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Eine Stellungnahme von Simon Assion

Ich denke, es ging nicht nur mir so. Die Bilder von älteren Männern, die durch Dresdens Straßen ziehen, „Lügenpresse“ skandieren und dabei wütend ihre Fäuste schütteln, haben mich durchaus erschreckt. Nicht wegen der drastischen Wortwahl. Sondern deshalb, weil es ältere Männer waren. Also keine Gruppe, von der man radikale Systemkritik sonst gewöhnt ist – und erst Recht nicht am Mediensystem. Was treibt diese Menschen auf die Straße?

Um die „Lügenpresse”-Kritik zunächst einmal ins Verhältnis zu setzen: Fundamentalkritik an Medien ist in Deutschland nichts Neues. Und sie ist – auch wenn der Begriff „Lügenpresse” in einer schaurigen Tradition steht – kein Exklusivstatus von Rechten. Auch für die 68er-Bewegung war prägend, die Medien des Springer-Verlags abzulehnen, vor allem die meinungsmächtige Bild-Zeitung. „Enteignet Springer“ war ein prägender Slogan dieser Bewegung, auf dem Höhepunkt gab es sogar Brandanschläge. Andererseits entstand damals auch die Tageszeitung taz, heute eine der wichtigen Stimmen im demokratischen Diskurs, aus dem Versuch, gegen die etablierten Medien ein publizistisches Gegengewicht aufzubauen.

Und auch ganz aktuell gibt es eine linke Bewegung, die ihren Teilnehmern einimpft, den Medien nicht zu glauben: Die Unterstützer des linken Bewerbers um die demokratische Präsidentschaftskandidatur in den USA, Bernie Sanders, zählen zu ihren Gegnern auch die „Corporate Media“. Den US-amerikanischen „Mainstream-Medien“ wird unterstellt, Sanders´Gegnerin Clinton nur aus machtpolitischen Gründen zu unterstützen.


Demonstration der 68er-Bewegung im Jahr 1969 in Berlin
(Bild: Beyerw, CC BY-SA 3.0)

Was haben diese Gruppen, die grundlegende (System-) Medienkritik betreiben, gemeinsam? Vor allem, dass ihre Weltsicht stark von dem abweicht, was in den Medien dargestellt wird. Dabei geht es selten um die bloßen Fakten. Es geht um den Narrativ dieser Bewegungen, der mit dem Narrativ der großen politischen Medien kollidiert (sehr hörenswert dazu der „Alternativlos”-Podcast Nr. 23). Bei solchen Narrativ-Kollisionen geht es nicht um bloße Fakten, sondern vor allem um eine bestimmte Weltanschauung. Aber auch in der Berichterstattung in den großen Medien spiegelt sich eine bestimmte Weltanschauung, die sich weniger in Faktenberichterstattung ausdrückt, sondern vor allem in der Auswahl berichtenswerter Nachrichten und deren Einordnung in den Gesamtkontext. So entsteht ein „Major Consensus Narrative” – und wenn dieser mit einer bestimmten Weltanschauung nicht kompatibel ist, kommt es zu einer Kollision, die fast zwangsläufig zu Medienkritik führt.

Medienkritik als Selbstverteidigung


Am deutlichsten wird das in Fällen, in denen der „Major Consensus Narrative” darauf hinausläuft, dass eine bestimmte Bewegung als solche unfähig oder schädlich ist. Dann bleibt den Anführern dieser Bewegung gar keine andere Wahl, als grundlegende Medienkritik in ihr Programm aufzunehmen. Denn würden sie den Anhänger ihrer politischen Bewegung keine grundlegende Ablehnung der Medien einimpfen, dann wäre dies das Ende von eben dieser Bewegung.


Teilnehmer einer Pegida-Demo in Frankfurt
(Bild: Opposition24.de, CC BY-SA 2.0)

Insofern lässt sich vermerken: Das Skandieren von Begriffen wie „Lügenpresse“ ist erst einmal Selbstverteidigung einer politischen Interessengruppe, die in den Medien nicht gut wegkommt. Außerdem handelt es sich um Medienkritik, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Dennoch ist diese Medienkritik als solche nicht unberechtigt. Denn in der Tat lässt sich vieles kritisieren, was in großen und kleinen Medien passiert. Beispiele dafür gibt es genug, der interessierte Leser findet Hinweise auf medienkritischen Blogs wie dem Bildblog oder Übermedien.

Sie könnten auch einfach Recht haben


Große Medien sind Wirtschaftsunternehmen, die sich an wirtschaftlichen Kriterien orientieren, wie Auflage, Kosten, Werbeerlösen oder Einschaltquoten. Gleiches gilt (zumindest teilweise) für Journalisten, die mit dem Erzeugen von Medieninhalten ihr Geld verdienen. Daraus ergibt sich eine Eigenlogik, die mit den Bedürfnissen der Mediennutzer nicht immer deckungsgleich ist. Welche Folgen sich aus diesen inneren und äußeren Zwängen der Medienberichterstattung ergeben, ist bekannt und erforscht: Da ist z.B. die starke Tendenz zur Skandalisierung und zur Personalisierung von Sachdebatten. Da ist die ständige Überbetonung von schlechten Nachrichten. Da ist die Tendenz, kostenaufwändige Recherchen auszulassen und die Berichterstattung lieber auf „einfache“ Themen zu konzentrieren.

Und da ist häufig die Tendenz, subjektive Meinungsäußerungen als objektiver darzustellen, als sie sind. Journalistische Darstellungen sind – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – eigentlich immer stark subjektiv geprägt. Der Begriff der „objektiven“ Berichterstattung ist ein medienethisches Leitbild, an dem sich Journalisten orientieren. Aber der Journalismus ist ein Handwerk, bestehend in dem Erzählen von Geschichten über das, was passiert. Und Geschichtenerzählen ist nun einmal stark subjektiv.


Videojournalistin bei der Arbeit
(Bild: Roberto Ferrari, CC BY-SA 2.0)

Dass Medien Teil eines Wirtschaftswettbewerbes und einer Aufmerksamkeitsökonomie sind, hat allerdings negative Effekte aus Sicht derjenigen, die Medien nicht zur Unterhaltung, sondern primär zur Information nutzen wollen.

Der Zwang zur erzählerischen Logik


Medien stehen untereinander im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer. Ein Text oder ein Videobeitrag, der vom Publikum nicht als spannend empfunden wird, ist wenig erfolgreich – und wird von der Redaktion deshalb meist aussortiert, bevor er überhaupt erscheinen kann. Das führt aber dazu, dass Medien ihre Berichterstattung den Bedürfnissen ihrer Nutzer anpassen – und somit einer erzählerischen Logik unterwerfen. Die Berichterstattung über tatsächliche Ereignisse wird dabei aber in gewisser Weise fiktionalisiert:

  • Gesellschaftliche komplexe Interaktionsprozesse werden umgedeutet in „Gruppen”, die einander „bekämpfen”.

  • Häufig werden Entwicklungen personalisiert dargestellt, d.h. Medien berichten statt über eine Interessengruppe oder Partei primär über deren Gruppen- oder Parteiführer.

  • Sachthemen werden häufig auf die Frage verengt, ob bestimmte Personen mit ihnen „erfolgreich” sind. Die Ergebnisse von komplexen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen werden umgedeutet in „Siege“ oder „Niederlagen“.

  • Personen, die einmal in die Handlung eingeführt worden sind, bleiben im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Andere Personen, die im Einzelfall relevanter sind, werden nicht erwähnt – der Leser/Zuschauer kennt sie nicht, er soll nicht verwirrt werden. Die Berichterstattung über Menschengruppen verengt sich auf diese Weise auf wenige Prominente.

Manchmal geht die Tendenz zur medialen „Erzählung“ so weit, dass sogar das extrem starke – aber selten zutreffende – „Gut gegen Böse“-Narrativ eingeführt wird. Einschließlich eines Spannungsbogens über die Frage, ob das „Gute“ das „Böse“ überwinden kann. Beispiele für diese erzählerische Logik lassen sich auf der Titelseite jeder beliebigen Tageszeitung finden; eindrucksvoll beispielsweise an der Berichterstattung der vergangenen Wochen über den „Brexit”.

All dies kann und soll man kritisieren. Es ist sogar dringend notwendig, dass Menschen sich mit der Funktionsweise unserer komplexer werdenden Medienwelt beschäftigen und kritisch damit umzugehen lernen. Eine funktionierende Demokratie setzt das voraus. Aber ist der Vorwurf der „Lügenpresse“ (Pegida), bzw. der „Corporate Media“ (Sanders) deshalb richtig?

Nein, ist er nicht. Denn die „Lügenpresse“-Kritiker machen letztlich denselben Fehler wie die Medien, die sie kritisieren: Sie überbetonen das Negative und ignorieren das Positive. Sie differenzieren nicht. Und sie setzen sich nicht mit den Hintergründen der Probleme auseinander, sondern reduzieren ein komplexes Problem auf einen „personalisierten” Vorwurf („Lügen”).

Die Angst-, Hass-, Gewalt-Filterblasen


Die vorangestellten Erläuterungen erklären einen Teil des „Lügenpresse”-Phänomens – aber sie erklären nicht, wieso das Thema gerade jetzt mit dieser Heftigkeit eskaliert. Warum also gerade jetzt? Wohl vor allem deshalb, weil in den letzten Jahren ein weiterer Katalysator dieser Entwicklung hinzugekommen ist. Denn unsere Medienwelt ist gerade dabei, sich grundlegend zu verändern. Neben die klassischen Medien sind Dienste wie Facebook, WhatsApp, Blogs und Twitter getreten – und diese ermöglichen es immer mehr Menschen, ihre ganz eigene mediale Umgebung aufbauen. Diese Medien sind „personalisiert”, d.h. ausgerichtet auf die Weltanschauung und Interessen des jeweiligen Nutzers. Als Informations- und Nachrichtenquelle verdrängen diese Angebote die klassischen Medien zusehends.

Auf diese Weise entsteht aus Sicht eines individuellen Mediennutzers eine „Filterblase”, die nur solche Medieninhalte durchlässt, die ihn in seiner jeweiligen Meinung bestätigen. In der Filterblase sind dann plötzlich ganz andere Themen relevant als in den Medien; der gefühlte Mainstream-Erzählnarrativ ist ein anderer.


Die „Filterbubble” nach ihrem „Erfinder”, Eli Pariser

Kriterien wie „zutreffende Faktendarstellung” oder „Objektivität” zählen in Social Networks oder Mikromedien wenig. Bei solchen Angeboten gibt es keine professionell arbeitende Schlussredaktion, die sich ihrerseits vor Institutionen wie dem Presserat oder den Landesmedienanstalten verantworten muss. Häufig ist diese Art der „Medienberichterstattung” deshalb unwahr oder verzerrend. Der Hass auf die Medien entsteht daraus, dass viele Menschen (gerade die Pegida-Anhänger) die Informationen aus ihren Filter-Bubbles meist unkritisch rezipieren – und dann in ihren privaten Bekanntenkreis weitertragen.

Beispiele für Falschdarstellungen im Pegida-nahen Umfeld gibt es viele. Für die Anhänger von Pegida sind die eigenen Mikromedien aber die „Wahrheit”, und die entgegenstehende Mainstream-Berichterstattung sind „Lügen“.

Die Gesamtöffentlichkeit bekommt Brüche


Wer nicht durch gezielte Gegenmaßnahmen vermeidet, dass sich die eigene Nachrichtenumgebung zur „Filter-Bubble“ entwickelt, wird heute schnell in eine Situation kommen, in der er in der eigenen Weltanschauung beim Medienkonsum immer nur wieder bestätigt wird. Das Verständnis für die jeweiligen Weltanschauungs-„Gegner” lässt dabei zunehmend nach. Und irgendwann jemandem, der die Welt nur durch eine Filterblase wahrnimmt, die Außenstehenden nur noch wie arme Irre vor. Das Ergebnis dieses abnehmenden Verständnisses für politisch Andersdenkende ist der überschwappende Hass in Social Networks, getragen von Begriffen wie „linksgrün-versifft” oder eben „Lügenpresse”.

Dieses Phänomen gibt es aber nicht nur am rechten Rand, sondern genauso auch bei Linken, bei Tierschützern oder bei Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften. In den „Echokammern“ der sozialen Medien gibt es keine Qualitätskontrolle, die Einhaltung journalistischer Arbeitsregeln beschränkt sich auf ein Minimum. Dadurch erodiert das gegenseitige Verständnis. Und so erodieren letztlich auch das Gemeinschaftsgefühl und die Toleranz füreinander, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Die Gesamtöffentlichkeit bekommt Brüche, zerfällt in Teilöffentlichkeiten. Bestimmte Meinungen verstärken und radikalisieren sich, das Verständnis für Andersdenkende sinkt. Der perfekte Nährboden für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

In dem Vorwurf schwingt auch enttäuschte Liebe mit


Speziell für Pegida gilt außerdem, dass die Kritik meist mit wenig Medienkompetenz gepaart ist. Mein (subjektiver) Eindruck ist, dass in dem „Lügenpresse“-Vorwurf auch etwas „enttäuschte Liebe” mitschwingt. Hier zeigt sich letztlich die Enttäuschung darüber, dass man offenbar nun doch nicht alles glauben kann, das in der Zeitung steht. Diese Enttäuschung haben (bzw. hatten) die Pegida-Anhänger allerdings weitgehend exklusiv für sich. Der Rest der Bevölkerung war beim Medienkonsum schon immer kritisch und nimmt die unvermeidbaren Fehler bei der journalistischen Berichterstattung hin, ohne deshalb gleich Demonstrationen zu organisieren.


Redaktionsräume einer Tageszeitung
(Bild: Ralf Roletschek, CC BY-SA 3.0)

Viele der Phänomene, die ich oben angesprochen habe – ich kenne sie aus meiner täglichen Arbeit als Medienjurist, als Blogger und früher auch als Journalist – sind letztlich nicht zu vermeiden. Das Verwenden einer erzählerischen Logik ergibt sich zwingend aus den Bedürfnissen der Leser. Ein Journalist hat – anders als ein Wissenschaftler, der sich auf trockene Faktendarstellungen konzentrieren kann – nun einmal die Aufgabe, seine Arbeiten so zu gestalten, dass ein Leser sie „spannend“ findet. Kein langweiliger Text schafft es auf die Titelseite einer guten Zeitung. Dasselbe gilt für Texte, die zu komplex sind und die Leser überfordern. Oder für Texte, die Wissen voraussetzen, das im Leserkreis noch nicht bekannt ist.

Wer eine hohe Auflage erreichen will, muss nun einmal beachten, dass negative Nachrichten bei den Lesern/Zuschauern mehr Interesse finden als positive Nachrichten. Und dass Sex, Angst, Hass und Gewalt Nachrichten- und Auflagentreiber sind. Es sind nicht nur die Medien „schuld“ daran. Es sind eben auch die Medienkonsumenten selbst, die dafür die Anreize setzen.


Redaktionskonferenz von jungen Journalisten
(Bild: Jonas Walzberg, CC BY-SA-2.0)

Es ist insofern richtig, wenn Medien die „Lügenpresse”-Kritik als Einladung verstehen, zur Medienkompetenzbildung beizutragen. So wie in einem vielbeachteten Beispiel des MDR, der Pegida-Anhänger in seine Redaktionsräume eingeladen hat. Ein Medienunternehmen, dass sich der (sachlichen) Debatte stellt, zeigt, dass es offen für den Dialog ist – auch über die eigenen Schwächen und Probleme. Andererseits kann auf diese Weise gezeigt werden, welcher (Eigen-) Logik journalistisches Arbeiten heute folgt. Und selbstbewusst offen gezeigt werden: Wir müssen uns nicht verstecken. Wir arbeiten professionell.

Eine „Lügenpresse” gibt es nicht


Denn auch dies kann ich aus meiner praktischen Erfahrung heraus sagen: Die Verschwörungstheorien sind unberechtigt. Eine „Lügenpresse” gibt es ebensowenig wie eine „Corporate Media”. Einen von oben gesteuerten öffentlichen Diskurs gibt es nicht. Dass sich die Berichterstattung in den großen Medien häufig einseitig auf eine bestimmte Sichtweise verengt, ist kritikwürdig. Aber es ist weder ein Beweis für „Lügen”, noch dafür, dass die Berichterstattung durch im Geheimen wirkende Kräfte durchorchestriert wird. Es folgt einfach aus den inhärenten Zwängen der Art und Weise, auf die Medien entstehen.

Die derzeitige deutsche Medienwelt ist, bei allen Schwächen, doch eine sehr gut funktionierende. In Medienunternehmen gibt es Tendenzen (links/rechts/liberal/konservativ etc.), in wenigen Einzelfällen auch gesteuerte Berichterstattung über Einzelthemen. Aber im Großen und Ganzen entstehen Medien als Ergebnis professioneller journalistischer Arbeit. Das kann und sollte man respektieren.

Aus genau diesem Grund wird wohl aus dem Verhältnis zwischen die großen Medien einerseits und AfD/Pegida andererseits wahrscheinlich auch nie eine Liebesgeschichte. Denn wenn große Medien gehalten sind, objektiv über diese Bewegungen zu berichten, dann wird daraus noch lange keine positive Berichterstattung. Wenn objektiver und guter Journalismus dazu führt, dass die Führer von AfD und Pegida in der Öffentlichkeit dastehen wie Vollidioten und Volksverhetzer, dann ist das häufig schlicht und einfach zutreffend. Beispiel Lutz Bachmann: Dass dieser eine Volksverhetzung begangen hat, ist mittlerweile durch ein Gericht (erstinstanzlich) festgestellt. Wer Medienberichterstattung darüber für „Lügen” hält, der würde vermutlich auch das perfekte, ausschließlich objektiv und wahrheitsgemäß unterrichtende Medienunternehmen immer noch beschimpfen.

Und wenn Pegida-Demonstranten auf den eigenen Versammlungen Journalisten mit Gewalt angreifen, wenn Pegida-Ordner Journalisten bei ihrer Arbeit behindern, dann ist das nicht nur menschlich ungehörig, sondern einfach auch schlechte Pressearbeit. Darauf darf man in der Berichterstattung reagieren, auch als professioneller Journalist.


Pegida-Demonstration in Dresden
(Bild: Kalispera Dell, CC BY 3.0)

An den Ansprüchen von Menschen, die Volksverhetzung und Prügelangriffe auf Journalisten für Kavaliersdelikte halten, muss und sollte sich kein Medienunternehmen in Deutschland orientieren. Forderungen nach „Qualität“, „Objektivität“ oder „Vielfalt“ in den Medien, die letztlich darauf hinauslaufen, die Weltsicht von anti-sozialen, menschenfeindlichen Gruppierungen aufzunehmen, sind zurückzuweisen. Man kann über solche Äußerungen und Gruppen berichten. Aber das hat nichts mit Anbiederung zu tun. Und erst Recht muss sich kein Journalist zum Gehilfen dieser Gruppen machen, indem er ihre Botschaften weitertransportiert.

Insbesondere gilt das für den immer wieder erhobenen Vorwurf, in der Medienberichterstattung würden bestimmte Informationen ausgelassen, z.B. die Staatsangehörigkeit des Täters von Straftaten. Oft genug gibt es dafür gute Gründe. Denn die Auslassung dieser Information ist meist das Ergebnis einer auf moralischen Kriterien basierenden Abwägung des verantwortlichen Journalisten. Denn an journalistische Arbeit sind eben nicht nur abstrakte Qualitätskriterien anzulegen, sondern auch ethische.

Auch die Objektivität hat Grenzen


Wer dies bestreiten will, also die Ansicht vertritt, dass Medienberichterstattung nicht „moralisch” zu sein habe, sondern „objektiv”, der setze sich bitte mit dem sog. Werther-Effekt auseinander: Es ist bekannt, dass Medienberichte über Selbstmorde zu weiteren Selbstmorden führen. Das heißt: Bestimmte Medienberichte können töten. Journalisten wissen dies, und deshalb wird in vielen Medienberichten die Information, dass eine Selbsttötung stattgefunden hat, gezielt ausgelassen. Ist das noch objektiv? Sicherlich nicht, für viele Medienkonsumenten wäre diese Information interessant. Aber es ist nicht dennoch richtig, diese Information auszulassen. Kann man einem Journalisten vorwerfen, wenn er darauf verzichtet, Menschen zum Selbstmord zu verleiten? Meine Meinung: Das kann man nicht. Es ist richtig, dass in solchen Fällen die Berichterstattung gezielt lückenhaft ist. Das Auslassen von relevanten Informationen kann in einem solchen Fall Leben retten.

Das Beispiel ist drastisch, aber es zeigt, dass Medienunternehmen und Journalisten zu Recht auch dafür Verantwortung übernehmen, welche Folgen ihre Berichte auslösen. Und dies gilt eben nicht nur für Selbstmorde, sondern – in Abstufungen – auch für die Berichterstattung über bestimmte Volks- oder Religionsgruppen. Und ganz allgemein für die Berichterstattung über hass- und angstgetriebene Themen wie z.B. Vergewaltigungen.

Denn genauso wie ein Journalist nicht aus Gründen der beruflichen Professionalität Selbstmorde (mit-) verursachen muss, so muss er auch nicht dabei mitwirken, wenn sich in Deutschland der Hass gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen hochschaukelt. Er darf berücksichtigen, welche Folgen es für unser Gemeinwesen hat, wenn eine bestimmte Art der Berichterstattung dazu führt, dass (unschuldige) Menschen in Gefahr geraten, bloß weil sie Angehörige einer bestimmten Religion sind, eine bestimmte Hautfarbe haben oder als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Denn auch in diesen Bereichen kann Berichterstattung zu aufschaukelndem Hass führen, und letztlich auch töten. Die vielen Brandanschläge auf Asylbewerberunterkünfte oder der Messerangriff auf Henriette Reker belegen das eindeutig.

Fazit: Im Großen und Ganzen unberechtigt, aber dennoch ernst zu nehmen


Fazit: Der Lügenpresse-Vorwurf ist im Großen und Ganzen unberechtigt &ndasn; das heißt allerdings nicht, dass man ihn nicht ernst nehmen sollte. Denn die dahinter stehenden Probleme sind real.

In vielen Aspekten spiegelt sich in dem Vorwurf einfach ein Phänomen der sich verändernden Medienordnung. Veränderung als solche ist nichts schlechtes. Aber für das Filterbubble-Phänomen und den daraus folgenden nachlassenden gesellschaftlichen Zusammenhalt sollte unsere Gesellschaft Gegenmittel entwickeln. Hier stehen wird noch am Anfang der Debatte.

Es wäre außerdem falsch, die „Lügenpresse”-Kritik in dieser Pauschalität ernst zu nehmen oder sie gar zu unterstützen. Das Problem hat keine einseitige Ursache, und deshalb kann es auch keine einseitige Lösung geben. Man kann – und sollte – allerdings an einem „Lösungscocktail” arbeiten, zu dem viele Zutaten gehören: Dazu gehören offene Debatte, Medienkompetenzbildung in- und außerhalb von Schulen, aber auch Kritikfähigkeit bei den Medien selbst – und der Wille, bestimmte Kritik auch aufzunehmen und zu verarbeiten. All dies passiert zum Glück bereits.

Lesenswert zum selben Thema: „Warum wir Misstrauen mit Offenheit begegnen müssen” von Froben Homburger, Nachrichtenchef der dpa.
Ebenfalls lesenswert: „Eine vergebliche Suche nach der Lügenpresse” von Carsten Reinmann und Nayla Fawzi.
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Kommentare

* Rolf Schälike 06.07.2016 14:12
Der Logik des Artikels folgend, war auch die Presse in der DDR und der UdSSR keine Lügenpresse, was stimmen dürfte.
* llamaz 07.07.2016 09:43
Ich glaube das Phänomen hat auch damit zu tun, daß manche Leute ein festes ideologisches Weltbild haben das sie nicht aufgeben wollen. Und alles was da nicht reinpasst muss folglich eine Lüge sein - sonst könnte man das Weltbild nicht aufrecht erhalten. Das es hier nicht um Medienkritik geht merkt man ja auch daran, dass die gleichen Leute die "Lügenpresse" schreien tatsächliche Falschmeldungen die in ihr Weltbild passen aufnehmen ohne diese kritisch zu hinterfragen. Da wird sich nicht hingestellt und gerufen: Politiker fordern das im Weihnachtsgottesdienst muslimische Lieder gesungen werden - das stimmt ja gar nicht, Lügenpresse. Sondern: Seht her so weit ist es jetzt schon gekommen. Stattdessen wird der Lügenpressevorwurf dann wieder gegen die Richtigstellung der Falschmeldung erhoben.
* Tusoalsob 07.07.2016 10:04
Also wirklich ?

Nehamen wir man Beispiele die grade nicht so politisch aufgeladen und damit schwirig sind.

Computerspiele.

Sollte man da nicht von einer "Lügenpresse" sprechen die mit faltschaussagen massiven verdrehungen und offenen Lügen, das Thema als "Killerspiele" berichtet hat obwohl alle Fakten in die Exact andere Richtung zeigten ?

Man tat es weil man so besser Gefühle und emotionen ansprechen konnte und so besser Leserzahlen bekahm. DieWahrheit war dabei der Presse nicht wichtig und erst nach massiven Beschwerden kahmen Jornalisten darauf das man auch mal die Wahrheit zeigen könne und einigen enutrale Berichte erschienen.

und Heute ?

Wenn man http://www.deepfreeze.it/article.php?a=monster und https://en.wikipedia.org/wiki/Gamergate_controversy vergleich und ein bisschen rescherscheiet kommt man schnell darauf das die Presse wieder massive faktensammlungen komplet ingnoriert und emotionale Story ohne jedwede Überprüfung übernimmt.

So sind dann auch nach 2 Jahren noch keine Anklagen eingegangen und noch immer keine Beweise für Haressments vorgelegt wurden die vor eine Gericht estandt gehabt hätten.

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Nun kann man sich also duchaus vorstellen das PEGIDA ebenfalls sich mit der " Lügenpresse " eher auf die Tatsache bezieht das die Presse anscheinend mehr en emotionen als an Fankten interesse hat, und so in der Masse she gerne hochemotionale Geschichten ohne jede Untersuchung abdruckt und sich so für politischen Meinungsmache zu einfach benutzen lässt, wenn man genügend Gelder hat diese emotionalen Geschichten zu erfinden oder absichtlich Aufzubauschen.

Grade die BILD in Deutschland ist ja schon eine Zeitung der man öfters auch Lügen nachgeweisen hat, was die BILD aber anscheinend nicht zu stören scheint.
* Fritz Huber 08.07.2016 19:28
Kriege entstehen aus der Interaktion der Hochfinanz und den ihnen gehörigen Medien und aus den abhängigen und korrupten Politikern und ihren Verwaltungen. Falls nur einer der genannten Parteien seine Mitwirkung versagen würde, würde der Menschheit viel Leid und Drangsal erspart bleiben.
Die Medienvertreter stellen sich als das „Gewissen der Menschheit“ dar, als die „Guten“, aber 200 Millionen Tote, Flucht und Vertreibung, physische und psychische Verletzung von aber Millionen Menschen sprechen eine andere Sprache!

Es braucht keinen Artikel wie diesen um die Medien als Lügenpresse zu outen, da hilft ein simpler Blick in die Geschichte!

Für diese Nato(d) Berichterstattung gibt es weder Begründung noch Entschuldigung, denn hier geht es schlichtweg um die Existenz der europäischen Völker - glaubt denn wirklich jemand, dass Europa den dritten Weltkrieg überleben würde!? glaubt denn wirklich jemand, dass sich Russland wie die Sowjetunion durch Sanktion einfach auflösen wird und Land und Rohstoffe den Natoländern überlässt!?
Die Presse gehört aufgelöst! Denn ohne diese Medien kann weder die Hochfinanz, noch die Politikverbrecher die Menschen in den (großen) Krieg hetzen – Menschen wollen Frieden!
* Simon Assion 08.07.2016 20:09
QED

:-D
* Bernd Engelking 09.07.2016 16:32
Schlussfolgerung:
Die "Lügenpresse" lügt, damit keine "sich selbst erfüllenden Prophezeiungen" entstehen.

Lügen zum Schutz der Belügten.
Die Wahrheit gefährdet die Menschen.
Die Wahrheit ist zu gefährlich für die Menschen.
Der Bürger muss vor der Wahrheit geschützt werden.
Pflicht zur Lüge.

Doch wer beurteilt was Wahrheit ist und welche gefährlich für die Bürger ist? Meine Schlussfolgerung: Die Wahrheit über alles wirklich Wichtige ist für die Bürger gefährlich und daher sagt man über alles wirklich Wichtige die Unwahrheit.

Oder ist es vielleicht so, dass das ein hohes Maß an Wissen über die Wahrheit bei den Bürgern in Wirklichkeit für die Lügner und ihre Auftraggeber gefährlich ist?
* Rolf Schälike 09.07.2016 20:22
Lügen (Täuschen, Verschweigen, Übertreiben etc.) sind so wie Essen, Sex, Gesundheit notwendige Voraussetzungen für das Fuktionieren einer Gesellschaft aus Lebewesen, zu denen auch die Menschen gehören.

Lügen sind gekoppelt an die Interessen von Individien und Gruppen. In den meisten Fällen, kann niemend sagen, was die Wahrheit ist.

Sieht man nach 50 Jahren seine erste Freundin wieder, dann ist , z.B.., die Aussage "Mensch, siehst Du alt aus," eine Lüge.
* Großer Gott 10.07.2016 09:52
Ich bin immer wieder fassungslos wenn ich so etwas lese:

"Eine „Lügenpresse” gibt es ebensowenig wie eine „Corporate Media”. Einen von oben gesteuerten öffentlichen Diskurs gibt es nicht. "

Es ist so, als ob man mir direkt ins Gesicht lügen würde, während die Gegenbeweise vor mir liegen.

Ich hab den da nicht erschossen, die Waffe in meiner Hand, die Blutspritzer in meinem Gesicht, die Schmauchspuren an meiner Kleidung, die Aufnahmen meiner Tat auf Video, das ist alles nicht real. Glaub mir bitte.

Ich habe zunehmend Probleme etwas davon ernst zu nehmen. Erst letztens sah ich in der Jugendzeitschrift meiner Tochter Werbung für Rheinmetall Defense. Was macht die in einer Jugendzeitung fragte ich mich und schrieb an die Redaktion. Dort wurde mir erklärt, dass Werbepartner die Werbung nicht mehr selber in einer Zeitung platzieren, sondern nur noch bei den großen Verlagen die x-verschiedene Blätter haben buchen. Welches Interesse könnte Rheinmetall haben seine Werbung in einer Jugendzeitschrift verpuffen zu sehen?

Nun, sagte man mir durch die Blume, es gehe hier nicht wirklich darum, dass die Werbung eine Zielgruppe erreicht, sondern das Geld des Anzeigenkunden den Verlag.

Es ist in der Konsequenz eine legalisierte Form der Bestechung. Denn beim nächsten Artikel über die Rüstungsindustrie bekommen wir sicher wieder nur den üblichen oberflächlichen Mist präsentiert, nie aber etwas über die Verstrickungen mit Politik und Wirtschaft, denn da gehen die Medien nicht hin. Sie gehören dazu.
* Jaheira 10.07.2016 15:42
Ein interessanter Artikel, aber auch ein Beispiel dafür, wie das Narrativ die Inhalte bestimmt. Das Narrativ ist, dass die Mainstream-Medien die richtigen Ansichten verbreiten und dass Minderheitsmeinungen falsch sind. Die Etablierten bemühen sich, können aber nicht perfekt sein, weil jeder Journalist und jedes Journal zwangsläufig subjektiv ist und weil Ereignisse fiktionalisiert werden. Dem letzten Satz stimme ich zu - und trotzdem wird im Artikel ein falsches Bild vermittelt. Das Problem ist nicht, dass Journalisten subjektiv sind, sondern dass bei Corporate Media und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Bezug auf viele Themen meistens die gleichen Ansichtigen vertreten werden. Andere Ansichten kommen vor, aber als Bruchstücke. Pluralität gibt es nur mit Nischenanbietern.

Ich möchte ein Beispiel nennen. Ich hatte früher im Spiegel von der Forderung gelesen, Löhne zu erhöhen wegen der Binnennachfrage. Ich hatte das aber nicht verstanden, ich hatte geglaubt, der Schaden bei der Wettbewerbsfähigkeit würde schwerer wiegen als die Vorteile für den Binnenmarkt. Erst sehr viel später hatte ich meine Meinung geändert, als ich auf den Nachdenkseiten gelesen hatte, dass es überhaupt nicht toll ist, Exportweltmeister zu sein. wenn ein Land immer nur exportiert, dann muss es zwangsläufig andere Länder geben, die immer nur importierten. Die Importe können nur mit Schulden bezahlt werden, und die Schulden können nicht zurückgezahlt werden. Unter dieser Prämisse macht es viel mehr Sinn, dass wir uns mit unserer Arbeit mehr selber einkaufen gehen anstatt die Güter zu exportieren.

Früher, als die Kritik an Exportüberschüssen fehlte, aber die Binnenmarkttheorie benannt wurde, war das schon Pluralismus gewesen? Ich hatte Infos, aber ich konnte meine Meinung nicht ändern.

Journalismus ist nicht von oben gesteuert? Werden Journalisten von den Lesern in den Job gewählt? Oder vielleicht doch von oben, vom Management der Corporate Media eingestellt? Wer stellt das Management ein? Es erscheint mir naiv, anzunehmen, dass die Besitzer von Medienunternehmen und die Politiker im Fernsehrat keinen Einfluss darauf nehmen, was in Deutschland gedacht und gewählt wird.

Der Wirtschaftsjournalist Harald Schuhmann hatte erzählt, dass er beim Spiegel nicht die erwünschten Ansichten in seinen Artikeln vertreten hatte. Anschließend wurden ihm keine Artikel mehr mit entsprechenen Themen zugeteilt, er musste über andere schreiben.

Was mich richtig ärgert, ist, dass alles, was dem Mainstream widerspricht, miteinander in einen Topf geworfen wird. Corporate Media ist genauso falsch wie Lügenpresse? Ich finde, wenn Simon Assion die Linken beschuldigt, so schlecht wie die Rechten zu sein, dann sollte er es auch begründen. Tatsächlich geht er nur auf die Ansichten der Rechten ein und behauptet ohne Belege, die Linken wären genauso.

Was ist an dem Begriff "Corporate Media" falsch? Er berücksichtigt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht, aber er kommt ja auch aus den USA. Mainstream-Medien sind als Konzerne organisiert, oft noch mit weiteren Geschäftsfeldern. Die Organisationsform wirkt sich auf das Verhalten aus: Interesse an kurzfristigen Gewinnen zu Lasten der langfristigen Glaubwürdigkeit, eigene wirtschaftspolitische Interessen (z.B. kein Mindestlohn für Zusteller), keine Verantwortlichkeit.

Linke, Rechte, Religiöse und andere leben in einer Nachrichtenblase und werten Andersdenkende ab. Wissen Sie, wer das noch macht? Die Mainstreammedien. Andersdenkende werden als (je nachdem) als dumm, alt, rassistisch, naiv, verbittert oder arbeitslos diffamiert. In den Tageszeitungen und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen! Linke werden als Rechte diffamiert, hier ja auch. Die Meinungskonformität hatte ich ja schon erwähnt.
* Simon Assion 11.07.2016 20:39
@ llamaz:

Stimme zu.

@ Bernd Engelking:

Sie schrieben:

"Doch wer beurteilt was Wahrheit ist und welche gefährlich für die Bürger ist? Meine Schlussfolgerung: Die Wahrheit über alles wirklich Wichtige ist für die Bürger gefährlich und daher sagt man über alles wirklich Wichtige die Unwahrheit.

Oder ist es vielleicht so, dass das ein hohes Maß an Wissen über die Wahrheit bei den Bürgern in Wirklichkeit für die Lügner und ihre Auftraggeber gefährlich ist?"


Ich finde, die von Ihnen gestellte Frage, wann Berichterstattung "gefährlich" wird, ist spannend und wichtig. Man muss über sie mit viel Verantwortungsbewusstsein im Einzelfall entscheiden. Die moralisch gerechtfertigte unvollständige Berichterstattung (ohne das gleich "Lügen" nennen zu wollen) schlägt schnell in Besserwissertum um, und die Leser/Wähler haben meist wenig Verständnis, wenn sie es merken.

Was Ihre Behauptung angeht, dass durch Medienberichterstattung ein "hohes Maß an Wissen" vermieden werden soll, weil dieses "für die Lügner und ihre Auftraggeber" gefährlich sei:

Ich kenne wie gesagt das Mediensystem aus einer Mehrzahl von Perspektiven von innen, und ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, dass es eine solche allgemeine Verschwörung nicht gibt. Einen organisierten Versuch, bestimmte Themen aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, gibt es nur im ganz seltenen Ausnahmefall. Das letzte Mal als ich ein seltsames Gefühl hatte war, als während der Finanzkrise ein Bank Run drohte - da habe ich aber keine genaueren Kenntnisse dazu. Ich selbst kenne höchsten Fälle, in denen Medienunternehmen in manchen Fällen des "Eigenbedarfs" gesteuert berichten. Das sind häufig Fragen der Medienpolitik.

@ "Großer Gott":

Ihr Hinweis auf Einflussnahmen durch Anzeigenkunden ist richtig, auch wenn ich den konkreten Fall nicht kenne. Es werden aber immer mal wieder Fälle bekannt, bei denen ein großer Werbekunde auf unangenehme Veröffentlichungen eines bestimmten Medienunternehmens mit Änderungen am Auftragsvolumen reagiert. Dass es auch anders herum stattfindet, dass Werbung mit dem Zweck der Beeinflussung gezielt geschaltet wird, würde mich jetzt nicht wundern. Bei den Medienunternehmen gibt es meist gegen derartige Einflussnahmen gezielte Gegenmaßnahmen, z.B. die strikte Trennung zwischen Anzeigenabteilung und Redaktion. Wie gut das im Einzelfall funktioniert, ist eine andere Frage - bei der SZ ist es unter dem Stichwort "SZ-Leaks" einmal ein eher harter, aber auch umstrittener Verstoß gegen dieses Trennungsprinzip behauptet worden. Und sowohl der Presserat als auch die Landesmedienanstalten rügen immer mal wieder Verstöße gegen das Schleichwerbeverbot.

Ich persönlich sehe das alles nicht als "Smoking Gun", die eindeutig die Existenz einer Lügenkampagne belegt, sondern als eines von vielen Problemen und Schwächen von Medienberichterstattung, mit denen man als Rezipient eben umgehen muss (-> Medienkompetenz). Deswegen heißt es eben: Blogs wie "Ubermedien" oder das Bildblog lesen, sich gezielt abwechslungsreich informieren, und generell nicht alles glauben, was in der Zeitung steht.

@Jaheira:

Zustimmen möchte ich Ihnen in der Beobachtung, dass Journalisten mit Meinungsströmungen, die sie nicht teilen, meist wenig zimperlich umgehen. Zuletzt gab es das am Beispiel der Brexit -Debatte zu bestaunen. Andererseits ist die deutsche Medienlandschaft so gleichförmig nun auch wieder nicht - jedenfalls nicht für denjenigen, der nicht nur Boulevardmedien konsumiert. Das Thema Binnennachfrage wird beispielsweise sicherlich gelegentlich in Ihrem Sinn in der taz angesprochen. Und ich erinnere mich beispielsweise an einige äußerst wohlwollende Berichte zu der Bundestags-Enquete-Kommission, die gezielt nach einer politischen Logik jenseits der (Wirtschafts-) Wachstumslogik gesucht hat. Diese Ansicht wird also durchaus reflektiert, auch in großen Medien.

Sie schreiben:

"Journalismus ist nicht von oben gesteuert? Werden Journalisten von den Lesern in den Job gewählt? Oder vielleicht doch von oben, vom Management der Corporate Media eingestellt? Wer stellt das Management ein? Es erscheint mir naiv, anzunehmen, dass die Besitzer von Medienunternehmen und die Politiker im Fernsehrat keinen Einfluss darauf nehmen, was in Deutschland gedacht und gewählt wird."

Das finde ich jetzt schon arg undifferenziert. Nur die wichtigsten Klarstellungen:

1) Journalisten, die Content produzieren, werden meist gar nicht eingestellt, sondern arbeiten als Freie. Die Personen, die den Content beauftragen und entscheiden, ob er in das Blatt oder die Sendung kommt, sind meist Redakteure, also ebenfalls ausgebildete Journalisten. Über denen kommen CvD´s und/oder Redaktionsleiter, ebenfalls Jounalisten, und dann, manchmal noch mit zwei, drei Zwischenstationen, kommt erst das Management.

Das macht eine groß angelegte Einflussnahme schon mal schwierig, denn all diese Leute haben eigene Köpfe und lassen sich nicht gerne von Managern reinreden.

Das oberste Management (Vorstand, Geschäftsführer, Intendanten+ Direktoren etc) wiederum wird seinerseits nicht direkt von den Eigentümern des Unternehmens eingestellt, sondern da gibt es eigene Berufungsprozesse, die stark davon abhängen, welche Gesellschaftsform das jeweilige Unternehmen hat. Viele Medienunternehmen in Deutschland z.B. sind stiftungsgetragen, andere sind eine AG oder SE in Streubesitz oder eine Genossenschaft. Über die internen Entscheidungsfindung in deutschen Medienunternehmen könnte man für sich gesehen schon Bücher schreiben. Ein sehr lesenswertes Blog zu dem Thema ist m.E. Turi2.

In der Praxis kommen Fälle, in denen über die Einstellung von "einfachen" Journalisten auf Management-Ebene entschieden wird, oder eine solche Entscheidung auch nur beeinflusst wird, jedenfalls äußerst selten vor (es gibt sie aber).

2) Was dann an "Einfluss" noch übrig bleibt, ist keine bis in die Details durchorchestrierte Berichterstattung, wie es der Begriff "Lügenpresse" nahelegt, sondern häufig (nicht immer) eine Art diffuse "Haustendenz", die einem Blatt oder einem Rundfunksender eine gewisse weltanschauliche Einfärbung verleiht. Deshalb ist z.B. die Frankfurter Rundschau eher links, die FAZ eher konservativ. Mit "Lügenpresse" hat das m.E. nichts zu tun.

3) In den Rundfunk- und Fernsehräten der öffentlichen Rundfunkanstalten sitzen zwar einige Politiker, aber auch andere Funktionsträger. Der Einfluss der Politik auf die Rundfunkanstalten ist groß, aber er wirkt sich nur in sehr wenigen Fällen direkt auf die Berichterstattung aus. Dies liegt einerseits daran, dass die Rundfunkanstalten selbst auf ihre Unabhängigkeit achten, was die meisten Rundfunkräte auch akzeptieren und/oder sogar fordern. Andere lernen es. Und schließlich gibt es in den Rundfunkanstalten auch die sog. "innere Rundfunkfreiheit". Das heißt es gibt Redaktionsstatute etc., die solche Einflussnahmen begrenzen.

Den Fall von Herrn Schuhmann kenne ich nicht und kann ihn deshalb nicht kommentieren. Derartige Konflikte, die in einem "Schreibverbot" für bestimmte Themen enden können, sind typischerweise aber eher professioneller Art zwischen Journalisten, ich kenne keinen Fall, wo dies mit sachfremder Einflussnahme direkt aus der (wirtschaftlichen) Führungsetage zu tun hatte. Wobei ich nicht ausschließen will, dass das auch mal vorkommt.

In jedem Fall: Wenn sie sich die Art anschauen, wie (und von wem) beim Spiegel wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden, dann werden Sie dort wenig Belege für die Macht von "Corporate Media" finden, ganz im Gegenteil.

Was das Gleichsetzen von Linken und Rechten angeht: Dieser Text hier handelt von dem Begriff "Lügenpresse" und fragt, was die Debatte antreibt. Ich habe dargestellt, dass es etliche gute Gründe gibt, Medien zu kritisieren (auch grundlegend), aber eben auch viele Gründe, die falsch sind. Ob man nun eher die guten oder die schlechten Gründe bei links oder rechts sieht, soll bitte jeder selbst entscheiden. Ich habe jedenfalls nicht Linke als Rechte "diffamiert". Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten in "linker" und "rechter" Medienkritik, darauf habe ich hingewiesen. Im Übrigen, auch darauf habe ich hingewiesen, kann man die Lügenpresse-Debatte nicht bilateral nach Links und Rechts einteilen. Es gibt eine Vielzahl anderer weltanschaulicher Gruppen, die ebenfalls "Lügenpresse"-Vorwürfe erheben. Hier in den Kommentaren hatten wir bereits einen Computerspieler, einen Pazifisten (?) und einen Kommentierer, der nicht näher bezeichnete "Auftraggeber" von Medien für organisierte Lügen verantwortlich macht. Es gibt etliche weitere Beispiele.
* Jaheira 11.07.2016 23:42
@Simon Assion

Hier gibt es ein Missverständinis. Ich glaube nicht, dass Journalisten und der ganzen Hierarchie über Ihnen die Qualifikation fehlt. Ich glaube auch, dass die meisten Journalisten, das, was sie schreiben, auch glauben.

Sie haben Recht, die TAZ vertritt in Bezug auf Wirtschafts- und Sozialpolitik erkennbar andere Positionen als andere Zeitungen und Zeitschriften. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie zu Corporate Media zählen soll, weil sie kleiner ist als andere Medienunternehmen. In Bezug auf Außen- und Friedenspolitik und (liberaler) Gesellschaftspolitk geht die TAZ konform.

Wenn eine Familie einen Medienkonzern besitzt - und nicht untereinander zerstritten ist - denken Sie, dass die Weltsicht der Familie keinen Einfluss auf die Berichterstattung hat? Natürlich gibt es noch andere Einflüsse, vor allem die Werbekunden und aktuelle Hypes. Natürlich ruft Friede Springer nicht ständig bei Redakteuren an und diktiert, was die schreiben sollen. Es ist wie eine geschlossene Gesellschaft: wer hineinpasst bekommt Aufträge, wird eingestellt, wird befördert. Wer die Ansichten der Chefs kritisiert, stört.

Den Begriff Lügenpresse würde ich nicht verwenden. Er ist sehr aggressiv und er klingt so, als würden alle Journalisten immer bewußt Lügen. Er ist kontraproduktiv, weil er die die eigentlichen Ursachen von kollusiver (paralleler) Berichterstattung verschleiert.

Sie schreiben über den Begriff Lügenpresse, und im nächsten Abschnitt heißt es: "Und auch ganz aktuell gibt es eine linke Bewegung, die ihren Teilnehmern einimpft, den Medien nicht zu glauben: Die Unterstützer des linken Bewerbers um die demokratische Präsidentschaftskandidatur in den USA, Bernie Sanders, zählen zu ihren Gegnern auch die „Corporate Media“... ". Im Abschnitt danach fragen Sie: "Was haben diese Gruppen, die grundlegende (System-) Medienkritik betreiben, gemeinsam?" . Für mich klingt das so, als wären Lügenpresse und Corporate Media auf einer Stufe, Spiegelbilder von rechts und links. Sie erklären nicht, warum Corporate Media nicht okay wäre.

Harald Schumann ist ein renommierter Wirtschaftsjournalist, der u. a. für den Tagesspiegel schreibt. Hier äußert er sich zu unserem Thema:
http://www.heise.de/tp/artikel/44/44936/1.html />
Meine persönliche Erfahrung ist, dass ich erst sehen konnte, wieviel Konformität es in den Mainstreammedien gibt, als ich Alternativen kennengelernt hatte. Vorher konnte ich auch abweichende Positionen benennen, und ich wußte nicht, was Diversität sonst sein könnte. Außer dass man Spinnern Raum gibt, natürlich. Wenn Sie einen neuen Standpunkt kennen lernen möchten, kann ich ihnen für Wirtschafts- und Sozialpolitik ein paar gute Journalisten nennen. Ulrike Hermann kennen Sie schon, und Harald Schumann habe verlinkt. Besonders gut finde ich Jens Berger, vielleicht haben Sie von seinen Büchern schon gehört ("Wem gehört Deutschland" und "der Kick des Geldes"). Auch empfehlenswert ist der Wirtschaftsnobelpreisträger und Harvard-Professor Paul Krugman - falls es gerade kein Artikel über Bernie Sanders ist. Sie finden Artikel im Netz.
* Jaheira 12.07.2016 14:57
P.S.

Ich habe noch zwei Namen vergessen:

Heiner Flassbeck, füher UN-Chef-Volkswirt. Er betreibt einen Blog "Makronom", der sich teils an Laien, teils an zahlendes Fachpublikum richtet.

Und Norbert Häring. Er arbeitet fürs Handelsblatt. Ich empfehle u.a. seine Kritik an den Gutachten des Sachverständigenrates (Wirtschaftsweisen).

An dieser Stelle könnte auffallen, dass alle meine intellektuellen Inputgeber auch für Mainstream-Medien tätig sind, oder zumindest mal ein Buch vorstellen durften. Wenn die Perspektive von außen fehlt, könnte man also gerade bestätigt sehen, dass es bei Corporate Media Vielfalt gäbe. Was die Funktion angeht, die Meinungsbildung, haben diese Ausnahmen aber kaum einen Effekt. Die Menge macht das Gift. Linke Meinungen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik kommen sehr viel seltener vor als neoliberale und oft als einzelnes Mosaiksteinchen, das in einer Vernetzung viel mehr Sinn machen würde. In oberflächlichen Medienformaten wie Fernsehnachrichten wird vermutlich gar nichts vernünftig erklärt. Und manche Themen/ Thesen kommen überhaupt nicht vor, jedenfalls für Jahre.

Wer hatte zur Einführung der Rieserrente die Bürger gewarnt, dass die private Rentenversicherung für die Bürger grundsätzlich mit mehr Risiko verbunden ist, als die Umlagefinanzierte? Wer hat davor gewarnt, dass sich ein Abschluss wegen der hohen Verwaltungskosten für viele nicht lohnt, trotz der staatlichen Förderung? Und besonders dramatisch: wer hat schlechtbezahlte Arbeitnehmer gewarnt, dass ihre private Rente vollständig vom Staat einkassiert wird, wenn sie mit ihrer gesamten Rente unterhalb der Alterssozialhilfe bleiben?

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