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Vor einiger Zeit, an einem Sonntagnachmittag, saß ich in einem Café und las. Ein Kellner, der gesehen hatte, in welchem Buch ich blätterte, kam an meinen Tisch und sprach mich an: „Der Circle – cooles Buch!“ Ich war neugierig und fragte ihn, wieso ihm der Roman gefallen hatte. Denn ich las „Der Circle” aus einem bestimmten Grund: Mein Bild von Überwachung und Datenschutz ist geprägt von „1984”, George Orwells Dystopie eines diktatorischen Überwachungsstaats. Seit „1984” geschrieben wurde, ist aber viel Zeit vergangen. Die Rahmenbedingungen des Datenschutzes haben sich grundlegend verändert.

Aber müssen sich deshalb auch seine Ziele ändern? Worin liegt das neue Bedrohungsszenario, auf das wir reagieren müssen? Oder anders gefragt: Wie würde ein „1984” des einundzwanzigsten Jahrhunderts aussehen? Dies war die Frage, die ich mit meiner Lektüre zu klären versuchte. Ich stellte sie nun auch dem Kellner: „Ist ‚Der Circle‘ das neue ‚1984‘?”

„Der Circle“ sei nicht das neue „1984”, meinte der Kellner: „Dafür fehlt diesem Buch die Einteilung in Gut und Böse. Alles passiert so beiläufig, man kann sich einfach nicht entscheiden.“ Es gebe in diesem Buch zwar immer wieder Entwicklungen, bei denen man sich als Leser erschrecken würde. Die Romanfiguren nähmen dies aber meist achselzuckend hin. „Bei ‚1984‘ gab es eine klare Einteilung. Hier der ehrenhafte Held, dort die böse Diktatur. Das gibt es in ‚Der Circle‘ nicht. Kein echter Held und niemand, der wirklich das Unrecht anspricht.“

Eine beiläufige Dystopie


Etwas später als erhofft habe ich das Buch nun zu Ende gelesen. Meinem Gesprächspartner von damals möchte ich nun widersprechen. Ich denke durchaus, dass wir es mit einem würdigen Nachfolger von „1984” zu tun haben.

Zuzugeben ist meinem Gesprächspartner von damals, dass die Erzählung von „Der Circle“ nicht dem klassischen Schema von Gut-gegen-Böse folgt. So geht die große Bedrohung in der Geschichte nicht von einem totalitären Staatsgebilde aus – es gibt keinen tyrannischen „Big Brother“, der offensichtlich menschenfeindliche Motive verfolgt und dazu auch Gewalt und Unterdrückung einsetzt. Die Organisation, die im Zentrum der Erzählung steht, ist vielmehr der „Circle“: ein privates Unternehmen, das eine Vielzahl von erfolgreichen Internet-Produkten entwickelt und diese schließlich unter einem einzigen Account, dem „TruYou“ gebündelt hat. Durch eine Vielzahl von Geschäftsmodellen, die alle irgendwie mit der Zugänglichmachung und Verwaltung von Information zu tun haben, ist das Unternehmen groß und reich geworden. Die Zentrale des „Circle“ ist der „Campus“ – eine eigene schöne gepflegte Welt, wo alle jung und gesund sind und wo es für die „Circler” fast alles umsonst gibt. An der Spitze des Unternehmens stehen die „Three Wise Men“, die drei Gründer des Circle, die unermesslich reich sind und zu denen nicht nur der Circle, sondern die ganze Welt ehrfürchtig aufblickt.

Ein Schelm, wer Google dabei denkt


Die Heldin der Erzählung ist Mae; eine eher durchschnittliche, wenn auch sehr begabte junge Amerikanerin, die von ihrer Freundin Annie in den Circle geholt wird. Annie steht weit oben in der Hierarchie des Unternehmens, und auch Mae macht ihre Sache gut. Sie erledigt die ihr zugewiesenen Aufgaben weit überdurchschnittlich, und schnell verinnerlicht sie die Logik einer Gemeinschaft, in der jede personenbezogene Information gemessen, gespeichert und verarbeitet wird. Sie verlagert ihr gesamtes Leben in das soziale Netzwerk des Unternehmens, sammelt dort Kontakte und steigert dadurch ihren „PartiRank“ in höchste Höhen. Schnell wird sie zu einer Mini-Celebrity und kommt von ihrem Erfolg getragen in Sphären, wo sie schnell mit den neuesten Entwicklungen des Circle in Kontakt kommt.

Mae erlebt nun mit, wie der Circle immer neue Ideen verwirklicht und zu Produkten formt. All diese Produkte haben zwei Dinge gemeinsam: Erstens verfolgen sie vorgeblich Ziele zum Besten der Allgemeinheit. Und zweitens greifen sie dabei auf Informationen zu – ohne dabei besonders auf Datenschutz zu achten; der Eingriff in die Privatsphäre wird mit dem höheren Zweck gerechtfertigt. Ein Beispiel für ein solches Produkt ist ein Chip, den Eltern ihren Kindern einpflanzen können, um Kindesentführungen unmöglich zu machen. Oder „SeeChange“: portable Kameras, die ohne Stromversorgung und Kabelverbindung live Videobilder ins Netz streamen – wetterwest und so klein, dass man sie beinahe überall anbringen kann. Damit ließen sich Einbrecher abschrecken oder von zu Hause aus das beste Surfwetter ermitteln, so der Circle auf der firmeninternen Präsentation.

Die dystopische Seite des Romans „Der Circle” wird also nicht von einem Staat vertreten, sondern von einem freundlichen Internetunternehmen. Dennoch wird (genau wie in „1984”) irgendwann deutlich, dass das Ziel des Circle ein totalitäres ist: alle Informationen der Welt zu finden, zu verarbeiten und zu veröffentlichen – und seien diese Daten noch so privat, sei ihre Veröffentlichung noch so schädlich für einzelne Betroffene. Anders als in ‚1984‘ fehlt in „Der Circle“ aber die Identifikationsfigur, die den Kampf hiergegen aufnimmt. Zwar gibt es Personen, die Kritik äußern oder sich dem vom Circle propagierten Wandel verweigern. Aber aus der Erzählperspektive bleiben diese eher fremd.

Die große Überwachungs-Dystopie des einundzwanzigsten Jahrhunderts


Dennoch wird die Botschaft letztlich deutlich: Es muss Grenzen geben. Dies ist die große und eindeutige „Message” dieses Buchs – wir sind nicht dafür gemacht, in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder alles weiß oder jedenfalls wissen kann. Allwissen führt nicht zu kollektiver Gerechtigkeit, und All-Messbarkeit nicht zu faireren Ergebnissen. Der Einzelne braucht Rückzugsmöglichkeiten; ein Recht auf den ‚opt-out‘, aus dem Informationsanspruch der Informationsgesellschaft.

Auf der anderen Seite – und dies ist es, worauf mein Gesprächspartner an jenem Sonntagmorgen sich offenbar bezog – verweigert sich die Erzählung den einfachen Antworten. Ich denke nicht, dass man dem Buch „Der Circle” deshalb den Status als würdiger 1984-Nachfolger vorenthalten sollte. Ganz im Gegenteil: Gerade die konsequente Verweigerung gegenüber dem simplen Gut-Böse-Narrativ macht dieses Buch so lesenswert – und so modern. Denn genau diese Ambivalenz wohnt dem Datenschutz heutzutage nun einmal inne, gerade wenn es um Privatunternehmen geht. Fast immer hat die Verwendung personenbezogener Daten sowohl Vor- als auch Nachteile. In jedem Einzelfall muss abgewogen werden.

Dave Eggers, der Autor des Romans, lässt keinen Zweifel daran, dass Informations-Totalitarismus à la „Der Circle” abzulehnen ist. Aber er bietet dem Leser auch keine einfache Alternative an. „Ihr müsst euch selbst Lösungen ausdenken, wenn ihr nicht so enden wollt“, scheint Eggers seinen Lesern zurufen zu wollen – „aber wie die Lösungen aussehen sollen, müsst ihr selbst herausfinden“.

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