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Ich gehöre wahrscheinlich zu den meist-plagiierten Autoren Deutschlands. Warum? In Telemedicus sind mehr als 300 Artikel von mir erschienen. Viele davon haben wissenschaftlichen Anspruch, in alle ist bezüglich der Textstruktur und Sprache viel Arbeit geflossen. Fast alle behandeln aktuelle Themen. Und alle sind frei im Internet verfügbar. Ich sehe regelmäßig, wie Ideen von mir an anderer Stelle wieder auftauchen, ohne dass dabei Telemedicus als Quelle angegeben worden wäre.

Es nicht nur dieser Gedanke, der mich fragen lässt, ob die aktuelle Verteufelung von Guttenberg wirklich angemessen ist.

Die Übernahme fremder Ideen ist Teil des wissenschaftlichen Systems. Es ist schwer, heutzutage etwas wirklich Neues zu schaffen. Häufig besteht die eigentliche Leistung eher darin, bestehendes Wissen neu aufzuarbeiten, zu kategorisieren und einzuordnen. Niemand weiß das besser als die Angehörigen der Rechtswissenschaften.

Jeder Forscher heutzutage steht zwangsläufig „auf den Schultern der Giganten“, die vor ihm kamen. Und kaum einer – darüber dürfte Einigkeit bestehen – kann alle diejenigen, auf die er seine Gedanken stützt, in den Fußnotenapparat aufnehmen. Die Auswahl einer Zitatstelle hat meist wenig damit zu tun, wer die betreffende Idee zuerst hatte. Eher spielen andere Faktoren eine Rolle: Kennt man den Autoren? Ist die Textstelle lesenswert, möchte man eine Empfehlung dafür abgeben? In welcher Publikation ist der zitierte Text erschienen; wie zugänglich ist die Fundstelle? Ich habe schon von „Fußnotenkartellen“ gehört, also von einer Gruppe von Autoren, die sich primär gegenseitig zitiert. Andererseits zitiert kaum jemand Online-Quellen; wohl deshalb, weil Internet-Publikationen vielerorts noch nicht als vollwertige Fundstellen gelten. Dabei sind die Ideen im Internet auch nicht schlechter oder besser als die, die gedruckt wurden. Und die Autoren, die dahinter stehen, sind auch nicht besser oder schlechter als ihre Offline-Pendants.

Ich meine: Plagiarismus ist Teil dieses wissenschaftlichen Systems. Ich finde das nicht gut. Aber ich nehme es zur Kenntnis. Die Debatte um Plagiate wird ja nicht erst seit Guttenberg geführt. Der Münchner Rechtsprofessor Volker Rieble schrieb ein Buch über das Thema. Zu den in„das Wissenschaftsplagiat” geschmähten Personen gehören selbst seine eigenen Fakultätskollegen. Über einige der Behauptungen wurden Rechtsstreitigkeiten geführt; einige davon hat Rieble verloren, aber das Buch darf weiterhin verkauft werden. Und da wäre noch die Geschichte von dem Professor Wirth, der für einen juristischen Kommentar eine lange Publikation eingereicht hatte – und dann feststellen musste, dass der Text aus einem anderen Kommentar übernommen worden war. Die Entschuldigung? Die Kommentierung war gar nicht von dem Professor geschrieben worden. Er hatte die Aufgabe einem seiner wissenschaftlichen Assistenten überlassen. Und der war überfordert. Und dann ist es eben passiert.

Dass Texte unter dem Namen von Autoren erscheinen, die kaum an deren Entstehung mitgewirkt haben, ist im Wissenschaftsbetrieb Standard. Die meisten, die mit dem Thema regelmäßig zu tun haben, stört es nicht einmal. Ein Aufsatz (oder, in der Terminologie anderer Disziplinen, ein Paper) führt häufig verschiedene Autoren auf. In Deutschland steht regelmäßig der „ranghöhere“ zuerst – und der hat meist den geringeren Teil der Arbeit gemacht. Wie viel das ist, divergiert. Ein guter Erstautor macht den geringeren Einsatz durch höhere wissenschaftliche Kompetenz wieder wett. Ich habe aber auch schon von Erstautoren gehört, die sich an der Entstehung der Texte kaum beteiligen. Oder sogar die eigentlichen Autoren in der Publikation gar nicht erst aufführen. Meist sind das wissenschaftliche Mitarbeiter, deren Doktorarbeit vom Erstautor betreut wird.

Man kann sich fragen, ob so ein Ablauf in Ordnung ist. Er ist jedenfalls akzeptiert so, und fast alle (auch ich) spielen nach den etablierten Regeln. Anders ist das im geltenden Recht: Als Urheber, bzw. Miturhebern stehen den Autoren sämtliche Autorenrechte zu. Die urheberrechtliche Literatur ist sich nach der Jahrtausendwende darüber wohl einig (lesenswert Kitz GRUR 2006, 548). Und der Gesetzgeber hat in § 24 HRG sogar klargestellt: „Bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen sind Mitarbeiter, die einen eigenen wissenschaftlichen oder wesentlichen sonstigen Beitrag geleistet haben, als Mitautoren zu nennen; soweit möglich, ist ihr Beitrag zu kennzeichnen.” Hat sich das in der Praxis durchgesetzt? Teilweise. Das hat mit den praktischen Machtverhältnissen zu tun, aber auch damit, dass die Grenzen oft fließend sind.

Sicher, es gibt Gründe, den Rücktritt Guttenbergs zu fordern, die mit der Frage nach dem wissenschaftlichen Fehlverhalten nichts zu tun haben. Zum Beispiel sein zögerliches (andere sagen: lügenhaftes) Verhalten nach Bekanntwerden der Vorwürfe. Oder die Tatsache, dass nun als Dienstherr für ihn andere Maßstäbe gelten sollen als für seine Untergebenen. Man kann auch sagen, dass die Vergehen von Guttenberg sich qualitativ von dem „üblichen” Maß an Plagiarismus so deutlich abhebt, dass Guttenberg nun sogar sein Amt, nicht nur seinen Doktortitel aufgeben sollte.

Und doch sollte sich nun jeder fragen, der nun den Rücktritt von Guttenberg fordert: Wo stehe ich eigentlich selbst in dem moralisch-wissenschaftlichen Koordinatensystem, das ich bei Guttenberg anlege? Wie oft habe ich Ideen übernommen, ohne zitiert zu haben? Und andersherum: Wie oft habe ich Fußnoten aus anderen Quellen übernommen, ohne wirklich nachgelesen zu haben, ob der Nachweis auch richtig ist? Gehört Copy&Paste zu meinen Arbeitsmethoden? Habe ich vielleicht selbst schon einmal publiziert, ohne als Autor genannt worden zu sein? Oder von der anderen Seite her gesehen: Wie umfangreich ist der Teil meiner eigenen Arbeit, die in meine Publikationen fließt?

Wer sich nach dieser Prüfung ohne Sünde findet, der werfe den ersten Stein.

„Das Plagiat im Wandel der Zeit” bei Telemedicus.

(Herzlichen Dank für Ideen und Kritik zu diesem Beitrag gehen an Felix W. Zimmermann, Adrian Schneider, Hendrik Wieduwilt, Dr. Benjamin Küchenhoff, Dr. Tobias Gostomzyk, Thomas Mike Peters, Anja Assion und Johannes Marosi.)
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Kommentare

* P 01.03.2011 10:53
"Ich gehöre wahrscheinlich zu den meist-plagiierten Autoren Deutschlands."

dadurch bewiesen jedenfalls zu den hochnäsigsten ...und das ganz ohne eine Vielzahl weiterer Vornamen :D
* Simon Möller 01.03.2011 11:09
Naja, vielleicht. Ich meinte damit aber nicht, dass meine Texte hier besonders toll wären, sondern eher, dass die Gedanken daraus (wegen ihrer Prominenz bei Google und der leichten Kopierbarkeit) häufiger anderswo auftauchen - und dabei seltener die Quelle angegeben wird als bei gedruckten Werken. Viele halten das Internet ja für nicht zitierfähig...
* Simon Möller 01.03.2011 11:21
...außerdem ist es ein prima Eyecatcher. :-)
* Benjamin 01.03.2011 11:34
Schöner Beitrag, auch wenn ich nicht ganz übereinstimme. Ich finde, dass der Unterschied zwischen "Ideen übernehmen" und "seitenweise Formulierungen übernehmen" so groß ist, dass im letzteren Fall Rücktrittsforderungen angemessen sind, im ersteren Fall nicht. Nicht jeder Aufsatz, jedes Buchkapitel oder jede Kommentierung muss neue, eigene Ideen enthalten (obwohl uns das viel Lesearbeit ersparen würde). Die transportierten Ideen müssen aber selbst formuliert sein. So sieht es ja auch das Urheberrecht vor: Die Idee selbst ist nicht geschützt, wohl aber ein Werk, das diese Idee enthält. Find ich gut so. Es ist wie bei Helene Hegemann: Es ist in Ordnung, den fünftausendsten Roman über Teenager in verruchten Großstadtclubs zu schreiben. Aber es ist nicht in Ordnung, ihn abzuschreiben.

Dass Mitarbeiter ihren Professoren Artikel - ja, ganze Werke - schreiben, ohne hinterher genannt zu werden, ärgert mich auch. Deswegen ärgert mich Guttenberg aber nicht weniger.
* Adrian 01.03.2011 11:42
@Benjamin: Ich habe den Beitrag nicht als Rechtfertigung von zu Guttenberg verstanden, sondern als Vorwurf an diejenigen, die sich jetzt öffentlich erbosen ob des wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Ich finde die Art und Weise wie hier das wissenschaftliche Arbeiten in der Juristerei als heiliger Gral hochgehalten wird zum Teil auch etwas heuchlerisch. Dass das Guttenbergs Verhalten nicht besser macht, ist klar.
* Sebastian 01.03.2011 11:46
Lieber Simon, danke für den lesenswerten Kommentar. Ich sehe leider meine Sorge, dass nach der laxen Reaktion in der Koalition (Merkel!) und der breiten Öffentlichkeit (Bildzeitung!) ein wissenschaftsethischer Relativismus ausbricht, durch deinen Kommentar bestätigt. Ohne penible Einhaltung der Zitierregeln werden wissenschaftliche Leistungen entwertet. Ich schreibe selbst gerade eine Doktorarbeit (du doch auch?), und wenn ich mir vorstelle, dass ich (1.) selbst nicht korrekt zitieren muss, und (2.) meine Leistungen bald von anderen ohne Kennzeichnung übernommen werden, dann erscheint mir meine tägliche Mühe nahezu für die Katz. Dann gehe ich doch lieber gleich in eine Kanzlei und verdiene Geld, statt hier vor mich hin zu promovieren. Ohnehin ist für die allermeisten Promovierenden in der Rechtswissenschaft die Dissertation doch nur ein Karrierevehikel (diesen Begriff habe ich einem Bericht der SZ von letzter Woche entlehnt), obwohl ursprünglicher Zweck das Voranbringen der Wissenschaft sein sollte. Wenn kein Umfeld mehr existiert, in dem wissenschaftliche Leistungen honoriert werden, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Franz Josef Wagner, Kolumenschreiber der Bild und einer der großen journalistischen Dialektiker, schreibt: "Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor." Das verschlägt mir die Sprache.
* Benjamin 01.03.2011 11:57
@Adrian (und natürlich Simon): Ich frage mich, ob das wirklich Heuchelei ist. Sind denn diejenigen, die sich empören, die gleiche, die ihrerseits abschreiben? Ich hoffe es nicht. (Peinlich wär's aber allemal, wenn jetzt ein ehemaliger Assistent von Lepsius...)
* Simon Möller 01.03.2011 13:05
Ich bin immer für Relativismus. Wer die Dinge nicht in Relation setzt, verliert den Überblick. Sobald man eine sinnvolle Relation hergestellt hat, kann man immer noch an seinem Urteil festhalten. Im Fall von Guttenberg frage ich mich aber schon, wieso neben den akademischen (Doktortitel weg) und strafrechtlichen (wohl Strafbefehl oder § 153a StPO) Maßnahmen auch noch sein Amt weg musste. Grundsätzlich hat er seinen Job nämlich gut gemacht. Dass er Aktionismus und einem "Retter-Wettlauf" bei Opel entgegen getreten ist, werde ich in guter Erinnerung behalten. Und als Ex-Zivi danke ich ihm, dass seine Bundeswehrreform die Wehrgerechtigkeit wenigstens etwas wieder herstellt.

Das war aber an sich weniger die Aussage dieses Artikels. Mich stört vor allem dieser moralische Absolutismus, der sich im Moment bezüglich Plagiaten breit macht. Wir machen alle mal Fehler, und wir sollten die eigenen Fehler nicht vergessen, wenn darum geht, über fremde zu urteilen.
* Benjamin 01.03.2011 13:23
"Mich stört vor allem dieser moralische Absolutismus, der sich im Moment bezüglich Plagiaten breit macht."

Volle Zustimmung. Das geht mir enauso. Es fühlt sich toll an, mit dem Finger auf andere zeigen zu können. Da geht dann schnell der Blick für Relationen verloren. Zu besichtigen jeden Tag (nicht nur) im Internet und nicht nur bei der Guttenberg-Diskussion.
* Sebastian 01.03.2011 13:31
@ Simon und Benjamin: Gut, dann eine einfache Frage: soll ich in meiner eigenen Arbeit nun Zitate kennzeichnen oder nicht? Die Antwort kann meiner Meinung nach nur "ja" oder "nein" lauten (absolut, nicht relativ). Von Moral müssen wir an dieser Stelle nicht sprechen. Es wäre mir übrigens völlig egal gewesen, ob Guttenberg zurücktritt oder nicht. Auch mich stört die politische Aufladung der Diskussion, in der es im Kern um wissenschaftliche Verhaltensregeln gehen sollte.

Bei mir kommt unter'm Strich als Botschaft an: Ein bisschen Schummeln ist nicht schlimm. Dem kann ich nicht zustimmen.
* Benjamin 01.03.2011 13:38
@Sebastian: Die Antwort lautet "ja", aber da lauert eine Anschlussfrage: "Was sollte mir blühen, wenn ich es nicht mache?"
* Benjamin 01.03.2011 13:42
@Simon: "Habe ich vielleicht selbst schon einmal publiziert, ohne als Autor genannt worden zu sein?"

Wer das mit "ja" beantwortet - ist der ein Sünder?
* Sebastian 01.03.2011 13:44
@Benjamin: Genau. Du kannst diese beiden Fragen trennen. Aber ich habe den fatalen Eindruck, dass F.J. Wagner und seine Gefolgschaft das nicht können. Ich darf sein Zitat noch etwas ausweiten: "Ich habe keine Ahnung von Doktorarbeiten. Ich flog durchs Abitur und habe nie eine Universität von innen gesehen." (Post von Wagner v. 17.2. in BILD) Glückwunsch, Herr Wagner, ich setze trotzdem weiterhin brav meine Fußnoten.
* Benjamin 01.03.2011 13:49
@Sebastian: Da hast Du Recht! Schön fand ich auch Til Schweiger: "Ich habe, als ich studiert habe auch abgeschrieben." Die beiden sind aber zum Glück nicht die maßgeblichen Stimmen im wissenschaftlichen Diskurs.

(P.S.: Schweiger hat ein Germanistik- und ein Medizinstudium abgebrochen und dann eine Schauspielausbildung gemacht.)
* Adrian 01.03.2011 13:54
@Benjamin (#7): Ich meine, die Art und Weise ist Heuchelei. Ich meine nicht, dass diejenigen, die Guttenberg (zu Recht) kritisieren, auch selbst abgeschrieben haben, sondern dass das Maß der Empörung unverhältnismäßig ist, wenn man sich anschaut, wie weit verbreitet solche Praktiken wie artikelschreibende Mitarbeiter oder fehlende Zitate von Online-Quellen in den Rechtswissenschaften sind.

Das alles macht das Verhalten von Guttenberg nicht besser und es ist auch kein Grund, in Zukunft noch schludriger mit Fußnoten umzugehen - ganz im Gegenteil. Aber anstatt sich über Wochen über Guttenberg zu echauffieren, sollte die juristische Wissenschaft durchaus auch mal vor der eigenen Haustüre kehren.

(BTW: Es gibt sehr viele, sehr gute Wissenschaftler unter den Juristen, die sehr sauber arbeiten und Telemedicus wird auch oft genug zitiert - das ist also nicht als Rundumschlag gegen die juristische Wissenschaft an sich gemeint.)
* Thomas 01.03.2011 13:59
Das hier driftet doch etwas in eine politische Diskussion ab. Ich denke, der Rücktritt und auch die vorangegangene Diskussion sind nicht nur auf den Umstand zurückzuführen, dass er bei seiner Diss. alles andere als sauber gearbeitet hat. Vielmehr kamen ein paar Umstände zusammen: Schlechte Krisen-PR, Salamitaktik und bis heute hält Guttenberg an der haarsträubenden Erklärung fest, es sei kein Vorsatz im Spiel gewesen. Hinzutritt weiter, dass er bei Verfehlungen unter Verantwortungsträgern in seinem eigenen Apparat stets äußerst "entschlossen" vorgegangen ist und hohe Maßstäbe angelegt hat. Ganz zu schweigen von der delikaten Tatsache, dass ihm auch die beiden Universitäten der Bundeswehr unterstanden. Insofern hat sich da einiges aufsummiert. Mit der Folge, dass die Antwort auf die (eigentliche?) Frage, ob er letztlich nicht doch (operativ) ein guter Verteidigungsminister ist/war, an Bedeutung verloren hat.

Letztlich greift es daher mE zu kurz, allgemein zu fragen, was jemandem blühen soll, der wissenschaftlich unsauber gearbeitet hat. Im rein akademischen Kontext jedoch, sollte die Antwort - erst recht bei Verfehlungen dieses Ausmaßes - weiterhin klar sein...
* Sepp 01.03.2011 19:31
@Simon Möller:
Natürlich baut nahezu jede Idee auf einer bereits existierenden Idee auf. In Ihrem Beitrag verkennen Sie jedoch, dass das Urheberecht nicht die "Idee" als solche, sondern nur die Verkörperung dieser Idee schützt. Dies sollte Ihnen als Urheberrechtler - wie Sie sich zumindest selbst nennen - bekannt sein. Leider zieht sich diese fehlende Differenzierung durch die gesamte Debatte um das Guttenberg-Plagiat. Es wird der Eindruck vermittelt, dass alles in Ordnung gewesen wäre, wenn Herr Guttenberg nur brav ein paar Fußnoten gesetzt hätte. Dies ist nicht der Fall. Die enge Auslegung der sog. Zitierfreiheit will ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Die Dissertation Guttenbergs stellt keine allenfalls wissenschaftlich zu beanstandende Übernahme fremder Ideen, sondern eine schlichte Urheberrechtsverletzung dar. Mich hätte jedenfalls gefreut, wenn ein in meinen Augen ansonsten durchaus seriöses und fundiertes Portal wie telemedicus dieses Missverständnis durch einen entsprechenden Beitrag einmal beseitigt hätte, anstatt es zu verfestigen...
* Adrian 01.03.2011 19:46
* Simon Möller 01.03.2011 20:57
@Sepp: Thema dieses Beitrags ist - offensichtlich - nicht die Frage, wie Guttenbergs Verhalten urheberrechtlich einzuschätzen ist. Da gibt es mE auch nicht viel zu diskutieren. Ich denke, das war auch in der Debatte der letzten Wochen durchaus klar - nur, dass die urheberrechtliche Seite eben für die meisten Personen eben nicht weiter von Interesse gewesen ist. Der primäre Vorwurf war der des Plagiarismus.
* Simon Möller 01.03.2011 21:20
@Sebastian: Ich bin immer für Zitieren. Ich bin auch dafür, keine Fußnoten aus fremden Werken zu übernehmen, ohne die Fundstellen gecheckt zu haben. Ich bin gegen das akademische Ghostwritertum. Aber ich spiele in diesem Spiel mit. Ebenso wie die meisten anderen Akademiker habe ich noch nie so dreist plagiiert wie offenbar Guttenberg - aber meine Weste ist auch nicht ganz fleckenfrei (wer meine Publikationen durchsieht, wird aber nichts finden). Und ich weiß sehr gut, dass das auch auf die meisten anderen zutrifft.

Vielleicht ist diese übermoralische Reaktion auf Guttenberg auch ein Zeichen dafür, dass die Wissenschafts-Szene sich ihrer Moral sonst gar nicht so sicher ist. Es musste ja erst mal der Fall kommen, wo sich alle einige sind - Professoren, Mitarbeiter, Hilfskräfte, Verlage, Leser. Das dürfte in den meisten anderen Fällen, die im Zusammenhang mit Plagiaten diskutiert werden, nämlich nicht so sein.
* Simon Möller 01.03.2011 21:24
Übrigens, ein Thema, das bisher kaum in diesem Zusammenhang diskutiert wurde, auch hier nicht: Wie Mediziner so an ihre Doktortitel kommen. Auch davon gibt's ja welche in der Bundesregierung. 8-)
* John Weitzmann 02.03.2011 20:01
Ich werfe gern den ersten Stein!

... denn ich finde es einigermaßen unerträglich, wie beim ehem. Minister Guttenberg ständig das Augenmerk vom eigentlichen Problem wegdriftet oder -gelenkt wird:

Es geht nicht um das "standing on the shoulders of giants" oder darum, dass eine gute wissenschaftliche Arbeit je nach Thema sogar weit überwiegend aus der möglichst wortgetreuen/systematischen/baukastenartigen Auseinandersetzung mit vorbestehenden Quellen bestehen muss. Ideen sind gottseidank nicht schutzfähig.

Es geht einzig darum, das zu kennzeichnen und das wissenschaftliche Fazit selbst zu verfassen. Beides hat "KTG" unterlassen, und zwar in einem (dank GuttenPlag-Wiki sichtbaren) Maß, dass einem glatt die Spucke wegbleibt.
* Simon Möller 02.03.2011 22:37
@ John Weitzmann: Waren Sie / warst du schon mal Ghostwriter?
* John Weitzmann 03.03.2011 00:01
@ Simon Möller: Nein, dafür brauche ich auch immer zu lange für Texte. Warum?
* Simon Möller 03.03.2011 07:38
Weil das bei wissenschaftlichen und studentischen Mitarbeitern ja durchaus mal vorkommt. Ich meinte mit "Ghostwriter" auch Vorarbeiten für Profs und ähnliches.
* Benjamin 03.03.2011 09:30
* Simon Möller 10.03.2011 10:25
* John Wetzmann 11.03.2011 11:45
Die Diskussion darüber, was genau unter wissenschaftlichem Arbeiten zu verstehen ist und inwieweit das Unterlassen der Kennzeichnung, dass ein eigener Text bereits großenteils anderweitig veröffentlicht war, dem nicht mehr entspricht, ist sicherlich wichtig.

Zur Guttenberg-Frage besteht jedoch der fundamentale Unterschied darin, dass dort fremde Rechte und Leistungen berührt sind. Insofern: Anderes Thema.

Angesichts der emotionalen Aufladung gerade derjenigen "Fans" des Ex-Ministers, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, die Wertungen rund um die Plagiatsaffäre nachzuvollziehen, halte ich es für reichlich fahrlässig, das alles in einen Topf zu werfen.
* Simon Möller 11.03.2011 20:38
* Mathias 26.03.2011 17:21
Ob und inwieweit Plagiate moralisch verwerlich sind, hängt vom Umfang und der schöpferischen Höhe ab. Auch von unseren Seiten wird viel "geklaut", was wir als Kompliment empfinden. Regelmäßig tauchen Nachahmer auf und ziehen Content. Unser Vorteil ist, dass wir mit den Dieben (die nur reagieren können) bewußt spielen. Bald ist der 1. April, mal sehen wer wieder content klaut und als Wahrheit verkauft.
* Formica Parcel 04.08.2011 11:52
Obgleich das Fälschen natürlich nicht schön ist und den Urhebern viel Geld kostet, ist es natürlich auch eine Auszeichnung gefälscht/ kopiert zu werden. Dann hat man es eigentlich geschafft.

Edit: Link entfernt. Wir sind keine Linkschleuder. (smo)
* Simon Assion 14.10.2012 15:30
Bezugnehmend auf meinen Kommentar vom 10.3.2012 setze ich hier mal meine Sammlung der Kritiker von KTzG, die von den selbstgerufenen Geistern nun eingeholt werden, hier fort:

http://www.n-tv.de/politik/Gutachter-Schavan-hat-getaeuscht-article7465441.html

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