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Stellen Sie sich eine Welt ohne Urheberrecht vor. Was sehen Sie?

Es ist ein interessantes Gedankenspiel, sich einmal völlig von dem System Urheberrecht zu lösen und sich klar zu machen, was das Urheberrecht eigentlich bewirkt. Wo ist es ein Hindernis, wo ist es Motor von Kreativität? Und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

Die niederländischen Medienwissenschaftler Joost Smiers und Marieke van Schijndel haben sich genau diese Fragen gestellt und eine „Streitschrift” verfasst, in der sie Alternativen zum geltenden Urheberrecht suchen.

Die Schwächen des Urheberrechts


Das Urheberrecht ist ein Eigentumsrecht. Es ist nicht ganz so ausgeprägt, wie Sacheigentum, aber wer die ausschließlichen Rechte an einem Werk hat, hat ein Monopol an diesem Werk. Er hat es exklusiv und kann andere davon ausschließen. Von dieser Grundannahme gehen Smiers und Schijndel aus und hinterfragen, ob ein solches eigentumsgleiches Recht für geistige Leistungen gerechtfertigt ist.

Dabei nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Urheberrecht ist eine Form von Zensur, so ihre radikale und für meinen Geschmack etwas vorschnelle Schlussfolgerung, mit der sie jeden Verdacht einer wissenschaftlich neutralen Untersuchung des Themas ziemlich schnell ausräumen. „Eine Streitschrift” ist der Untertitel ihres Buches und das bekräftigen sie, wo sie nur können.

Und doch ist ihre Kritik lesenswert. Eines ihrer Kernargumente: Das Urheberrecht hat zu einer Konzentrierung von Marktmacht geführt. Wenige große Unternehmen halten die Rechte an vielen Werken. Kultur und Information, eigentlich ein Allgemeingut, sind privatisiert worden. Mit weitreichenden Konsequenzen. Vor allem was den Zugang zum Markt betrifft: Viele kleine Künstler und Kreative können sich gegen die großen Rechtverwerter kaum durchsetzen. Die Digitalisierung bietet gerade diesen kleinen Kulturschaffenden große Chancen, das Urheberrecht aber beschneidet viele Chancen der Digitalisierung.

Die Zukunft: No Copyright?


Ihre radikale These: Wir brauchen kein Urheberrecht. Reformbestrebungen des geltenden Urheberrechts lehnen sie weitgehend ab. Stattdessen soll die Zukunft von Kultur- und Informationsaustausch in einer massiven Neuordnung des Marktes bestehen. Große Medienunternehmen sollen durch Wettbewerbs- und Kartellrecht zerschlagen werden. Der Markt soll dann von kleinen „Kulturunternehmern” besetzt werden, die ihre oder fremde Werke individuell vermarkten.

So lesenswert ihre Kritik am bestehenden Urheberrecht noch war, so schwer nachvollziehbar ist ihre Utopie eines sozialistischen Medienmarktes. Ein Beispiel:
„Warum also noch exorbitante Investitionen tätigen? Verboten wäre es freilich nicht. Wer investieren wollte, könnte dies tun, aber das Privileg eines Investitionsschutzes, wie es bislang das Urheberrecht war, gäbe es nicht mehr. Würden dann zum Beispiel große Filmspektakel nicht mehr gedreht? Vielleicht nicht, oder vielleicht nur noch in animierter Form. Wäre das ein Verlust? Vielleicht, vielleicht auch nicht.”

Mit Verlaub: „Vielleicht, vielleicht auch nicht” ist zu wenig, um die Ansätze von Smiers und Schijndel ernst zu nehmen. Das ist schade, denn eigentlich ist der Ansatz eines wettbewerbsrechtlichen Verständnisses von geistigem Eigentum durchaus eine Überlegung wert. Wäre in einzelnen Bereichen des Urheberrechts nicht eine deutlichere Differenzierung nach gewerblichen Interessen und privater Nutzung sinnvoll? Geht es beim Urheberrecht nicht zunehmend darum, Chancengleichheit zwischen Unternehmen zu sichern?

In ihrer Radikalität übergehen Smiers und Schijndel viele spannende Gedanken, die sie eigentlich schon selbst hergeleitet hatten. Stattdessen provozieren sie und verlieren sich in Neoliberalismus-Bashing.

Die Fronten im Streit um das Urheberrecht sind verhärtet. Wer wirklich etwas bewegen will, wird mit Radikalität nicht weit kommen. Im Gegenteil: Content-Mafia gegen Internet-Piraten, die Debatte um das Urheberrecht ist längst vergiftet und wird von beiden Seiten mit einer gehörigen Portion Demagogie geführt. Es würde der Diskussion gut tun, sich von eben dieser Radikalität zu lösen. Smiers und Schijndel tun das Gegenteil und vergessen dabei, den Leser von ihren Ideen zu überzeugen.

Das ist die Gefahr bei Gedankenspielen: Wenn man nicht aufpasst, verliert man den Blick für die Realität.

Smiers/van Schijndel: No Copyright - Eine Streitschrift, Alexander Verlag 2012.
Buchbesprechung bei netzpolitik.org.
Buchbesprechung bei irights.info.
Alternativen zum Urheberrecht von Till Kreutzer bei Telemedicus.
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