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Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Telemedicus: Rezensionen zum Wintersemester”.

Juristen verstehen sich gemeinhin als Generalisten. Sie legen Gesetze und Verträge aus; theoretisch können sie jeden Fall lösen.

Doch brauchen Juristen mehr Rüstzeug als bloß Gesetze – gerade wenn sie einer Branche besonders zugeneigt sind. Für die Musikbranche gilt es, sich durch Platten zu hören und ein Gespür dafür entwickeln, wie Musiker, Promoter und Produzenten ticken. Und stets sollte die Frage umtreiben: Findet die Branche einen angemessenen gesetzlichen Rahmen vor? Ein wertvolles Mosaik liefert das Werk Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten* – Die Wahrheit über die Popindustrie von Tim Renner und Sarah Wächter.

„Die Anforderungen für Musiker und andere, die sie in ihrer Karriere helfend begleiten wollen, wandeln sich durch die Digitalisierung radikal. Menschen, die mit diesem Wandel gut umgehen können, sind weit über die Musikwirtschaft hinaus gefragt.”
S. 269

Die Welt war eine andere, als die Nadel noch auf der Schellackplatte kratzte und Musik aus der Einkanalmuschel des Grammophons tönte. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert hatte die Schallplatte schlicht eine Bestimmung: Absatzhilfe fürs Grammophon. Sie war, nach heutiger Begrifflichkeit, gedacht als ein Stück Software, das den Verkauf der Abspielhardware ankurbeln sollte.

Jahre später waren Plattenfirmen keine „untergeordneten Softwareabteilungen von Hardwareunternehmen” (S. 193) mehr. Tonträger mauserten sich zu einem eigenständigen Markt. Die CD zementierte das in den achtziger Jahren; sie wurde der ertragreichste Tonträger überhaupt.

Dann kam der digitale Wandel, bis aufs Livegeschäft brachen Umsätze ein, eine ganze Industrie wähnte sich am Boden – und stand denn geschlossen hinter Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich, als der im Jahr 2000 die Tauschbörse Napster gerichtlich zu Fall brachte. Die Branche brachte kein legales Äquivalent hervor, im Gegenteil: Sie torpedierte den Versuch, ein Bezahl-Napster zu schaffen und läutete stattdessen mit dem Ruf nach dem Gesetzgeber eine Kultur der Verbote und Auskunftsbegehren ein. Ein kolossaler Irrtum?

Der Weg zur Enthüllung


Lange vor dem Wandel zur Informationsgesellschaft zog Tim Renner aus, die Methoden der Musikindustrie zu entlarven. Renner ging 1986 zur Polydor, insgeheim als Enthüllungsjournalist. Doch es kam anders: Renner blieb, hatte Erfolg als A&R (Rammstein, Element of Crime, Tocotronic) und schaffte es an die Spitze von Universal Music Deutschland – nunmehr selbst als Rad im Getriebe der Musikindustrie. Die Enthüllungen kamen schließlich doch, wenn auch später als geplant: Renner besann sich auf seine Ideale und schmiss 2004 den Job bei Universal. „Kinder, der Tod ist gar nicht schlimm” hieß Renners erstes Buch, in dem er seine Schlüsse aus dem digitalen Wandel zog. Schlüsse, die Renners Branche nicht gezogen hatte.

Heute steht Renner an der Spitze seines eigenen Labels Motor Music. Gemeinsam mit der Musik-Promoterin Sarah Wächter (ebenfalls Motor Music) hat er das vorliegende Werk geschrieben, das die Gemengelage einer gesamten Branche darstellt und analysiert.

Systeme, Kanäle, Zukunft


Wer der Branche so tief verhaftet ist wie Renner und Wächter, stellt zwangsläufig Systemfragen. Nachdem zahlreiche Musikeranekdoten uns lehren, was einen Popact schillern lässt (starke Bilder, Eigensinn, Kalkül, Nähe zum Publikum), widmet sich jenen Systemfragen vor allem die zweite Hälfte des Werkes. Folgt man den Autoren, wird hier oftmals in stoischer Verzweiflung an früher Bewährtem festgehalten: „nebulöse Chart-Regularien” (S. 247 ff.), fehlendes Bewerben des Downloadmarktes (weshalb der in Deutschland verhältnismäßig schwach ist), Missmanagement der GEMA (S. 257 ff.).

Ist die Branche zu Recht in Verruf geraten?

Umsonstkultur – zu kurz gedacht?
So manche Überzeugungstat kennt ein legitimes, ehrbares Motiv. Etwa Sven Regeners Tirade („Nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt”): Wer kann einem Musiker und Texter schon verübeln, Wertschätzung für seine Kunst einzufordern? Wahrscheinlich, meinen die Autoren, unterliegt Regener einem Irrtum. Denn der digitale Wandel habe keine „Umsonstkultur” hervorgebracht, im Gegenteil: Im Netz werde immer bezahlt, „egal ob mit Daten, Zeit oder Geld für Premiumzugänge der illegalen Anbieter” (S. 231 f.). Letzteres fließt freilich nicht an die Künstler, zeugt aber von der Bereitschaft, Geld hinzulegen. Und ist es nicht Geld, so sind es Namen, Herkunft, persönliche Vorlieben, die Nutzer auf Facebook preisgeben. Daten als geldwertes Gut, an das man heute frei nach dem Prinzip pro Like ein Song gelangt? Vielleicht ist Regener zu Unrecht Kulturpessimist, indem er die Umsonstkultur moniert.

Legal gleich fair?
Und legale Angebote – sind die wenigstens digitales Fair Trading? Können Musiker mit Flatratediensten wie Spotify nennenswert verdienen? Spotify steht in Verruf, mickrige Erlöse für Komponisten und Texter zu erzeugen. Radiohead-Mastermind Thom Yorke verteufelt den Streamingdienst; er zog dort unlängst seine Musik ab, viele taten es ihm gleich. Musik ist dort nichts wert, so der Konsens unter den Spotifyverweigerern.

Doch ganz so einfach liegt es nicht. Renner und Wächter stellen klar: Vor allem die Erlösstrukturen aus den goldenen Zeiten von Platte und CD halten die Streamingvergütungen an Musiker so klein (S. 302); der schwarze Peter liegt nicht (nur) bei Spotify, sondern bei Plattenfirmen, die alte Modelle auf den digitalen Markt eins zu eins übertragen haben. Wer in Sachen Streaming mitredet, sollte das wissen!

360 Grad – oder Eigenregie
Die Autoren legen es nahe, Produktion, Promotion und Marketing selbst in die Hand zu nehmen – und dabei sämtliche Rechte zu behalten, auch um jenen Erlösstrukturen zu entgehen, die auf Spotify und Co. nicht zugeschnitten sind. Zumal: Wer als Musiker einen „360-Grad-Deal” eingeht (gemeint ist der Rundumdeal bei Plattenfirmen), müsse die Kosten der Wertschöpfungskette ohnehin oft selbst bezahlen, denn diese Kosten würden von den Lizenzeinnahmen meist abgezogen. Da sei es doch besser, die Rechte gleich zu behalten. Hier kommt das Thema Crowdfunding auf, dem Renner und Wächter ebenfalls ein Kapitel widmen (S. 281 ff.).

Umsonstkultur, Streamingdienste, die Frage nach dem Plattendeal – derlei Faktoren haben eines gemeinsam: Sie exemplifizieren die Komplexität der Zusammenhänge und die Schlüsse, die gerne vorschnell gezogen werden. Und die manchmal vielleicht zu kurz gedacht sind.

„Der Zugang zu Musik wird (…) zur Selbstverständlichkeit und eine Vision, die David Bowie schon 2002 (…) formulierte, Wirklichkeit: „Musik wird so etwas werden wie fließendes Wasser und elektrischer Strom.” Wenn, dann spürt der Fan die Kosten nur noch indirekt. Das einzelne Glas Wasser, das Aufladen des Handys sind, gefühlt zumindest, kostenlos. Musik wird durch integrierte Tarife frei. Sie wird so frei wie damals, als man das erste Mal mit ihr in Berührung kam, damals, als sich die Eltern ans Kinderbett setzten und Schlaflieder sangen. Damals war die Musik reine Emotion – und umsonst. Mami oder Papi haben ja auch nicht die Hand aufgehalten und 99 Cent verlangt, damit das nächste „Schlaf, Kindchen Schlaf …” ertönt.”

S. 300 f.

Wiederholt eure Fehler nicht!


Bleibt festzuhalten: Ob Musiker oder Produzent, Marketing-, Promotionprofi oder eben geneigter Jurist – dieses Buch ist lesenswert! Gewiss schlägt ein nichtwissenschaftliches Werk wie dieses keine dogmatischen Gefilde ein. Soll es aber auch nicht. Dieses Buch unterhält und gibt Denkanstöße. Renner und Wächter schaffen ein Gespür für die Musikbranche, ein jeder wird wohl irgendwo auf Unbekanntes stoßen und schließlich einige Gesetzmäßigkeiten des Pop verinnerlichen können. Erfreulich: Die Autoren meiden das dröge Vokabular der Szeneressentiments aus den letzten Jahren.

Seine Schlüsse darf der Leser selbst ziehen. Einzig dringt der Appell durch: Leute, wiederholt eure Fehler nicht! Und das scheint vernünftig.

„Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten – Die Wahrheit über die Popindustrie” von Tim Renner und Sarah Wächter, Berlin Verlag, 2013.

* Der Buchtitel „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten” geht auf den Refrain aus dem Song „Trrrmmer” der Band Die Sterne zurück. Renner und Wächter rekurrieren darauf anlässlich des „Endes der Musikbranche, wie sie einmal war”.
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