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Nachdem vor drei Jahren die Debatte über das Urheberrecht in der digitalen Welt wohl seine emotionale Spitze erreicht hatte, zeigt jetzt ein über zwanzig Jahre altes Foto: Die Aufregung um den Schutz kreativer Güter ist weiter in vollem Gange.

Die Geschichte um das berühmte Rostock-Lichtenhagen-Foto schlägt eine unschöne Richtung ein – und leider wird der Falsche verspottet.

Ein Foto feiert sein Revival


Das corpus delicti zeigt zwei Männer aus dem Mob, der 1992 in Rostock-Lichtenhagen vor Asylheimen zu Hass und Gewalt aufstachelte. Einer der Männer hebt die rechte Hand zum Hitlergruß, trägt ein Deutschlandtrikot – und eine vollgepinkelte Jogginghose. Heute so aktuell wie damals: Es ist das Symbolfoto für geistig flachste Bewegungen und Ideologien dieser Tage. Auch die taz titelte kürzlich damit.

Neo Magazin-Moderator Jan Böhmermann tweetete das Foto im vergangenen Jahr; er hat 160.000 Follower. Dafür hat er eine Abmahnung vom Fotografen Martin Langer kassiert, und Böhmermann „bedankte” sich hierfür öffentlich bei Twitter und Facebook. Dort stellte er infrage: Kann ein einfacher Tweet mit einem fremden Foto wirklich 1.000 Euro kosten? Und: „Wann, oh wann, gibt es endlich Politiker, Richter, Anwälte und Staatsanwälte, die dem medialen Wandel und den Anforderungen der Informationsgesellschaft auch juristisch Rechnung tragen?”

So begreiflich die Fragen, so unschön teilweise ihr Nachgang im Netz: Dass Böhmermann die Abmahnung zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion machte, mündete in einer Empörung vieler Leute, die zum Teil jedes vernünftige Maß verloren hat. Fotograf Langer beklagt selbst in einem Statement:
Auf Twitter, auf Facebook, im halben Internet bin ich die „Kapitalistendrecksau”. Meine Adresse wurde veröffentlicht mit Aufrufen zur Gewalt („Hier, wer ihn mal besuchen will, hier ist seine Adresse …”), ich bekomme nächtliche Anrufe („Wollen Sie sich von PEGIDA distanzieren?“) und E-Mails von wildfremden Personen („natürlich ist das, was Sie machen, totaler Unsinn und meiner Meinung nach geldgieriger Mist”).

Gewiss war es nicht Böhmermanns Absicht, einen Shitstorm loszutreten. Ob er damit hätte rechnen müssen oder sich selbst im Ton vergriffen hat, ist Geschmacksache. Ebenso ist es Geschmacksache, ob Langer ihn vor einer Abmahnung zunächst formlos darauf hätte hinweisen sollen, dass hier Urheberrecht verletzt wurde. Es wurde nämlich in der Tat verletzt:

• Unser Recht kennt kein Fair Use. Für den Tatbestand einer Urheberrechtsverletzung ist es unerheblich, das Foto als rein privater Twitternutzer zu veröffentlichen, ohne es irgendwie zu Geld zu machen – oder, um es als Anregung der öffentlichen Diskussion zu teilen.
• Man könnte meinen, bei diesem Foto handele es sich um ein Dokument der Zeitgeschichte, da müsse eine freie Nutzung doch ausnahmsweise erlaubt sein. Es existiert aber keine derartige urheberrechtliche Schranke.
• Die Schwelle zur Öffentlichkeit bei der Zugänglichmachung von Werken (§§ 19a, 15 Abs. 3 UrhG) ist niedrig. 160.000 Follower sind unstreitig öffentlich, wohl schon 160 wären es. Und auf die Zahl der Follower dürfte es bei § 19a UrhG noch nicht einmal ankommen.

Ein trauriger Vorgang


Wir alle haben wohl schon mal eine Urheberrechtsverletzung im Netz begangen, oft ohne dass sich das Unrecht klar aufdrängt, und schon lange fordern laute Stimmen Rechtssicherheit für den Alltag im Netz beim Gesetzgeber ein. Zu einem großen Teil tun sie es zu Recht. Auch ist die Verunsicherung verständlich, wenn jemandem für ein per Twitter geteiltes Foto eine Kostennote von 1.000 Euro ins Haus flattert. Doch all das ändert eine Tatsache nicht: Dass Langer sein Recht per Abmahnung verteidigt, ist ein legitimer Vorgang, der Urhebern nach geltendem Recht nun einmal zusteht. Es ist wahrlich nicht zu Ende gedacht, jetzt auf Langer loszugehen – und ihn damit letztlich für eine rechtliche Schieflage verantwortlich zu machen.

Jetzt werden Wut und Häme ausgerechnet auf dem Rücken eines Fotografen ausgetragen – und damit auf dem Rücken einer Person, die im kreativen Bereich an der Front steht und die ja einst dieses Foto schoss, das sich dieser Tage jeder gern ansieht. Das ist ein trauriger Vorgang.

Was bleibt: Ein Martin Langer ist schon gar nicht für das verantwortlich, was im Gesetzbuch steht.

Martin Langer reagiert auf die Diskussion im Netz.
Jan Böhmermann antwortet auf die Reaktion des Fotografen Martin Langer.
netzpolitik.org fragt: Wie könnte eine Lösung aussehen?
netzpolitik.org: Eine Überblick zur Diskussion im Netz.
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Kommentare

* max 01.02.2015 13:41
Warum hat er dann über seinen Anwalt an Herrn Diekmann eine Anfrage geschickt Nutzungsrechte zu kaufen und an Herrn Böhmermann kam gleich die Abmahnung? Ich denke nicht, dass der Fotograf hier nur Opfer ist. Er hätte überhaupt nicht gleich zur Abmahnung greifen müssen, wollte es aber um Menschen besonders zu schädigen.
* martin langer 01.02.2015 19:00
moin. ich bin der fotograf.

@max: schade, daß sie so gar nicht bescheid wissen, aber trotzdem ihr urteil schon gefällt haben.
dieckmann bekam vor der abmahnung einen fragebogen zur klärung der umstände, das kanna man machen, muß aber nicht. ändert nichts an dem procedere. abmahnungen sind übrigens geltendes recht und nicht extra von und für mich erfunden. gegen abmahnungen kann man sich wehren, wenn man das möchte. ich bin icht der richter. ich bin aber ein arbeiter, der für seine arbeit, sein produkt, geld verlangt. ist das in ihrer branche anders? dann schenken sie mir doch gern mal was, oder noch besser ,cic hnehem es einfach, ohne zu fragen. - sie kennen sich ja aus, wie es sich anhört: wissen sie denn, wievielen menschen ich schon ohne anwalt geschribene habe, weil bilder geklaut wurden? nee, ne, das wissen sie gar nicht. aber erstmal pöbeln. sie haben sich für eine ernsthafte diskussion disqualifiziert. sie müssen nicht auf mich hören, aber lesen sie doch mal die kommentare von juristen und journalisten, da gibt es doch nung genug davon. ende. martin langer
* Peter Nümann 01.02.2015 19:07
Die Aufregung wird auch dadurch gespeist, dass der Eindruck erweckt wird, das reine Teilen des Links zum Foto wäre ausreichend für die Abmahnung gewesen.

Mitnichten: Ein Link ist noch keine Urheberrechtsverletzung, selbst ein Frame (z.B. beim Teilen mittels Facebook relevant) wäre OK.

Böhmermann aber hatte - soweit ich weiß - das Foto neu hochgeladen, also eine eigene Kopie erstellt und unabhängig von etwaigen vom Fotografen lizenzierten Veröffentlichungen verfügbar gemacht.
* martin langer 01.02.2015 19:22
Genau. Böhemrmann hat anfangs widereholt Falsches gesagt. Es wurde nie ein retweet abgemahnt, es wurde nie ein link abgemahnt. es gab keine abmahnwelle, sondern aktuell 2 fälle.
das steht nun auch oft genug auf ganz vielen seiten im netz. aber böhmermanns falsche auskünfte eben auch...
alle juristen sind sich eh einig. alles richtig gemacht. und, wie vorhin schon beschrieben, nach jahrelangem versuch der moderaten lösung gehe ich jetzt diesen weg. ich komme sonst zu gar nichts mehr. ich bin nicht bereit, mir das aus der hand nehmen zu lassen. den zusammenhang der veröffentlichung und selbstverständlich auch das honorar. was erlauben sich eigentlich fremde Menschen, über mich und meine Ware bestimmen zu wollen? Das ist schon ziemlich zweifelhaft... und nach wie vor, wer zB kein Geld hat aber ein Flugblatt usw gegen Rechts plant, der soll sich bei mir melden. Da ist Einiges möglich.
* Pit 02.02.2015 20:30
Eine "rechtliche Schieflage " in unserem Urheberrecht, wie sie der Autor des Artikels hier sieht, sehe ich absolut nicht. Es ist doch eigentlich ganz einfach: wenn man ein fremdes Bild verwenden will, muss man eben vorher beim Autor fragen und eventuell auch dafür bezahlen. Wo ist hier eine Schieflage - niemand ist gezwungen ein fremdes Bild zu verwenden. Aber viele der neuen "Kreativen" sind eben nur kreativ mit dem Material von Anderen: da werden dann fremde Fotos verwendet, um den eigenen Content aufzuwerten oder neue Kunstwerke "zusammengeschnipselt". Dass Andere vielleicht viel Arbeit und Geld in das Material gesteckt haben, wird oft großzügig vergessen. Der Fotograf investiert viel Arbeitszeit, hat hohe Kosten für seine Ausrüstung e.c . Er hat eine kreative Leistung erbracht. Wenn 100 Fotografen das gleiche Ereignis fotografieren, wird man in der Regel auch 100 sehr unterschiedliche Fotostrecken erhalten. Darin liegt dann eben die individuelle Leistung des Einzelnen. Und genau dafür steht dem Fotografen auch ein Honorar zu (und eben auch das Recht zu bestimmen, wer die Bilder verwenden darf).

Wenn man bedenkt, dass eine Urheberrechtsverletzung ein Straftatbestand sein kann, kommt man mit einer Abmahnung eigentlich noch ganz gut weg. Als Urheber hat man aber kaum eine andere brauchbare Möglichkeit sein Recht durchzusetzen.
Es ist heute doch schon Grundwissen, dass man fremde Inhalte nicht ungefragt verwenden darf und welche Folgen dies haben kann. Umso erstaunlicher, wenn Medienprofis dies scheinbar nicht wissen...

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