Telemedicus Logo
Weiterempfehlen Drucken

In den letzten Wochen wurde es im Netz hektisch. Was schon lange absehbar war, wird langsam aber sicher Realität: Die IP-Adressen gehen aus. Zwangsläufig steht uns ein Generationenwechsel im Internet bevor. Noch im Jahr 2011 werden wahrscheinlich erste Provider beginnen, erste Vorbereitungen für eine großflächige Umstellung zu treffen – notgedrungen. Doch was bedeutet das für das Medienrecht? Welche Auswirkungen wird IPv6 juristisch haben?

Alles neu macht IPv6

Zunächst ein kurzer Überblick zu IPv6: Beim aktuellen IPv4-Protokoll besteht eine IP-Adresse aus vier Nummernblöcken zwischen 0 und 255, zum Beispiel: 192.168.1.1. Etwas mehr als 4 Milliarden eindeutige Zahlenkombinationen sind so möglich, wobei einige Kombinationen für spezielle Anwendungsgebiete reserviert sind. Trotz verschiedener Techniken, um IP-Adressen einzusparen, war schon lange klar, dass diese Kapazitäten nicht lange reichen werden. Deshalb wurde IPv6 entwickelt. Die IP-Adressen der Zukunft bestehen aus bis zu 8 Hexadezimal-Blöcken, zum Beispiel: 2002:c058:6301:2211:1319:08c1:51cb:85aa.

Was jedem Systemadministrator, der sich solche IP-Adressen merken soll, den Schweiß auf die Stirn treibt, hat einen entscheidenden Vorteil. Anstatt 4 Milliarden IP-Adressen stehen etwa 340 Sextillionen (340 mit 36 Nullen) Adressen zur Verfügung. Um sich ungefähr eine Vorstellung zu machen, wie viel das ist: Wenn man jeder Seite im Schönfelder eine eigene IP-Adresse geben würde und jedem Menschen auf dieser Welt einen Schönfelder schenken würde, wären immer noch genug Adressen übrig, um das selbe noch einmal mit dem Sartorius zu machen.



Foto: (cc) iandavid


Personenbezug bei IPv6

Und genau das ist das Interessante für das Medienrecht: Nicht die Sache mit dem Schönfelder, sondern die nahezu unendliche Verfügbarkeit. Jeder Computer, jedes Handy, jeder Fernseher könnte in Zukunft eine eigene IP-Adresse haben. Vorbei wäre die Zeit, wo IP-Adressen dynamisch vergeben werden, um Adressräume zu sparen. Endkunden würden anstatt einer einzigen IP-Adresse gleich einen ganzen Adressraum erhalten und könnten ihre Geräte nahezu beliebig mit eigenen IP-Adressen ausstatten. Doch das hätte enorme Auswirkungen auf den Datenschutz: Jedes Gerät mit eigener IP-Adresse wäre eindeutig identifizierbar.

Schon heute ist umstritten, ob IP-Adressen „personenbezogene Daten” im Sinne des Bundesdatenschutzgesetzes darstellen. Vor allem bei dynamischen IP-Adressen ergibt sich das Problem, dass ohne ein gerichtliches Verfahren der „Inhaber” einer IP-Adresse kaum oder gar nicht zu ermitteln ist. Und selbst wenn man den Anschlussinhaber identifiziert hat, heißt das noch lange nicht, dass dieser die IP-Adresse auch tatsächlich benutzt hat. Schließlich hat im Netz jedes Gerät, das über denselben Internetanschluss ins Netz geht, die selbe IP-Adresse.

Mit IPv6 könnte sich dieses Problem entschärfen, würde aber auch nicht vollständig gelöst. Zunächst erübrigt sich möglicherweise das Problem der dynamischen IP-Adressen. Mit IPv6 kann die IP-Adresse immer gleich bleiben und müsste sich nicht mit jeder Neueinwahl ins Netz ändern. In diesem Fall würde eine IPv6-Adresse nicht nur einen bestimmten Anschluss, sondern ein bestimmtes Gerät identifizieren. Es lässt sich also nicht nur feststellen, von welchem Anschluss aus mit dieser IP-Adresse Schindluder getrieben wurde, sondern auch von welchem Computer im jeweiligen Haushalt. Dennoch gilt es zu bedenken, dass auch in Zukunft eine IP-Adresse immer nur eine Maschine identifiziert, nicht jedoch eine Person. Anhänger eines relativen Personenbezugs sind also keineswegs argumentativ entwaffnet, sicher aber geschwächt.

Ob es so kommen wird, ist noch nicht sicher. Natürlich sind dynamische IP-Adressen auch unter IPv6 möglich – sie sind lediglich nicht mehr notwendig, um Adressräume zu sparen. Es ist durchaus möglich, dass auch in Zukunft Provider dynamische IP-Adressen als Datenschutz-Feature anbieten. Der eigentliche Vorteil von IPv6 für den Endkunden wäre damit aber dann auch dahin. Denn statische IP-Adressen haben durchaus ihre Vorteile – etwa wenn man von unterwegs auf heimische Daten zugreifen will oder von zu Hause aus eigene Dienste anbieten möchte. Letztlich muss man abwarten, wie sich der Markt entwickelt. Erste Entscheidungen werden in nächster Zeit gefällt werden müssen.

IPv6 und Tracking

Auf jeden Fall ergeben sich aber völlig neue Möglichkeit für das Tracking von Internetnutzern. Wer immer unter der selben IP-Adresse im Netz ist, kann auch immer wieder erkannt werden. Da helfen auch keine Adblocker, abgeschaltete Cookies und sonstige Vorsichtsmaßnahmen. Einzig spezielle Anonymisierungsdienste können Abhilfe schaffen. Die Probleme im Datenschutzrecht werden auch an dieser Stelle nicht kleiner: Besteht ein Personenbezug bei IPv6-Adressen? Und wenn nein, ergibt er sich vielleicht aus den zusätzlichen Informationen, die man über Tacking ermitteln kann (aufgerufene Webseiten, Zugriffszeiten, Referrer, etc.)?

Einen vermeintlichen Datenschutzvorteil bietet IPv6 jedoch. Mit „Mobile IPv6” ist es möglich, auch von unterwegs aus mit einer IP-Adresse aus dem Heimnetz aufzutreten. Anstatt also von seinem Handyprovider eine IP-Adresse zugewiesen zu bekommen, mit der man dann im Netz unterwegs ist, kann man vom Mobilnetz aus eine eigene IP-Adresse von zu Hause nutzen. Das hätte den Vorteil, dass man der IP-Adresse nicht ansehen kann, ob man gerade von unterwegs aus zugreift oder aus seinem heimischen Festnetz. Die Ortung der IP-Adresse könnte dadurch erschwert werden. Allerdings muss man auch bedenken, dass die IP-Adresse allein sowieso nicht viel zur Ortung eines Gerätes taugt. Es gibt mittlerweile eine ganze Menge anderer Methoden, bei denen es schlicht keine Rolle spielt, ob eine IP aus einem mobilen oder einem stationären Netz stammt. Im Gegenteil: Indem man seine feste IP-Adresse übernimmt, macht man sich besser identifizierbar, als wenn man seine vom Handyprovider zugewiesene IP-Adresse nutzt. Vorteile hat IPv6 Mobile sicher, aber nicht im Bereich des Datenschutzes.

Rechtsverfolgung mit IPv6

Auch auf Ebene der Rechtsverfolgung könnte sich durch IPv6 eine ganze Menge verändern. Denn wenn nicht nur jeder Anschluss, sondern gleich jedes Gerät eine eigene, statische IP-Adresse haben kann, könnten sich auch Auskunftsverfahren bei Filesharing erledigen. Hier hängt viel davon ab, wie genau die Verwaltung der IP-Adressen auch in Deutschland umgesetzt wird. Wer sich heute schon eigene IPv6-Adressen zum Testen registriert, wird häufig gleich im Whois-Eintrag als Inhaber vermerkt. Ein Auskunftsverfahren wäre dann also gar nicht mehr nötig – jeder kann öffentlich einsehen, wem die IP-Adresse gehört. Ob das auch bei Endverbrauchern der Fall sein wird, ist allerdings äußerst unwahrscheinlich. Jeder Internetsurfer wäre mit Namen und Adresse identifizierbar – ein Zustand, den Datenschützer wohl kaum tolerieren würden.

Ansonsten gilt für die Rechtsverfolgung Ähnliches wie für den Personenbezug: Es mag Beweiserleichterungen geben, wenn man anhand einer IP-Adresse ein bestimmtes Gerät identifizieren kann. Rückschlüsse auf die Person, die dieses Gerät bedient hat, sind aber nach wie vor nicht möglich. Auch darf man nicht vergessen, dass man IP-Adressen auch bei IPv6 nahezu beliebig ändern kann. Selbst ein Rückschluss auf ein bestimmtes Gerät kann sich also verschleiern lassen, wenn man dem Gerät nachträglich eine andere IP-Adresse verpasst.

Fazit

Letztlich muss man feststellen: IPv6 stellt das Datenschutzrecht vor neue Herausforderungen. Probleme wie der Personenbezug werden selbst dann nicht gelöst, wenn jeder Kugelschreiber eine eigene IP-Adresse hat. Die Probleme werden allerhöchstens verlagert. Gerade in Anbetracht der neuen Gefahren, die – bei allen Chancen von IPv6 – auf uns zukommen, wird eine grundlegende Reform des Datenschutzrechtes immer dringender. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass ein Datenschutzrecht, das schon mit IPv4 überfordert war, künftig mit IPv6 besser zu handhaben wäre, nur weil eine Identifizierung einzelner Netzteilnehmer einfacher wird.

Kommunikationsabläufe werden sich auf technischer Ebene sehr bald drastisch verändern. Noch sind viele technische Hürden zu nehmen, aber ein Ende von IPv4 steht kurz bevor. Noch ist Zeit, die Chance zu nutzen und mit der Technik im Netz auch das Datenschutzrecht auf eine neue Ebene zu bringen.

Das Internet-Protokoll 6 verändert die Spielregeln bei ZEIT online.

Nachtrag:

Zur Klarstellung: IPv6 bietet den Raum, jedes Gerät auch nach außen mit einer eigenen, statischen IP-Adresse zu versehen. Zwingend ist das natürlich nicht. Einerseits obliegt es dem Kunden, den IP-Adressraum, der ihm zugewiesen wurde, beliebig zu verteilen (was mittels „Privacy Extensions” auch automatisch möglich ist). Andererseits steht nicht fest, dass die Adressräume an Endkunden statisch vergeben werden – dynamische IP-Adressen, bzw. Adressräume sind also nach wie vor möglich. Wie genau die Umsetzung aber erfolgen wird, steht noch nicht fest. Zumindest die Telekom plant für Privatkunden jedoch eine dynamisch Vergabe von Adressräumen. Fest steht jedoch noch nichts.
Anzeige:

Kommentare

* Hans Carlos Hofmann 03.02.2011 09:32
Ein ganz wesentlicher Aspekt fehlt da noch völlig. Bei IPv4 wahr Multicast optional. Multicast ist eine Funktion Daten bereitzustellen, die dann an jeden gehen, der sie haben will. Das ist bei IPv6 anderes. Dort ist Multicast ein muß. Jeder Router, der sich IPv6 tauglich schimpft, muss es können. Zu jedem Verbrauchernetz gehören auch zwingend Multicast adressen. Das bedeutet eine riesen Revolution, weil jeder 100€ Rechner, jedes Handy zu einem Rundfunksender mit weltweiter Reichweite wird. Wenn ich mit meinem Handy ein Viedeocast mache, dann brauche ich bisher einen Verteiler wie bambuser, der aber nur endlich viele User bedienen kann, weil jedes Packet an jeden Nutzer versandt werden muss. Mit IPv6 kann die Halbe Weltbevölkerung zusehen, wie z.B. das Mappusregime am 30.9. in Stuttgart Kinder von Bereitschaftspolizisten schlagen lässt, ohne das es ein Technisches Problem gibt. Weil an jeder weiche wo nötig die Daten von den Routern kopiert werden.

Unser Rundfunkrecht kann man getrost in die Tonne treten. Jeder kann Senden, was am meisten gefragt ist wird über Rundfunk verteilt, um die anderen Netze zu entlasten. Das Rundfunkrecht Ländersache ist, wird zum Treppenwitz. Die nötigen Veränderungen werden dann hoffentlich auch zu einer Abschaffung des öffentlich rechtlichen Rundfunk führen. Die ist längs überfällig, weil die Anschalten in Ihrem politischen Grundversorgungsauftrag nicht mehr nachkommen können oder wollen (siehe FAZ Artikel "Wir sind nicht dabei gewesen" über die aktuelle Berichterstattung aus Arabien) und die Zwangsgelder stattdessen in fragwürdige Spielschows wie "Wetten das" investieren. Wer das will, soll die privatrechtlich, gewinnorientiert anbieten.
* Robert 03.02.2011 12:20
Dass "eine Identifizierung einzelner Netzteilnehmer einfacher wird", wird wohl mit Rücksicht auf die IPv6 Privacy Extensions eine nicht zu haltende Vorhersage sein. In den IPv6-Stacks von Windows 7, Linux und MacOS ist die Privacy Extension schon jetzt integriert, und für iOS (iPad, iPhone) oder Android darf man hoffentlich auch damit rechnen.

Und das ist gut so.
* Adrian 03.02.2011 14:01
Danke für die Ergänzungen.

@Hans: Das klingt extrem interessant. Ich werde mal schauen, ob ich mich da die Tage mal einlesen kann. Bei IPv6 sind sicher noch eine ganze Menge anderer Aspekte auch juristisch interessant, die in den nächsten Monaten und Jahren sicher noch spannend werden.

@Robert: Ich habe die Privacy Extensions so verstanden, dass sie lediglich eine Entkopplung von IPv6-Adresse und Gerät überhaupt ermöglichen. Dass ich zumindest immer eine IP-Adresse aus ein und demselben Block habe, der mir vom Provider zugewiesen wurde, dürfte daran ja nichts ändern. Damit kann die Identifizierung eines einzelnen Gerätes verschleiert werden (das meinte ich auch mit der laienhaften Formulierung "dem Gerät eine andere IP verpassen"). Eine Zuordnung zu einem bestimmten Anschluss ist aber nach wie vor möglich und - sofern die Blöcke an die Kunden statisch vergeben werden - auch bedeutend einfacher als unter IPv4, weil zumindest in einem fest definierten Teil der Adresse eine dynamische Vergabe fehlt. Die Privacy Extensions lösen das Problem der erleichterten Identifizierbarkeit also nur teilweise.

Generell ging es mir in dem Artikel auch eher darum, auf die Probleme aufmerksam zu machen. Viele davon werden sicher in der Praxis später vermieden werden können. Aber ich glaube, dass wir im Moment in einer Phase sind, wo wesentliche Weichen gestellt werden. Und da sollte man wissen, wie welche Entscheidung auch juristisch einzuordnen sind und welche Konsequenzen sie haben können.

Sollte ich technisch hier irgendwo völlig daneben liegen, bin ich für genauere Erklärungen dankbar. Ich bin eben auch in erster Linie Jurist und in zweiter Linie Techniker, da können Missverständnisse bei Detailfragen schon mal vorkommen. ;)
* Rocknrolla 11.05.2011 11:29
Zu IPv6 und Datenschutzproblemen generell, insbesondere aber Rechteverfolgung (z.B.Whois-Abfragen) ein interessantes Dokument der Art. 29 Gruppe aus dem Jahre 2002 (!)

So wurde bereits damals festgehalten:

"Die eindeutige Kennung einer Schnittstelle, wie sie in IPv6 integriert ist, würde eine Kennung von allgemeiner
Bedeutung darstellen.

Die derartige Verwendung einer eindeutigen Kennung steht im Widerspruch zum Grundsatz der Datenminimierung und beschwört die Gefahr herauf, dass über die
Betroffenen Profile aller ihrer Aktivitäten im Netz erstellt werden. [...]

Protokolle, Produkte und Dienstleistungen sollten so konzipiert werden, dass zwischen ständigen und temporäre Adressen gewählt werden kann. Die Voreinstellungen sollten ein hohes Datenschutzniveau gewährleisten."

http://ec.europa.eu/justice/policies/privacy/docs/wpdocs/2002/wp58_de.pdf

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
BBCode-Formatierung erlaubt
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.