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Ob wir nun eine Digitalkamera kaufen wollen, den passenden Cloud-Service suchen oder die Ukraine-Krise verstehen möchten: In den allermeisten Fällen fangen wir mit einer Suche bei Google an. Vertrauensvoll legen wir unsere Fragen in die Hände eines Unternehmens in Mountain View – meist ohne uns zu fragen: Welche Interessen stehen hinter Suchergebnissen? Sind diese Interessen in einem Suchergebnis erkennbar? Und kann es überhaupt ein neutrales Suchergebnis geben?

Der Vorwurf stark interessengesteuerter Suchergebnisse ist in aller Munde, und er steht auch auf der europäischen Agenda. Google missbrauche seine Marktmacht, benachteilige Konkurrenten, bevorzuge eigene Dienste, heißt es da. Zerschlagung, Aufspaltung, Regulierung – es kursieren verschiedene Denkansätze. Daneben steht eine weitere Idee: ein duales System von Suchmaschinen. Zu den privaten Suchmaschinen soll sich die öffentlich-rechtliche Suchmaschine als neutrale Alternative gesellen, lautet der Vorschlag.

Der Rundfunk als Joker gegen Googles Marktmacht? Ja, meint NDR-Verwaltungsrätin Gräfin Kerssenbrock im Telemedicus-Interview: „Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine mit ausschließlich dienender Funktion.”


Telemedicus: Gräfin Kerssenbrock, wenn ich bei Google einen Suchbegriff eingebe: Suche ich dann selbst – oder findet Google für mich?

Gräfin Kerssenbrock: Die Antwort auf diese Frage gibt Google selbst unter Punkt 10 – „Gut ist nicht gut genug” – seiner Unternehmensphilosophie:
„Selbst wenn Sie nicht genau wissen, wonach Sie suchen: Unsere Aufgabe ist es, im Internet eine Antwort zu finden. Wir versuchen, Bedürfnisse unserer Nutzer weltweit zu erkennen, bevor diese explizit ausgesprochen sind, und diesen Bedürfnissen dann mit Produkten und Diensten gerecht zu werden, die immer wieder neue Maßstäbe setzen.”

In der Regel haben wir das Gefühl, dass wir selbst etwas suchen, denn wir geben ja den Suchbegriff zumindest teilweise ein. Tatsächlich sind Suchergebnisse nach Relevanz sortiert, mittels eines PageRank-Algorithmus. Die Suche ist durch das eigene Suchverhalten personalisiert und schließlich wird uns mit der Autocomplete-Funktion aktiv vorgeschlagen, was wir anscheinend suchen.

Jede dieser Funktionen bei Google ist extrem nützlich und sehr komfortabel, haben jedoch wenig mit einer individuellen Suche zu tun. Wenn ich dann noch auf der ersten Seite der Suchergebnisse nach der Wahrnehmung der ersten drei Vorschläge meine Suche beende und mit den Ergebnissen zufrieden bin – dann hat wohl nur Google für mich gesucht.


„Eine Suchmaschine mit ausschließlich dienender Funktion.”


Sie verfechten die Idee einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine. Was kann man sich darunter konkret vorstellen? Eine Suchmaske mit ARD-Logo – und ohne bezahlte Ergebnisse?

So einfach ist das leider nicht. Fast 95 Prozent der Deutschen nutzen Google als Suchmaschine – eine faktische Monopolstellung. Wir sind an den Suchkomfort gewöhnt, an die optische Anmutung, an die Verknüpfung mit weiteren nützlichen Diensten wie zum Beispiel Google-Maps, an die Verbindung mit Sozialen Netzwerken und vieles mehr.

Ob auf einer Suchmaschine ARD, ZDF oder etwas Drittes steht ist unwichtig – entscheidend ist, was drin ist. Eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine müsste eine vergleichbare Nutzenfunktion haben wie Google, jedoch bereinigt um den Einfluss verschiedenster Interessengruppen auf das Suchergebnis.

Google ist ein Wirtschaftsunternehmen mit dem legitimen Ziel, Geld durch sein Angebot verdienen zu wollen. Suchanfragen bei Google sind aber kostenlos; der Suchende ist nicht der Kunde bei einer privatwirtschaftlichen Suchmaschine. Kunde ist der Werbetreibende, der mit seinem Werbeetat die Angebote von Google refinanziert, der gefunden werden will, der seine Homepage optimieren möchte, der vor dem Mitkonkurrenten wahrgenommen werden möchte.

Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine, die ausschließlich eine dienende Funktion für eine informierte Gesellschaft im wachsenden digitalen Datenberg hat, ohne wirtschaftliche Interessen verfolgen zu müssen.

Rundfunk, da denken die meisten an Radio, Fernsehen und ein bisschen Online-Mediathek. Was hat all das mit einer Internetsuchmaschine zu tun?

Rundfunk ist ein Verbreitungsweg: Rundfunk ist die drahtlose oder drahtgebundene Übermittlung von Daten durch physische Wellen. Eine Suchmaschine ist ein Massenkommunikationsmittel im Massenmedium Internet, das funktionell dem körperlosen Übertragungsweg Rundfunk zuzuordnen ist.

Gibt es einen Auftrag, ein Gebot für die Einrichtung einer solchen Suchmaschine?

Allgemein ja, konkret nein. Unser Grundgesetz ist dynamisch, anpassungsfähig an Veränderungen in einer Gesellschaft und gleichzeitig unveränderbar, wenn es um Grundsätze geht. Dafür steht ausdrücklich die Ewigkeitsgarantie aus Art. 79 III GG.

Art. 5 I S. 2 GG fordert vom Staat grundsätzlich, die Rundfunkfreiheit zu gewährleisten. Das Bundesverfassungsgericht hat mit Blick auf die besondere Wirkung des Rundfunks – das heißt seiner Suggestivkraft, Aktualität und Breitenwirkung, festgestellt – dass es einer positiven Ordnung bedarf, um die dienende Funktion der Rundfunkfreiheit für eine demokratische Gesellschaft sicherzustellen. Teil dieser positiven Ordnung ist auch der Funktionsauftrag an einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der im Rahmen einer hinkenden Dualität die privatwirtschaftlich bedingten Defizite privater Rundfunkanbieter ausgleichen soll, um die Rundfunkfreiheit zur Entfaltung zu bringen. Suchmaschinen sind bisher rein privatwirtschaftliche Angebote. Es gibt kein vergleichbares Angebot, das damit verbundene Defizite im Rahmen der zu gewährleistenden Rundfunkfreiheit gegenwärtig ausgleichen könnte. Im Gegenteil: Auch die Auffindbarkeit inhaltlicher öffentlich-rechtlicher Angebote mit ihrer Ausgleichsfunktion für private Angebote unterliegt im Internet den Grundsätzen, Suchalgorithmen oder Autocomplete-Vorschlägen privater Suchmaschinenanbieter. Eine Gewährleistung der Rundfunkfreiheit durch den Staat, wie ihn das Grundgesetz fordert, ist das nicht.


„Ein Suchalgorithmus ist kein einmaliges Wunderwerk.”


Nun hat der Markt längst Fakten geschaffen – Google ist seit Jahren unangefochtene Nummer eins. Hat eine öffentlich-rechtliche Konkurrenz überhaupt eine Chance? Und wer schreibt einen guten Suchalgorithmus?

Der sogenannte „Lock-in-Effekt”, einmal bei Google – immer bei Google. Ja, diese Frage nach der Chance eines derartigen Angebots auf einem verteilten Markt mit einem faktischen Monopolisten ist sehr berechtigt. Auch das Bundesverfassungsgericht hat immer wieder davor gewarnt, dass Entwicklungen im Medienbereich Fakten schaffen können, die unumkehrbar sein können. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass ein öffentlich-rechtliches Suchmaschinenangebot eine Chance hätte. Wenn Nutzen und Komfort ohne Werbung vergleichbar wären, gleichzeitig jedoch Datenschutz und Nichtabgreifen des persönlichen Nutzungsverhaltens garantiert werden – in Verbindung mit Transparenz und Kontrolle des Suchalgorithmus – dann wäre eine Alternative konkurrenzfähig. Menschen wollen ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahrnehmen, sie verzichten nur darauf, wenn der vermeintliche Preis gering ist.

Ein Suchalgorithmus ist kein einmaliges Wunderwerk. Es gibt ja auch zahlreiche andere private Suchmaschinen, die aus unterschiedlichsten Gründen in Deutschland keine ernstzunehmende Konkurrenz für Google darstellen. Wenn man frei von wirtschaftlichen Zwängen die Entwicklung eines qualitativ und inhaltlich definierten Suchalgorithmus ausschreiben würde, wird es ausreichende Angebote geben.

Kann eine Suchmaschine überhaupt objektiv sein? Die Reihenfolge von Suchergebnissen beinhaltet ja immer auch eine Wertung.

Ein Suchergebnis wird immer subjektiv sein, weil Menschen die Kriterien für die Suche festlegen. Genau an dieser Stelle wird eine Suchmaschine zum Inhalteanbieter, obwohl sie doch „nur” die Inhalte Dritter auffindbar macht. Man kann sich nur um Objektivität bemühen. Ein Suchergebnis kann aber neutral sein, das heißt, es folgt nicht bestimmten Interessen. Die Neutralität kann durch einen öffentlich-rechtlichen Auftrag definiert werden, der seinerseits einer gesellschaftlichen Kontrolle unterliegt – wie wir dies bereits aus dem Rundfunkstaatsvertrag kennen.

Die Sorge um die Neutralität von Suchergebnissen mag ja begründet sein, ebenso die Sorgen um die Meinungsvielfalt, wenn wir uns komplett von Google abhängig machen. Aber: Nicht nur die Suchmaschine beeinflusst ein Suchergebnis. Auf der anderen Seite steht die Suchmaschinenoptimierung (SEO), die dafür sorgen soll, dass Angebote auf der Trefferliste weit oben landen. Neutralität ist damit ohnehin utopisch, könnte man meinen. Oder: Wer die bessere SEO hat, ist „gleicher” als die anderen.

Das ist die Frage nach der digitalen Existenz, nach der digitalen Wahrnehmbarkeit. Wer nicht gefunden werden kann, existiert nicht im digitalen Zeitalter. Und weil der Suchmaschinennutzer selten die Suchergebnisse auf Seite 2, 3, …. zur Kenntnis nimmt, kommt der SEO eine zentrale Bedeutung zu. Das Internet ist voll mit mehr oder weniger guten Anleitungen zu SEO. Wenn alle dies nutzen würden, müsste sich der Effekt selbst neutralisieren. Wenn jedoch einzelne mit mehr Aufwand ihre Platzierung bei der Suche verbessern können, durch das Klickverhalten der Nutzer in ihrer vermeintlichen Relevanz bestärkt werden und zusätzlich Werbung in verbundenen Medien schalten, dann sind wir von Vielfaltssicherung und Neutralität weit abgerückt.

Statt ein neues Angebot zu schaffen, wäre eine Regulierung bestehender Angebote denkbar, wiederum kontrolliert durch eine Medienaufsicht. Könnte man nicht mit guter Regulierung auf eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine verzichten?

Regulierung ist der Eingriff in einen Markt mit Wettbewerbsverzerrungen. An dieser Stelle setzt die EU-Kommission in dem gegenwärtigen Verfahren gegen Google an. Für inhaltliche Anforderungen an die Neutralität von Suchergebnissen ist aber nicht das Wettbewerbsrecht zuständig.

Würden wir die gegenwärtig existierenden Suchmaschinen einer positiven Ordnung unterwerfen, um inhaltliche Anforderungen an die Suchergebnisse und das Suchverhalten definieren zu können, stoßen wir schnell an unsere rechtlichen Grenzen und Möglichkeiten. Wir reden über internationale Konzerne mit Firmensitz in den USA – wir haben dies beispielhaft beim Thema Datenschutz studieren können. Wir reden über privatwirtschaftliche Unternehmen, die sich im Zweifel auf Grundrechte berufen können.


„Eine Form der Selbstaufgabe der Gesellschaft”


Angenommen, die öffentlich-rechtliche Suchmaschine wäre beschlossene Sache. Wie sähe die gesetzliche Ausgestaltung aus?

Das habe ich bereits kurz skizziert. Ein klarer öffentlicher Auftrag im Rahmen eines Staatsvertrages durch die zuständigen Länder in Verbindung mit unabhängiger Kontrolle, so wie wir es aus dem Rundfunkstaatsvertrag kennen.

Entscheidend ist jedoch die Frage was es bedeutet, wenn man nichts unternimmt, keine Alternative aufbaut oder auf eine ferne europäische Lösung wartet. Der Staat würde seiner Gewährleistungspflicht aus Art. 5 GG nicht genügen und den Suchmaschinennutzer in Deutschland dem Marktführer Google alternativlos ausliefern. Es wäre eine Form der Selbstaufgabe der Gesellschaft, wenn sich Grundrechte an technologische Entwicklungen anpassen oder gar unterwerfen würden.

Gräfin Kerssenbrock, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dagmar Gräfin Kerssenbrock, LL.M. ist im NDR-Verwaltungsrat und war Vorsitzende des NDR-Rundfunkrates. Sie ist Diplom-Volkswirtin und Diplom-Juristin in der Kanzlei Graf Kerssenbrock & Kollegen.

Masterarbeit von Gräfin Kerssenbrock zur öffentlich-rechtlichen Suchmaschine.
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Kommentare

* Michael 14.05.2015 00:04
Hallo zusammen,
der Artikel ist in der Tat recht interessant, aber eigentlich würde selbst eine solche "öffentlich rechtliche" Suchmaschine nichts nützen, wenn die Menschen doch immer nur bei Google suchen. Es liegt einfach mal daran, dass Google im Moment die beste Suche ist. Bei Bing stört mich schon das Anfangsbild! Was soll ich mit einem riesen Korrallenriff, was meinen ganzen Bildschirm einnimmt? Google ist schlicht und schnell! Und das will ich! Ok, die Suchergebnisse sind bei den "Geldthemen" natürlich manipuliert.... Zalando und Co sind nichts zufällig auf der ersten Seite bei Google. Da sind in der Tat die Optimierer am Werk ;)
* Netz-TV 14.05.2015 12:03
Großer Gott. Eine "öffentlich-rechtliche" Suchmaschine mit "Staatsvertrag". :-) Liebe Frau Gräfin, gehen sie bitte zurück zum Ausführen ihrer Hunde auf ihrem Landsitz oder meinetwegen als Zuschauerin zum ZDF-Fernsehgarten. Oder schauen Sie öffentlich rechtliches Fernsehen bei Loriot, Stichwort: "Wir bauen uns ein Atomkraftwerk". Da kann man viel bei lernen. Ja, ein Suchalgorithmus ist kein einmaliges Wunderwerk. Aber ein wenig mehr Basiswissen als die "Sendung mit der Maus" vermittelt, das braucht es schon. Zum Beispiel zum Thema Cloud und Big Data. Um zu verstehen, dass der in Deutschland so mythenumrankte "Algorithmus" vielleicht nur 1% der technologischen Google-Basis darstellt. Seit die Studenten Page und Brin daran arbeiteten, hat sich da doch das eine oder andere getan. :-) Die Aufgabe an "öffentlich-rechtliche" Institutionen zu delegieren, welche strukturell immer mehr nicht einmal mehr in der Lage dazu sind, konkurrenzfähiges Fernsehen zu produzieren, ist ziemlich abstrus.
* Ray 14.05.2015 18:22
Ein paar Gegenargumente:

1. Die Daten bei google werden als Feature benutzt. Da werden zum Beispiel die Ergebnisse anhand meines Profils umsortiert. Ich hab also Vorteile durch has Speichern.

2. Das Web ist werbefinanziert. Dazu gehört halt auch das speichern diverser profile zu Werbezwecken. Nimmt man davon weg, dann leiden auch die Werber Schaden.

3. Die Kosten für einen adequaten Google Ersatz kann man sicher mit 10Mrd aufwärts schätzen. Mehr als die GEZ im Jahr eintreibt.
* Tim 15.05.2015 09:14
Oha ... In jeder Hinsicht sehr weit weg von Realität und Vernunft.

Letztlich schlägt Kerssenbrock eine massive Verschwendung von staatlich eingetriebenen Geldern vor. Genau das also, worauf der öffentlich-rechtliche Rundfunk spezialisiert ist.
* Caldwhyn 15.05.2015 09:29
Hm Filterbubble und weniger Werbung als Gegenargument bzw. Schaden?

Naja für mich wären das ja eher weitere Positivaspekte einer ö/r Suchmaschine.

Und die bedingungslose Akzeptanz von Datenspeicherung und personalisierter Werbung im Netz ist ja nun doch noch nicht bei allen Nutzern "implementiert".

Die Frage die sich aber tatsächlich stellt, ist die nach einem passenden Kosten-Nutzen-Verhältnis. Wobei die ja gerade für ö/r Medien nicht als alleinige Grundlage für eine Entscheidung dienen sollte.
* Adrian 15.05.2015 10:23
Wir freuen uns über eine rege Diskussion, aber bitte versuchen Sie, dabei sachlich zu bleiben. In Anbetracht des kontroversen Themas haben wir Verständnis für leidenschaftliche Argumentation, Beleidigungen werden wir aber nicht dulden.

Ich denke, der Begriff der "öffentlich-rechtlichen" Suchmaschine ist in diesem Zusammenhang eher unglücklich, weil er einen Zusammenhang mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk herstellt, der eigentlich - so verstehe ich den Vorschlag - gar nicht unbedingt bestehen soll.

Es geht vielmehr darum, alternative Angebote zu schaffen, die mittelbar staatlich finanziell unterstützt und betrieben werden sollen und daher besonderen Regulierungen unterworfen werden kann.

Dabei ergeben sich in der Tat Parallelen zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk (Unabhängigkeit, Staatsferne, Entwicklungsgarantie, etc). Diese Parallelen sind aber eher juristischer als praktischer oder organisatorischer Natur. Wenn ich Frau Kerssenbrock richtig verstehe, geht es nicht um eine Suchmaschine von ARD und ZDF, sondern um ein ähnliches Finanzierungs- und Regelungssystem.

Diesen Gedanken finde ich nicht abwegig, glaube aber dennoch nicht, dass es funktioniert:

Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass ein öffentlich finanziertes Projekt in absehbarer Zeit in der Lage sein wird, auch nur die Grundfunktionalitäten einer Suchmaschine in einer Art und Weise umzusetzen, dass diese von einer nennenswerten Anzahl an Usern auch angenommen wird.

Zweitens lebt eine Suchmaschine von einem sehr komplexen Algorithmus, der die Relevanz von Webseiten je nach Suchbegriff und Kontext bewertet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass durch Gremien entschieden werden kann, nach welchen Kriterien ein solcher Algorithmus arbeiten soll - zumal ein Suchalgorithmus ständig angepasst, optimiert und an die letzten Tricks der Suchmaschinenoptimierer angepasst werden muss, um Missbrauch zu verhindern.

Drittens halte ich es auch aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht für erstrebenswert, dass ein privatwirtschaftlicher Gatekeeper durch einen (wenn auch nur mittelbar) staatlich finanzierten Gatekeeper abgelöst werden soll. Das liegt allerdings vielleicht auch daran, dass ich - anders als viele andere Kritiker - bei Google kein Problem mit der Neutralität des Suchalgorithmus sehe.
* Thomas 15.05.2015 10:31
Es gibt auch schon eine dezentrale Suchmaschine.
Sie nennt sich YaCy und basiert auf Peer-to-Peer. Da kann das Suchen und Finden von Webseiten schon mal etwas anstrengender sein. Google ist in der Tat schon sehr komfortabel.
* jj preston 15.05.2015 10:55
QUOTE:
Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine, die ausschließlich eine dienende Funktion für eine informierte Gesellschaft im wachsenden digitalen Datenberg hat, ohne wirtschaftliche Interessen verfolgen zu müssen.


Aber, Frau Gräfin, was ist mit politischen Interessen? "Öffentlich-rechtlich" klingt immer so schön ideal nach Unabhängigkeit, und dann wird dabei geflissentlich unterschlagen, dass die Rundfunkräte mit Parteipolitik durchsetzt sind - vor allem die, bei denen zivile Interessengruppen ihre Vertreter aus der Politik entsenden.

Beispiel: ZDF - der DGB schickt Michael Sommer von der SPD, der Zentralverband des Deutschen Handwerks schickt Heinrich Traublinger von der CSU, das DRK schickt Bundesminister a.D. Rudolf Seiters von der CDU, die Arbeiterwohlfahrt schickt Wilhelm Schmidt von der SPD, der Deutsche Städtetag Charlotte Britz (SPD), der Deutsche Landkreistag Hans Jörg Duppré (CDU), die Europa-Union Rainer Wieland von der CDU, der Bund der Vertriebenen schickt Erika Steinbach, dazu kommen Angelika Niebler (CSU), Eva Hubert für die Filmförderung HH/SH (Grüne), Schulleiter und Minister a.D. Henry Tesch (CDU), der Hildesheimer Uni-Präses Wolfgang-Uwe Friedrich (CDU), Holger Zastrow (FDP), Katrin Budde (SPD) und Ministerpräsident a. D. Reinhard Klimmt (SPD). Es ist nicht überraschend, dass auch der Regierungssprecher Steffen Seibert vom ZDF stammt.

Wer glaubt, dass es eine wirklich unabhängige öffentlich-rechtliche Suchmaschine geben könnte, gibt sich Illusionen hin.
* Anselm Lingnau 15.05.2015 11:18
Also zuallererst muss man festhalten: Google ist kein „Monopolist“ bei den Suchmaschinen, sondern hat nur den größten Marktanteil. Es gibt diverse andere Suchmaschinen, und es ist sehr simpel, solche anstelle von Google zu benutzen. Dass die meisten Leute trotzdem auf Google zurückgreifen, liegt wohl daran, dass Google im Großen und Ganzen das tut, was sie wollen, und der Leidensdruck, etwas Anderes zu verwenden, nicht groß genug ist. Die personalisierten Suchergebnisse von Google sind ja auch nicht notwendigerweise immer nachteilig, und die Leute empfinden es nicht als gravierendes Problem, dass Google Daten über sie speichert.

Die Idee einer “öffentlich-rechtlichen” Suchmaschine, oder zumindest einer “europäischen” Suchmaschine mit voller Transparenz usw. ist ja nicht gerade neu. Der Haken ist nur, dass diese Suchmaschine, was die Resultate angeht, deutlich besser funktionieren müßte als Google, damit die Leute tatsächlich wechseln – jedenfalls solange ihnen gute Suchergebnisse wichtiger sind als ihre Privatsphäre. Und das ist wiederum wesentlich leichter gesagt als getan. Ob es reicht, da eine europaweite Ausschreibung durchzuführen und ein paar Jahre zu warten, bis eine Firma das fertige Produkt abliefert, ist IMHO eher zweifelhaft.

Immerhin ist die Finanzierung kein Problem. Man schlägt einfach einen Euro auf den monatlichen Rundfunkbeitrag auf und hat damit 500 Millionen im Jahr zur Verfügung. Zur Rechtfertigung genügt es ja, dass Leute auf die öffentlich-rechtliche Suchmaschine zugreifen könnten. Ob sie es tatsächlich tun oder nicht, ist wie beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen irrelevant.
* Wilz 15.05.2015 11:28
Ich bin der Idee zwar prinzipiell nicht abgeneigt, aber die Begründung dafür scheint mir weltfremd zu sein.

Es gibt wohl kein Unternehmen auf der Welt, welches mehr für die Vielfalt der Informationen tut, als Google. Die von Frau Kerssenbrock vorgetragenen Kritikpunkte erwecken aber den gegenteiligen Anschein. Zudem sind sie an den Haaren herbeigezogen.

Die Autovervollständigung beispielsweise muss man nicht nutzen und wenn sogar die bloße Anzeige der Vorschläge stört, dann kann man für die Google-Seite einfach Javascript abschalten. Wenn man sich keinen Google-Account zulegt (oder alternativ Cookies deaktiviert), dann gibts übrigens auch keine personalisierten Suchergebnisse.

Die gesamte Denkweise von Frau Kerssenbrock deutet darauf hin, dass sie die Nutzer bevormunden möchte, denn selbst wenn man die Kritik an Google gelten lässt, so gibt es ja auch jetzt schon genug Alternativen. Nur werden die eben zumindest in Deutschland kaum genutzt. Selbst Microsoft mit seinem Werbeetat von mehreren Milliarden Euro hat es bisher nicht geschafft, einen relevanten Anteil am Suchmaschinenmarkt zu ergattern.
Wieso also sollte es ausgerechnet der lahme ÖR schaffen?

Im Übrigen ist Google überwiegend kein Inhalteanbieter. Genauso wenig wie eine Bibliothek, ein Zeitungskiosk oder ein Aktenschrank ein Inhalteanbieter ist. Natürlich müssen Informationen geordnet werden; das ist schlicht Teil der Zugänglichmachung.

Dass Google seine eigenen Produkte bevorzugt, sollte niemanden überraschen. Eine ÖR-Suchmaschine müsste aber ebenso sortieren und würde bei vielen Suchanfragen doch wieder auf kommerzielle Anbieter verweisen, welche ja interessengeleitet und damit "böse" sind. Nur dann eben mit öffentlich-rechtlicher Absolution. Oder wird Frau Kerssenbrock dann auch noch ein öffentlich-rechtliches YouTube, ein öffentlich-rechtliches Maps oder einen öffentlich-rechtlichen Preisvergleich in die Welt setzen?

Davon abgesehen ist es absurd, ausgerechnet Google einen Verstoß gegen Artikel 5 des GG vorzuwerfen. Es gibt, wie schon gesagt, kaum ein Unternehmen, welches diesbezüglich mehr tut. Nicht nur durch Zugänglichmachung von Informationen (Maps, Earth, Panoramio, Scholar, Books , Groups usw.), sondern auch durch die Bereitstellung von Diensten wie YouTube, Blogger, Google plus oder Picasa. Heutzutage kann tatsächlich jede/r dank Google seine Meinung in Wort, Bild und Schrift frei äußern. Und das buchstäblich vor der ganzen Welt.
* Klorian 15.05.2015 11:45
Immer wieder schön, wenn Leute interviewt werden, die eine Meinung, aber keine Ahnung haben.
* kdm 15.05.2015 12:02
"öffentlich-rechtlich"?
...und so "unabhängig" (ha ha) wie die deutschen "öffentlich-rechtlichen" TV- und Radiosender?
Womöglich auch mit 'ner milliardenschweren Zwangssteuer alimentiert wie die bisherigen "öffentlich-rechtlichen"? Damit noch mehr Politclowns einflussreiche und lukrative Sessel besetzen können?
* ths 15.05.2015 12:15
"bereinigt um den Einfluss verschiedenster Interessengruppen auf das Suchergebnis."

ah ja, vielen Dank für das Gespräch. Wer genau legt dann fest, was bereinigt werden soll? Diese Personen sind natürlich vollkommen objektiv. Das schließt schon mal aus, dass sie einer Partei oder einer Religion angehören. Oha, Gewerkschaften würde ich auch ausnehmen von der Liste derjenigen, die über den "Bereinigungsalgorithmus" und seine Befüllung mit Whitelist und Blacklist entscheiden. Und wenn ich mir Mühe gebe, fallen mir noch mehr Gruppen ein, die an solchen Listen nicht herumdoktern solltne.

Eine "öffentlich-rechtliche" Suchmaschine ist doch ziemlich unmittebar dem Grundgesetz verpflichtet. "Eine Zensur findet nicht statt". Es werden also relevante Suchergebnisse ausgefiltert, die irgendwem nicht passen?

Wenn ich aber genau das eine Suchergebnis brauchen könnte?

Ich will niemanden, der für mich denkt und besser glauben will, was meine Bedürfnisse sind.

Wir sollten besser die Benutzer von Google in Deutschland zu Medienkompetenz bringen, damit sie in der Lage sind, die Suchergebnisse zu beurteilen und eben nicht gleich den erstbesten Link anklicken.
* Sören 15.05.2015 13:33
Ich muss mich der Kritik anschließen:
Solange es die öffentlich-rechtlichen Sender nicht schaffen, die gesetzlich gewünschte Unabhängigkeit von der Politik einzuhalten, so lange wird eine unabhängige öffentlich-rechtliche Suchmaschine nicht erfolgreich sein.
Was den Datenschutz angeht, so traue ich Google mehr einen vernünftigeren Umgang mit meinen Daten zu, als, Angesicht der BND/NSA-Affaire irgendwelchen deutschen Behörden.
Und was den Suchalgorithmus angeht, so befürchte ich bei einer Offenlegung des selbigen, dass wieder die zweifelhaften Angebote aus dem Boden sprießen werden, die versprechen, einen mit allen Mitteln in den Suchergebnissen nach oben zu katapultieren. Oder, falls das gewünscht wird, die Seiten mit Geld oben stehen werden, da deren Seiten besser angepasst werden. Nicht mehr der Inhalt entscheidet, sondern derjenige, der den Suchalgorithmus besser austricksen kann.
* Somaro 15.05.2015 14:07
Super Idee!

Wenn Deutschland nach 50 Jahren es jetzt endlich schafft, einen unabhängigen öffentlichen-rechtlichen Rundfunk einzuführen, könnte man danach auch an einer unabhängigen ÖR-Suchmaschine arbeiten.

Und wenn wir damit fertig sind, haben wir gerade noch Zeit das Jahr 4444 zu feiern.

Frau Gräfin, das ist wirklich lächerlich. Sie fordern eine ÖR-Suchmaschine und verweisen dabei auf den Rundfunk, in dem es weder ein Spartensender noch die ARD es schaffen eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Arbeit zu führen? Und das Ganze weil man bei Google Anzeigen kaufen darf und sich fr die Suche optimieren kann?Stimmt, das ist natürlich furchtbar, dass man da nur Anzeigen kaufen kann und nicht direkt ganze Zeitungsartikel und Product Placement wie bei den ÖR und den Zeitungen.

Ihr ganzer Text trieft gerade zu von einer naiven Gutgläubigkeit gegenüber den Medien, mit denen sie aufgewachsen sind.
* efa 15.05.2015 15:19
ich denke es scheitert eh am Leistungsschutzrecht,
da dort die kleinen Suchmaschinen von den Initiatoren des LSR gemolken werden....
* Utz 15.05.2015 16:51
Es würde für den Anfang schon reichen, wenn die öffentlich Rechtlichen ein besseres Programm entwickeln würden. Wenn man es schafft nicht das Programm der Privaten abzukupfern, dann kann man drüber reden eine neue Suchmaschine zu entwickeln.
* Michael Felber 16.05.2015 12:31
Liebe Politiker, Ihr seid wieder mal ein paar Jahrzehnte zu spät aufgewacht. Wie eigentlich immer.

Quote erfüllt.

ÖR-SUchmaschine, wenn Ihr heute nicht anfangt zu Coden wird das in 10 Jahren immernoch ein Lacher sein :)
* mihau 17.05.2015 15:30
zuerst dachte ich das hier seit satire... aber... die meint das ernst? [...]

Kommentar editiert wegen beleidigenden und rechtswidrigen Inhalten. (sas)

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