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Kürzlich war ich auf dem Abschlussworkshop der Arbeitsgruppe „Privatheit und Öffentlichkeit“ des Co:llaboratory. Das „Co:llab“ ist eine Google-finanzierte Forschungs- und Diskussionsgruppe, in der sich Experten und Praktiker über Themen des Internets und der Gesellschaft austauschen.

Im Rahmen des Abschlussworkshops hatte die „Initiative Privatheit und Öffentlichkeit“ auch Prof. Sabine Trepte eingeladen, die Juniorprofessorin für Psychologie an der Universität Hamburg ist. Psychologisch versiert zeigte Frau Trepte dem Auditorium zunächst einmal das Matt-Video – das hat zwar mit Datenschutz wenig zu tun, aber es versetzte das Publikum in einen positiven, aufnahmebereiten Zustand.

Dem erwartungsvollen Publikum stellte Trepte dann die psychologische Sicht auf das Thema „Privatsphäre und Öffentlichkeit“ vor. Das Thema spielt in der Psychologie durchaus eine wichtige Rolle; aber es ist eine gänzlich andere, als wir sie aus den aufgeregten Debatten über informationelle Selbstbestimmung, personenbezogene Daten und Post-Privacy kennen. Neben den Begriff „Privacy“ stellt Trepte den Begriff „Self-Disclosure“ - Selbst-Veröffentlichung. Denn pychologisch betrachtet versucht ein Mensch nicht nur, sich selbst Rückzugsräume der Privatheit und Geheimnisse zu erhalten – er ist auch „Manager“ seines Bildes in den Augen anderer Menschen. Dazu präsentiert er sich, ganz absichtlich, in unterschiedlichen Rollen gegenüber unterschiedlichen Menschengruppen. Self-Disclosure ist vor allem der Prozess, in dem ein Mensch genau auswählt, wem er welches Bild präsentiert und welche Informationen überlässt.

Paradigmenwechsel in der festgefahrenen Debatte

An sich ist dieser Gedanke nicht weiter überraschend. Aber doch kommt er im Kontext der festgefahrenen Debatte um den Datenschutz einem Paradigmenwechsel gleich: Menschen wollen sich der Öffentlichkeit offenbaren. So fassen es Sabine Trepte und Leonard Reinecke im Vorwort ihres Buchs „Privacy Online“, das sie gemeinsam herausgegeben haben, zusammen:

Privacy is a basic human need, and losing privacy is perceived as an extremely threatening experience. Privacy embraces solitude, personal space, or intimacy with family and friends and as such, it is a ubiquitous and trans-cultural phenomenon. Privacy leverages well-being; without privacy we are at risk of becoming physically or mentally ill.
Our fundamental need for privacy is contrasted by a second powerful mechanism of social interaction: self-disclosure to others is similarly important for social functioning and psychological well-being. We need to self-disclose to bond with others, form meaningful relationships, and receive social support. A lack of ability to self-disclose causes clinical symptoms such as loneliness and depression.

Das Buch „Privacy Online - Perspectives on Privacy and Self-Disclosure in the Social Web“ ist im August 2011 erschienen. Herausgeber sind Sabine Trepte und Leonard Reinecke, beide Medienpsychologen und zu dieser Zeit bei der Hamburg Media School. Die Autoren der Beiträge sind offenbar alle Teil des Netzwerks Young Scholar`s Network on Privacy and Web2.0, das von der DFG gefördert wird. Aus der Forschung in diesem Netzwerk entstand ein Sammelwerk mit insgesamt 18 Beiträgen, die sich in die Obergruppen „Approaches“, „Applications“ und „Audiences“ einteilen.

Die psychologische Sichtweise auf den Datenschutz, die die Autoren von „Privacy Online“ aufzeigen, hält für „klassische Datenschützer“ eine ganze Reihe von Überraschungen bereit. Zum Beispiel verdammen die Autoren Social Networks nicht (wie unter Datenschützern gemeinhin üblich) als eine Art „Sündenpfuhl des Datenschutzes“, sondern heben hervor, dass solche Portale den Bedürfnissen der Menschen nach Self-Disclosure viel stärker entgegen kommen als andere Kommunikationsformen: Menschen haben ein Bedürfnis danach, ihren eigenen Auftritt in der Öffentlichkeit zu steuern und dabei genau zu kontrollieren, wem sie welche Informationen zugänglich machen. Im realen Gespräch und innerhalb von sozialen Gruppen, die auf verschiedenen Wegen verknüpft sind, ist das schwierig – häufig geben Personen über Mimik, Gestik, Kleidungsstil und ähnliches viel mehr über sich preis, als sie das eigentlich wollen. In Social Networks demgegenüber ist die Kontrolle über Art und Ausmaß der Self-Disclosure viel größer.

Manager der eigenen Identität

„Privacy Online – Perspectives on Privacy and Self-Disclosure in the Social Web“ ist genau das Buch, auf das die Datenschutz-Forschung gewartet hat. Das Buch zeichnet ein weitaus differenzierteres Bild des Bedürfnisses nach „informationeller Selbstbestimmung“, als es dem aktuellen Datenschutzrecht zu Grunde liegt. Es geht den Menschen eben nicht um ein absolutes Verfügungsrecht über jede Art von Daten, die sich auf sie beziehen, sondern um die Möglichkeit, die eigene Identität innerhalb einer komplexen sozialen Umgebung selbst „managen“ zu können. Alleine anzuerkennen, dass zur Persönlichkeitsentfaltung nicht nur der Wunsch nach Privatsphäre, sondern auch der nach „Self-Disclosure“ gehört, stellt für die rechtswissenschaftliche Sicht auf den Datenschutz eine Herausforderung dar. Und das ist längst nicht die einzige wertvolle Erkenntnis, die das Buch bereit hält: In „Privacy Online“ geht es auch um „Digital Crowding“, also um die Frage, wie Menschen darauf reagieren, dass sie im Social Web möglicherweise zu viel menschlichen Kontakt aufgenötigt bekommen. Oder es geht um die Frage, wie viel Privatsphären-Anspruch die Menschen bereit aufzugeben sind, wenn sie im Gegenzug gewinnbringenden Kontakt zu anderen Menschen („Social Capital“) erhalten.

Das Buch kann als Vorbild dienen

Das Buch „Privacy Online“ kann der Rechtsentwicklung im Datenschutz durchaus als Vorbild dienen. Die unaufgeregte, wissenschaftlich objektive, wo immer möglich empirisch abgesicherte Sicht auf das Spannungsfeld zwischen Privatheit und Öffentlichkeit hebt sich deutlich ab von den zunehmend aggressiven, ideologisch gefärbten Debatten, die in der Öffentlichkeit zu dem Thema geführt werden.

Natürlich ist die psychologische Sicht auf den Datenschutz nicht die allein aussschlaggebende. Aber „Privacy Online“ widerspricht dem grundlegenden Ansatz des Datenschutzrechts, dass der Umgang mit personenbezogenen Daten – egal, wie „privatsphärenrelevant“ diese sind – im Grundsatz immer gefährlich und schädlich ist. Natürlich muss das Datenschutzrecht neben den Interessen der einzelnen Person auch solche der Gesellschaft beachten. Denn diese hat ein legitimes Interesse daran, ihren Mitgliedern ein gewisses Grundmaß an Integrität abzuverlangen. Außerdem ist die Gesellschaft auf öffentliche Räume angewiesen, die als gesellschaftliche Plattformen dienen können, für den Meinungs- und Wissensaustausch ebenso wie für die Persönlichkeitsentfaltung des Einzelnen.

Es wird spannend, wie die Zukunft des Datenschutzes aussehen wird. In jedem Fall gilt aber: Wer sich für das Thema interessiert, sollte das Buch gelesen haben.

Sabine Trepte, Leonard Reinecke (Editors): Privacy Online – Perspectives on Privacy and Self-Disclosure in the Social Web, Springer-Verlag Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-21520-9, im Buchhandel für 85,55 Euro.
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