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Spätestens, als sich Freitag abends herumsprach, dass die Tagesschau berichtet hatte, wurde den Teilnehmern klar, dass „Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt” keine gewöhnliche Wissenschaftskonferenz werden würde. Wikipedia ist auch kein normales Forschungsobjekt. Es ist ein Medienorgan von enormen gesellschaftlichem Einfluss; ein Machtfaktor, der sich aus dem politischen und wissenschaftlichen Diskurs kaum noch wegdenken lässt. Gleichzeitig ist so viel an der Wikipedia neu und anders, das sich etabliertes Wissen kaum auf sie anwenden lässt.

Die „Wikipedistik” - die Wissenschaft, die sich mit Wikipedia beschäftigt - steckt noch in den Kinderschuhen. Trotzdem sind einzelne Aspekte der Wikipedia schon erstaunlich weit erforscht: Mit der Wikipedia beschäftigen sich Soziologen, Historiker, Politikwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler und Kommunikationswissenschaftler. Die Rechtswissenschaft ist allerdings nach meinem Kenntnisstand in der Wikipedistik bisher nicht vertreten.

Dabei wäre ein juristischer Ansatz durchaus notwendig. Auf der Konferenz zeigte sich - empirisch belegt, aber auch im Rahmen der Diskussion - dass die Machtpositionen bei Wikipedia fast komplett in den Händen einer relativ überschaubaren Personengruppe liegen. Diese Gruppe ist relativ klein (es kursierten Zahlenangaben zwischen 150 und 500 Personen), homogen, gegenseitig loyal und relativ unempfindlich gegen Einflussnahmeversuche von außen. Dabei ist diese Gruppe jedoch kaum legitimiert. Es gibt wenig nachvollziehbare Strukturen, kaum gegeneinander abgrenzbare Verantwortlichkeitssphären. In der Wikipedia herrscht eine Atmosphäre, die Machtmissbrauch möglich macht, wenn nicht sogar begünstigt. Und tatsächlich: Der Vorwurf der „Adminwillkür” ist häufig unter den einfachen Wikipedia-Mitarbeitern. Auch dies war Thema auf der Wikipedia.

Christian Stegbauer spricht über "Wikipedia – Von der Befreiungs- zur Produktideologie". Bild: Ziko van Dijk, CC BY-SA 3.0


Es wäre allerdings falsch, zu behaupten, die Wikipedia hätte keine Struktur. Schon deswegen, weil es die Wikimedia-Vereinigungen gibt, die eine eigene Rechtsform haben. Diese sind zwar nicht mit der Wikipedia identisch, haben aber dennoch großen Einfluss auf die dortigen internen Abläufe. Auch innerhalb der Wikipedia gibt es Strukturen. Es gibt bestimmte „Ränge”, die ein Wikipedia-Teilnehmer erreichen kann (am wichtigsten wohl der Rang eines Admins). Es gibt auch Regeln, z.B. den vieldiskutierten WP:NPOV und einige Ansätze zur Konfliktlösung, z.B. den Vermittlungsausschuss oder das Schiedsgericht. Aber: Wie kommen diese Normen zustande? Wer erarbeitet sie, und woraus beziehen sie ihren Geltungsanspruch? Wer setzt sie durch, und wie funktioniert diese Durchsetzung?

Wikipedia ist ein Rechtsraum, der nach eigenen Regeln funktioniert. Einiges ist aus anderem Kontext schon bekannt: So mag z.B. das sukzessive, diskursive Entstehen von Regeln (vgl. z.B. die Versionsgeschichte von WP: Theoriefindung) der Tradition des common law verwandt sein. Vieles andere ist aber auch völlig neu. Wikipedia ist keine abgrenzbare Personengruppe, es gibt keinen definierbaren Moment des Ein- oder Austritts von Mitgliedern. Die Leitungsstrukturen sind verschwommen und existieren unabhängig, man könnte fast sagen außerhalb der geltenden Rechtsordnung. Aus Sicht eines Juristen fehlt es an Greifbarem, an das er seine Methoden anknüpfen könnte: Wie sollte man Wikipedia fassen, nach welchen Maßstäben beurteilen? Gesellschaftsrechtlichen? Staatsrechtlichen? Medienrechtlichen?

Innenansicht der Bibliotheka Albertina mit Konferenzteilnehmern. Bild: Ziko van Dijk, CC BY-SA 3.0


Man kann Wikipedia auch als eigenen Herrschaftsraum erklären, der innerhalb eines Machtvakuums entstanden ist: Weil der Staat und dessen Hoheitsgewalt fehlt, musste sich eine Personengruppe zwangsläufig selbst organisieren. Es bleibt freilich die Frage: Ist die „Abschottung” gegen hoheitliche Eingriffe durch die Wikipedia gewollt, oder entstehen die eigenen Regeln schlicht als Reflex auf die Untätigkeit der Staaten? Ist es zulässig, dass sich die Staaten aktuell heraushalten - auch auf die Gefahr hin, ihren Bürgern keinen Rechtsschutz bieten zu können?

Es ist aus meiner Sicht unumgänglich, die Wikipedia in juristische Formen und Normen zu fassen. Sicher: Viel von der Kreativität und dem Geist des Projektes folgt auch aus seiner Ungesteuertheit und Unkonventionalität. „Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt” hat aber auch gezeigt, dass dies kein Dauerzustand ist. Der Missbrauch von Macht, organisationelle Mängel und die Intransparenz der Strukturen in der Wikipedia war ein Punkt, den die Forscherinnen und Forscher häufig zur Sprache brachten. Die Antwort kann und muss hier eine juristische sein. Denn, auch wenn dies häufig vergessen wird, dies ist die eigentliche Aufgabe von Recht und Rechtswissenschaft: Organisationsabläufe zu erleichtern; Macht fass- und damit kontrollierbar zu machen; Willkür zu vermeiden.

Offizielle Seite zur Konferenz „Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt”.

Konferenzbericht auf dem nkblog.

Konferenzbericht auf Heise Online.

Ein etwas älteres Interview mit Christian Stegbauer, ebenfalls Konferenzteilnehmer.
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Kommentare

* RA Markus Kompa 28.09.2010 12:56
Speziell zu den Wikipedia-Regeln habe ich hier noch ein aktuelleres Interview mit einem Konferenz-Redner anzubieten: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33341/1.html
* Simon Möller 28.09.2010 13:03
Danke, sehr interessantes Interview!
* Andreas Schmidt 29.09.2010 21:07
"Dabei wäre ein juristischer Ansatz durchaus notwendig"
Wer hat was davon? Wem nützt es?

"Diese Gruppe kaum legitimiert" -
a) Warum und wem gegenüber ist die Gruppe zur Rechenschaft verpflichtet? Doch vor allem den Autoren gegenüber. Die haben die Voice und Exit als Option. Und Fork.
b) Output-Legitimation. Immerhin hat Wikipedia es geschafft, ohne Hilfe von Wikipedistik und Juristik zu einem ausgesprochen hilfreichen Werkzeug zu werden.

"Unempfindliche gegen Einflußnahme von außen"
Stegbauer zitierte einen interviewten Admin sinngemäß so: wenn wir nicht eingreifen (löschen, sperren, etc.), dann steht es montags im Spiegel. Die kleinen Berichte von Bertelsmann&Co führen scheinbar dazu, die Eingriffsfreude der Admins zu erhöhen.

"Ränge"
Ränge verweist auf ein mehrschichtige interne Hierarchie, erinnert an Militär und Mafia, ist mir zu wertend. Der Begriff der Rollen ist wohl angemessen.

"Rechtsraum, der nach eigenen Regeln funktioniert"
Jedes soziale Gefüge, jede Gruppe folgt eigenen Regeln. Oder wolltest du andeuten, dass es für Wikipedia an staatlich erlassenen Rechtssätzen mangelt? Ich befürchte es fast:

"außerhalb der geltenden Rechtsordnung"
Das ist der satirereife Satz. Synonym zum rechtsfreien Raum.

"Ist es zulässig, dass sich die Staaten aktuell heraushalten - auch auf die Gefahr hin, ihren Bürgern keinen Rechtsschutz bieten zu können?"
Bei einem global zugänglichen Medium gibt es genau zwei Alternativen für einen Staat: Einen globalen Rechtsraum herstellen (viel Spaß mit den Halb- und Nichtdemokratien dieser Welt) oder eine Parzellierung des Kommunikationsraumes entlang staatlicher Grenzen, derzeit also nationale DNS- oder gar DPI-Filterung. Bereit diesen Preis zu bezahlen?

"Mißbrauch von Macht"
Wenn Machtmißbrauch und Willkür seine höchste Ausprägungsstufe in Wikipedia gefunden haben sollte, würde ich den Aufruf zu einer Bewegung für Machtmißbrauch anempfehlen, um dem Impuls für gesellschaftliche Wohltaten auszuleben.
* Simon Möller 01.10.2010 17:55
Die Frage, ob Wikipedia reguliert werden muss, lasse ich mal offen - zur Beantwortung dieser Frage sind sicherlich andere Wissenschaften, bzw. Wissenschaftler besser qualifiziert. Ich hatte aber einige Vorträge auf der CPOV so verstanden, als dass es einen wachsenden Bedarf nach strukturierter Steuerung (in) der Wikipedia gibt. Das waren vor allem die Beiträge von Pentzold und Stegbauer, die hier am Rand schon angesprochen worden sind.

Ich weiß nicht so richtig, ob dir das bewusst ist: Du bewegst dich eigentlich nie außerhalb der Rechtsordnung. Insbesondere dann, wenn du Teil einer Organisation bist, greift der Staat sowohl die inneren Prozesse als auch die Außenrechtsbeziehungen dieser Organisation ein. Beispiel: Ein Student an einer Universität ist Mitglied einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft, ihre gegenseitigen Rechtsbeziehungen ergeben sich (u.A.) aus dem Landeshochschulgesetz und den Universitätssatzungen. Anderes Beispiel: Ein minderjähriges Kind ist Mitglied einer Familie; Eltern und Kind sind in ihrer internen Gestaltung jedoch nicht frei, sondern sind durch das Familienrecht eingeschränkt (z.B. § 1626 BGB).

Dass eine bestimmte Organisation im Inneren frei von rechtlichen Regeln wäre - d.h. im Umgang mit ihren Mitgliedern schalten und walten kann wie sie will - ist in der westlichen Kultur die absolute Ausnahme. Bei Wikipedia scheint mir das jedoch (zumindest teilweise) der Fall zu sein.

QUOTE:
Bei einem global zugänglichen Medium gibt es genau zwei Alternativen für einen Staat: Einen globalen Rechtsraum herstellen (viel Spaß mit den Halb- und Nichtdemokratien dieser Welt) oder eine Parzellierung des Kommunikationsraumes entlang staatlicher Grenzen, derzeit also nationale DNS- oder gar DPI-Filterung. Bereit diesen Preis zu bezahlen?


Tatsächlich gibt es drei Alternativen. Zu den beiden genannten kommt noch eine hinzu: Schlichte Passivität. Die Staaten verzichten auf Einmischung. Das hat allerdings den Effekt, dass sie einige ihrer ureigensten Aufgaben partiell aufgeben müssen: Ihr Gewaltmonopol; ihren Streitschlichtungsanspruch; den unbedingten Geltungsanspruch des eigenen Rechts im eigenen Staatsgebiet.

Das ist letztlich der Grundkonflikt, der sämtliche hoheitliche Interventionen ins das Internet begleitet. Eine abschließende Lösung habe ich auch nicht: Ich bin aber jedenfalls der Auffassung, dass es falsch ist, eine der drei Alternativen radikal auszuschließen bzw. sich ihr radikal anzuschließen. Die Lösung muss im Abwägungsprozess gefunden werden.
* Andreas Schmidt 01.10.2010 19:04
Danke für den Hinweis auf die dritte Alternative. Ich hatte, glaube ich, allein den handlungswilligen Staat im Sinn, für den Passivität nicht in Frage kommt. Eine Folge der Beschäftigung mit dem Thema Internetsicherheit.

Wahrscheinlich muss ich diesen Hinweis gar nicht anführen: Wenn Sozialwissenschaftler Regulierungsbedarf sehen, denken sie dabei nicht unbedingt zuerst an gesetzlichen Regelungsbedarf.
Mal schauen, wie die Wikipedia-Community auf all die externe Kritik von außen reagiert und mit welchen institutionellen Neuerung sie aufwarten wird.
* Horst 13.10.2010 00:37
juristischer Ansatz durchaus notwendig … Machtpositionen … kaum legitimiert … eine Atmosphäre, die Machtmissbrauch möglich macht, wenn nicht sogar begünstigt

Nachdem sich das liest, als würde jeden Moment der drite Weltkrieg bevorstehen: Könnte ich mal Beispiele (nicht Einzelfallerscheinungen) präsentiert bekommen, bei denen ein eklatanter Machtmissbrauch stattfand? Vielleicht sogar inklusive Begründung warum es Missbrauch ist und wer damit begünstigt wurde? Danke.
* Jan Hanfeld 28.10.2015 22:52
Am 24.09.2015 ist eine Petition gegen Anonymität und Zensur in der Wikipedia gestartet worden, die sich an die Wikimedia Foundation richtet:

https://www.change.org/p/transparenz-auf-wikipedia-wikitransparenz

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