Lokalisierung“, also die Übersetzung von Software in die entsprechende Landessprache. In Entwicklungsländern wird Software in lokalen Sprachen von den Unternehmen oft zunächst nicht als rentabel angesehen. Aber nachdem Free- und Open Source-Software, wie zum Beispiel Open Office, dazu übergegangen ist, etwa die Software in Kisuaheli zu übersetzen, sind dann auch andere kommerzielle Anbieter aufgewacht und haben nachgezogen, um in dem Markt keine Anteile zu verlieren – auch wenn er noch nicht als „Geldmarkt“ vorhanden ist.

Spielt der Markt denn immer nur eine positive Rolle?

Es gibt natürlich auch Marktentwicklungen zu Ungunsten von Ländern und Regionen. Viele Experten konstatieren, dass besonders der Patentschutz und das Urheberrecht zum großen Teil von Ländern des Nordens kontrolliert werden. So sind etwa über zwei Drittel der weltweiten Patente aus den reichen Industrie-Ländern. Darunter leiden dann die Länder, die auf solche Innovationen angewiesen sind, um ihre eigene Entwicklung voranzutreiben. Die Folge ist etwa im Softwarebereich, dass sehr viel Piraterie herrscht, was nicht im Sinne des Systems sein kann und auch nicht im Sinne der Länder ist, die so in die Illegalität getrieben werden.

Welche Bestrebungen gibt es, die urheber- und patentrechtlichen Probleme zu lösen?

Das ist eine sehr komplexe internationale Diskussion. Wir von InWEnt konzentrieren uns eher auf den Bereich der Weiterbildung und Entwicklung, also technische Rahmenbedingungen. Wir versuchen aber, in unseren Partnerländern Entscheidungsträger mit sog. „Capacity Building-Programmen“ gezielt zu fördern und weiterzubilden. Mit dem Ziel, Voraussetzungen für verantwortliches Regierungshandeln zu schaffen. Aber es gibt natürlich auch an anderen Stellen ganz spannende Diskussionen, etwa im Rahmen der WIPO.

Insgesamt empfinden viele Entwicklungsländer die Situation aber als sehr unbefriedigend. Bekanntestes Beispiel sind natürlich die Medikamente, die wegen des Patentschutzes nicht zu annehmbaren Preisen zu Verfügung stehen.

Welche Ansätze halten Sie für sinnvoll?

Während es im Bereich der Medikamente spannende Initiativen gibt, denken noch wenige darüber nach, was eigentlich mit Informationen passiert, die auch lebensrettend sein können. Da sollte es auch eine Möglichkeit geben, Informationen denen zur Verfügung zu stellen, die sie brauchen.

Meine persönliche Meinung ist, dass es wichtig ist, auf verschiedenen Ebenen „freie“ Alternativen zu haben. „Frei“ heißt nicht kostenlos, sondern frei zugänglich. Um zurück zu den digitalen Medien zu kommen, betrifft das sowohl die Hardware, als auch die Software, eben das Opensource-Modell, und die Inhalte.

Hier gibt es ja weltweit Bewegungen, wonach etwa wissenschaftliche Publikationen der Allgemeinheit frei zur Verfügung stehen sollten. Das ist die „Open Access“ Idee. Auch im Bereich „Open Content“ tut sich viel. Am bekanntesten ist wohl die Creative Commons-Lizenz, die gerade in unserem Bereich von Fort- und Weiterbildung sehr spannend ist. Denn wir wollen ja gerade, dass ein Trainer-Handbuch, das wir geschrieben haben, so breit wie möglich gestreut wird, dass auch andere Leute wieder daran arbeiten können. Mit offenen Lizenzen haben wir die Möglichkeit dazu.

Welche Rolle spielen freie Inhalte denn in der Praxis der Entwicklungshilfe?

Mein Gefühl ist, dass es da noch zu wenig davon gibt. In der industrialisierten Welt ist Open Content nur „nice to have“, aber eben nicht überlebensnotwendig. Daher gibt es hier nicht so das Bewusstsein, dass man mit freien Inhalten Menschen helfen kann. Aber der Bedarf ist auf jeden Fall da. Ein Beispiel aus unserer Praxis: Wir haben im Moment das Problem, Trainings-Material im Bereich „Wie kann ich Linux administrieren?“ zu bekommen. Das ist interessant, dass es da gar nicht so viele Materialien als Open Content gibt. Denn sehr oft ist es das Geschäftsmodell von Opensource-Projekten und Trainings-Instituten, genau diese aktuellen Trainingsmaterialien zu verkaufen. An diesem Beispiel sieht man sehr gut, dass es im Einzelfall schwierig ist, die Balance herzustellen, zwischen dem ja durchaus berechtigten Geschäftsinteresse dieser Institute und der Möglichkeit der freien Nutzung in Entwicklungsländern.

Vielen Dank für das Interview.

„InWEnt - Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH“ ist eine gemeinnützige Gesellschaft und ist ein Durchführungsorgan der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Das Unternehmen gehört u.a. dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. InWEnt ist auf Fort- und Weiterbildung spezialisiert und arbeitet sowohl in Deutschland, als auch international.

Das Interview fand im Rahmen der Tagung „Internetökonomie und Ethik“ statt. Wir danken dem Veranstalter, der Akademie Franz-Hitze-Haus, dass sie uns das Interview ermöglicht hat.


Die Homepage der InWEnt gGmbH.

Informationen zu IT-Projekten von InWEnt.
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