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Stellen Sie sich vor, Sie durchstöbern einen Online-Shop. Sie schauen sich einige Produkte an, entscheiden sich dann aber dagegen, etwas zu kaufen. Wäre es nicht praktisch für den Betreiber des Online-Shops, wenn er Sie auf den nächsten Internetseiten nochmal dezent an die Produkte erinnern könnte, für die Sie sich eben noch interessiert haben? Und wäre es für Sie als Nutzer nicht irgendwie gruselig?

Seit vorletzter Woche bietet Google unter dem Namen „Retargeting“ eine Erweiterung seiner Werbeprodukte an, die genau dieses Szenario ermöglichen soll. Angeblich soll diese Maßnahme datenschutzkonform sein. Wir haben uns das mal genauer angeschaut.

Die Funktion

Der Besuch der Website einer Werbeagentur (nach eigenen Angaben „Deutschlands erster Spezialvermarkter“ in Bezug auf „Retargeting”) veranschaulicht ganz praktisch, dass das Prinzip tatsächlich funktioniert: Man surfe von dort aus auf die Seiten der aufgeführten Referenzkunden, beschäftige sich etwas mit den einzelnen Produkten, und kehre dann zurück auf die Website der Agentur. Auf der dort bereitgestellten Demo-Fläche wird dann umfänglich Werbung für Produkte dargestellt, die man kurz zuvor so oder ganz ähnlich sich auf den Webseiten der Referenzkunden angesehen hatte.

Der technische Hintergrund

Bei Besuch einer „Retargeting“-Website wird beim Besucher ein Cookie gesetzt, der auf dessen Rechner verschlüsselte Informationen ablegt. Jede Website, die danach angesurft wird und Google Werbung verwendet, kann mit Hilfe des Cookies beim jeweiligen Internetnutzer, immer wieder und wieder, maßgescheiderte Werbung der besuchten „Retargeting“-Websites eingeblenden.

Die Dimension des „Wiederfindens“

Da die allermeisten Websites heutzutage in irgendeiner Form Google Werbung verwenden, sollte es für Google ein Leichtes sein, anhand der „Retargeting“–Cookies die vielzitierten „umfänglichen Bewegungsprofile” über Besucher entsprechender Websites erstellen zu können. Google ist damit faktisch in der Lage, über längere Zeiträume genau nachzuvollziehen, welche Seiten welcher Benutzer in welcher Häufigkeit aufgerufen hat, mithin für welche Produkte und Services er sich ganz besonders interessiert. Es lassen sich damit auch annähernd exakte Informationen über die Person bestimmen wie zum Beispiel über Geschlecht, Alter, Arbeitszeiten, finanzielle Situation oder auch Kleidungs- und damit Körpergrößen der Besucher.

Daten aus dem „Google AdPlanner”
Statistische Einschätzung von Google über die Besucher einer Webseite.
Außerdem erscheint es keineswegs als ausgeschlossen, dass „Retargeting“-tätowierte Surfer auch von Websites identifiziert werden, die „Google Analytics“ verwenden. Gleiches gilt für die mögliche Wiedererkennung bei der eigenen Google-Suche, bei der YouTube-Videosession oder beim E-Mail-Versand mittels Google Mail. Im Ergebnis ist so ein Höchstmaß an personalisierter Werbung im Google-Netzwerk denkbar. Für alle Werbetreibenden grundsätzlich ein begrüßenswerter Umstand, ein weiterer Quantensprung hin zu zielgerichteter personalisierter Werbung ohne Streuverluste. Und es wird sicher auch Surfer geben, die sich solche Werbung wünschen und diese als hilfreich bei ihrer Entscheidungsfindung beim Kauf etwaiger Produkte betrachten.

Gleichwohl ändert dies nichts an der Tatsache, dass Informationen über Internetnutzer zunächst ungefragt gesammelt und zu Zwecken personalisierter Werbung zusammen geführt werden. Das Ergebnis der Datensammlung- und Auswertung wird dem Internetnutzer dann in Gestalt von Anzeigen aufgetischt.

Die rechtliche Würdigung

Und damit ist man auch schon bei der Frage angelangt, ob „Retargeting“ tatsächlich und wie von den Verwendern behauptet datenschutzrechtlich nicht zu beanstanden ist. Im Mittelpunkt einer solchen Betrachtung hat dabei zunächst zu stehen, ob es sich bei den „Retargeting“-Cookies um Daten mit Personenbezug handelt und es damit überhaupt zu einer Anwendbarkeit der datenschutzrechtlichen Vorschriften kommen kann.

Vom Grundsatz aus kann es sich auch bei Cookies um personenbezogene Daten im Sinne des § 3 Abs. 1 BDSG handeln, nämlich immer dann, wenn Google ein Zusatzwissen aus anderen Diensten mit dem Cookie verbindet und damit eine Person identifizieren kann. Im Falle von „Retargeting“ soll der Cookie gerade mit den „AdWords“-Funktionen verknüpft und mit weiteren im Werbenetzwerk gesammelten Informationen zusammen geführt werden, um passgenaue "Retargeting"-Werbung zu ermöglichen. Es entstehen so detaillierte Informationen wie z.B. über Dauer und Häufigkeit der Internetnutzung, Alter, finanzielle Situation und selbst Kleidungsgrößen des Internetnutzers. Da diese Informationen unter Zuhilfenahme des „Retargeting“-Cookies gezielt zu Zwecken personalisierter Werbung zusammen geführt werden, muss zwangsläufig auch von einem Personenbezug dieser Cookies ausgegangen werden und damit auch von einem erlaubnispflichtigen Vorgang in Bezug auf das Abrufen und Auswerten der jeweiligen Cookiedatei. Es bedarf diesbezüglich also der Einwilligung der Einwilligung der betroffenen Nutzer oder eines gesetzlichen Erlaubnistatbestandes.

Da sowohl die „Retargeting“- verwendende Website als auch Google „Diensteanbieter“ von Telemedien sind, ergeben sich mögliche Erlaubnistatbestände bezüglich des Abrufens und des Auswertens der Cookies zunächst vorrangig aus den Vorschriften des Telemediengesetzes. Als konkrete Vorschrift kommt insoweit nur § 15 Abs. 3 TMG in Betracht, wonach der Diensteanbieter Nutzungsprofile von Pseudonymen erstellen darf, sofern der Nutzer dem nicht widerspricht. Eine Anwendbarkeit dieser Regelung ist aber schon deshalb nicht möglich, weil die Pseudonymisierung der Daten nicht durch Dritte, sondern durch Google selbst geschieht. Im Ergebnis handelt es sich bei den Cookies deshalb weiterhin um Daten mit Personenbezug und eben nicht um Pseudonyme im Sinne der Vorschrift, da die Pseudonymisierung faktisch jederzeit von Google selbst wieder aufgehoben werden könnte.

Über den Verweis des § 12 Abs. 1 TMG bleibt somit nur noch der Rückgriff auf die Erlaubnissätze des BDSG. Insbesondere § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG gestattet der verantwortlichen Stelle seit dem 1.4.2010 neben der geschäftsmäßigen Erhebung und Speicherung personenbezogener Daten nun auch die Nutzung dieser Daten zum Zweck der Übermittlung, sofern dies unter anderem der Werbung diene und keine schutzwürdigen Interessen des Betroffenen entgegen stehen. Da die in der Cookiedatei hinterlegten Daten durch Google beziehungsweise durch die jeweilige „Retargeting“-verwendende Website zu Zwecken personalisierter Werbung genutzt werden, liegt darin auch ein „Übermitteln“ im Sinne des § 3 Abs. 4 Nr. 3 a und b BDSG. Die über die Zulässigkeit der Verwendung von „Retargeting“ entscheidende Frage lautet damit:

Gibt es anno 2010 „schutzwürdige Interessen“ eines Internetnutzers, die einer Speicherung und Verwendung von „Retargeting“ Cookies entgegen stehen?

Je nach Standpunkt wird eine Beantwortung natürlich anders ausfallen. In eine Beurteilung einfließen sollte auf jeden Fall der Umstand, dass durch „Retargeting“ ein neues Level, eine andere Dimension des Datensammelns- und Auswertens erreicht wird. Und dass es sich bei den entsprechenden Cookies um anonymisierte und pseudonymisierte Daten im Sinne von § 3 Abs. 6, 6 a BDSG und nicht um personenbezogene Daten handeln würde, ist schlicht lebensfremd, da Google mit den Cookies ein Zusatzwissen aus seinem gesamten Werbenetzwerk, darunter auch die so datenintensiven „sozialen Netzwerke“, verknüpfen kann und will.

Fazit

Man stelle sich Google „Retargeting“ einmal im realen Leben vor: Nach Besuch eines Kaufhauses kommt einem der Verkäufer nachgelaufen, und hält einem das nicht gekaufte Produkt oder ein anderes ähnliches immer wieder vor. Er scheut sich auch nicht, andere Geschäfte zu betreten, sondert zahlt diesen sogar ein Entgelt, um zu erfahren, was dem Kunden noch so alles gefällt und ihn weiterhin belagern zu können. Nun sind die Realitäten im Web 2.0 andere und es ein grundsätzlich begrüßenswerter Umstand, dass eine Entwicklung stattgefunden hat von ehemals dumpfer Bannerwerbung hin zu fein austarierter personalisierter Werbung, womit auch ein spürbarer Mehrwert für den Kunden und Internetnutzer einher gehen kann.

Gleichwohl kann es nicht darum gehen, diese personalisierte Werbung um jeden Preis und unter Missachtung des Datenschutzrechtes zu realisieren, auch wenn dieses mit dem raschen technischen Wandel der letzten Jahre nicht Schritt halten konnte. Nach wie vor und immer wieder sollte daher ganz nüchtern abgewogen werden, was im „Web 2.0“ unter den datenschutzrechtlichen relevanten „schutzwürdigen Interessen“ der Internetnutzer zu verstehen ist. Pauschale Formulierungen wie „datenschutzrechtlich unbedenklich“ oder einfache Hinweise auf ein von Google angebotenes „Opt-Out“ genügen einer solchen Abwägung nicht.

(Vielen Dank auch an Florian Schmidt für tatkräftige Unterstützung)
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Kommentare

* Adrian 08.04.2010 17:15
Ich bin da ja etwas kritischer, was den Personenbezug angeht.

Klar, wenn ich einen Google-Account habe, dürften alle Daten, die Google über mich erhebt und mit dem Account verknüpfen kann, personenbezogen sein. Bei der reinen Cookie-Lösung bin ich für Google aber zunächst nichts anderes, als eine Zahl. Diese Zahl hat m.E. erstmal keinerlei Personenbezug, denn sie kennzeichnet nicht mich als Person, sondern meinen Computer. Genauer sogar nur den Browser, den ich gerade verwende.

Diese Zahl wird wiederum mit verschiedenen Informationen verknüpft, zum Beispiel besuchte Seiten, angeschautes Produkt, etc. Dass diese Informationen in ihrer Fülle tatsächlich zu einem Personenbezug führen, halte ich für spekulativ. Zumindest halte ich es für etwas vorschnell, pauschal einen Personenbezug anzunehmen.

Ja, es lassen sich statistische Aussagen über einen Person herleiten, wenn man nur genug Daten über besuchte Seiten, angeschaute Produkte, usw. sammelt (siehe ja auch der Google AdPlanner). Dass diese aber zu einem so exakten Wert führen, dass ein Personenbezug hergestellt werden kann, halte ich eher für einen Ausnahmefall. Wäre interessant zu wissen, ob es da irgendwelche Studien gibt.

Und jetzt kommt mir bitte nicht mit der IP-Adresse. Ich weiß, dass die hM hier einen Personenbezug annimmt, aber mir ist das zu einfach. ;-)

Nichtsdestotrotz ist mir das Retargeting allerdings auch etwas unheimlich...
* Stephan Hansen-Oest 09.04.2010 07:47
Interessanter Artikel! Man darf das Thema Targeting und die Unterformen des Retargeting und Behavioral Targeting auch zu den datenschutzrechtlich spannendsten (und leider auch komplexesten) Themen zählen.

Bei guter Vertragsgestaltung (Auftragsdatenverarbeitung) bekommt man ein gutes und effizientes Targeting bei Sitz der beteiligten Unternehmen in der EU mittlerweile ganz gut hin. Die von der Targeting-Branche angestoßenen Opt-Out-Initiativen, die z.B. eine zentrale Opt-Out-Website für alle (relevanten) Targeting-Anbieter vorsehen, sind gute flankierende und grundrechtsschonende Maßnahmen. Dies kann dazu beitragen, ein komplexes Konstrukt wie ein Targeting als rechtskonform einzuordnen.

Wie in dem Beitrag richtig festgestellt wird, ist das bei der Google-Variante jedoch ungleich schwerer, denn eine Auftragsdatenverarbeitung scheidet bei Google regelmäßig aus, da der Anbieter des Google Retargetings seinen Sitz in einem "unsicheren Drittstaat", nämlich den USA hat. Als Umkehrschluss aus § 3 Abs. 8 BDSG kommt eine Auftragsdatenverarbeitung i.S.d. § 11 BDSG mit Google schon nicht in Betracht. Es bliebe lediglich die Variante, mit den EU-Standardvertragsklauseln ("Processors") zu arbeiten. Das wird ein kleiner Shopbetreiber mit dem "großen" Google Inc. aber schwerlich hinbekommen.

QUOTE Telemedicus:
Da sowohl die „Retargeting“- verwendende Website als auch Google „Diensteanbieter“ von Telemedien sind, ergeben sich mögliche Erlaubnistatbestände bezüglich des Abrufens und des Auswertens der Cookies zunächst vorrangig aus den Vorschriften des Telemediengesetzes. Als konkrete Vorschrift kommt insoweit nur § 15 Abs. 3 TMG in Betracht, wonach der Diensteanbieter Nutzungsprofile von Pseudonymen erstellen darf, sofern der Nutzer dem nicht widerspricht. Eine Anwendbarkeit dieser Regelung ist aber schon deshalb nicht möglich, weil die Pseudonymisierung der Daten nicht durch Dritte, sondern durch Google selbst geschieht. Im Ergebnis handelt es sich bei den Cookies deshalb weiterhin um Daten mit Personenbezug und eben nicht um Pseudonyme im Sinne der Vorschrift, da die Pseudonymisierung faktisch jederzeit von Google selbst wieder aufgehoben werden könnte.


Der Satz scheint sprachlich ein bisschen fehlerhaft zu sein, oder? Vielleicht sehe ich das auch falsch, aber "Pseudonymisierung der Daten nicht durch Dritte" scheint hier irgendwie nicht ganz zu passen.

Richtig ist, dass § 15 Abs. 3 TMG dem Wortlaut nach nicht passt, da der Diensteanbieter (hier: z.B. Shopbetreiber) mangels Auftragsdatenverarbeitungsverhältnis mit Google nicht als verantwortliche Stelle für die Cookie-Verarbeitung angesehen werden kann.

QUOTE Telemedicus:
Über den Verweis des § 12 Abs. 1 BDSG bleibt somit nur noch der Rückgriff auf die Erlaubnissätze des BDSG.


Bitte nochmal prüfen. § 12 BDSG passt im vorliegenden Fall nicht. Der betrifft die Datenverarbeitung durch öffentliche Stellen. Ihr meint sicher § 1 Abs. 3 BDSG als Subsidiaritätsnorm?

QUOTE Telemedicus:
Insbesondere § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG gestattet der verantwortlichen Stelle seit dem 1.4.2010 neben der geschäftsmäßigen Erhebung und Speicherung personenbezogener Daten nun auch die Nutzung dieser Daten zum Zweck der Übermittlung, sofern dies unter anderem der Werbung diene und keine schutzwürdigen Interessen des Betroffenen entgegen stehen. Da die in der Cookiedatei hinterlegten Daten durch Google beziehungsweise durch die jeweilige „Retargeting“-verwendende Website zu Zwecken personalisierter Werbung genutzt werden, liegt darin auch ein „Übermitteln“ im Sinne des § 3 Abs. 4 Nr. 3 a und b BDSG.
.

Die mit den Cookies verarbeiteten Daten sind m.E. eindeutig Nutzungsdaten i.S.d. § 15 TMG. Meint ihr nicht, dass das TMG insoweit abschließenden Charakter hat und damit möglicherweise kein Raum für einen Rückgriff auf das BDSG bleibt? Ich meine, dass im Falle von Targeting kein Raum für § 29 BDSG ist. Lasse mich aber gerne von einer anderen Sichtweise überzeugen.

Ich würde im vorliegenden Fall zudem eher noch prüfen, ob es sich nicht um alleinige Datenverarbeitung durch Google handelt. Google dürfte bei der konkreten Ausgestaltung - und bei nicht anzunehmenden Auftragsdatenverarbeitungsverhältnis - verantwortliche Stelle für die Verarbeitung der für Google personenbezogenen Daten sein. Entscheidend für die weitere Prüfung ist dann zunächst, welches Rechtsregime Anwendung findet. So wird ja vertreten, dass das TMG auch für ausländische Stellen Anwendung findet (vgl. Jotzo, MMR 2009, 232 (234)).

Sofern Google ein Opt-Out anbietet, könnte man also ggf. bei folgender Gestaltung und Betrachtungsweise zu einem rechtskonformen Zustand kommen:

1. Um Transparenzanforderungen zu genügen (auch § 13 Abs. 1 TMG) muss der Shopbetreiber in seiner Privacy Policy auf die Tatsache des Targetings und die Verantwortlichkeit von Google hinweisen.
2. Google muss i.S.d. § 15 Abs. 3 TMG eine Opt-Out-Möglichkeit als Widerspruchsmöglichkeit einräumen.
3. Der Shopbetreiber muss auf die Opt-Out-Möglichkeit (inkl. Link zur Opt-Out-Website) hinweisen.

Das würde allerdings nicht die sonstigen Google-Probleme lösen (Speicherung von IP-Adressen bei Google AdWords etc.).

Wie gesagt....Targeting ist derzeit ein wunderbares datenschutzrechtliches Thema. Nicht nur in Deutschland, sondern international wie z.B. die derzeit anhängigen Beschwerden bei der FTC zeigen (http://www.democraticmedia.org/files/u1/20100407-FTCfiling.pdf).
* Tobias Kläner 09.04.2010 11:08
Hallo Herr Hansen-Oest,

danke für den guten Beitrag, in der Tat hatte sich der Fehlerteufel eingeschlichen. Natürlich soll es nicht § 12 Abs. 1 BDSG heißen, sondern § 12 Abs. 1 TMG. Das BDSG ist insoweit "andere Vorschrift" (siehe zum Beispiel Spindler/Schuster, Recht d. elektronischen Medien, TMG, § 12, Rn. 4).

Ich stimme ihnen auch zu, dass es sich bei den Cookies um "Nutzungsdaten" gemäß " 15 TMG handelt. Dass diese Vorschriften allerdings abschließend sein sollen, ziehe ich in Zweifel. Zwar regelt das TMG den Datenschutz bezüglich der Daten, die im Zusammenhang mit der Durchführung der Telemediendienste erhoben und verwendet werden. Allerdings: Wurde denn für Fälle wie "Retargeting" damit tatsächlich eine Regelung getroffen? Ich vermag nicht eine Vorschrift in den §§ 12 ff. TMG zu erkennen, die auf solche Fälle auch nur annähernd anwendbar wäre und ohne viel "Gequetsche" eine Regelung treffen würde. Hatte der Gesetzgeber bei Konzeption des TMG gerade auch "Retargeting"-Cookies im Sinn? Vermutlich nicht....Damit halte ich den Rückgriff auf die §§ 28 ff. BDSG für möglich, sofern es sich bei den Cookies tatsächlich um personenbezogene Daten handelt (wie von Adrian bezweifelt wird).

Im übrigen zeigt sich schon hier die ganze Schwäche des TMG: Im Prinzip ist jede noch so kleine Website X Diensteanbieter von Telemedien. Mit der Konsequenz, dass eben die sperrigen und oft unpassend erscheinenden §§ 12 ff. TMG (abschließend?!) Anwendung finden.

Den Aspekt des alleinigen erlaubnispflichtigen Handelns durch Google halte ich für interessant. Wobei einer solchen Argumentation wohl eine sehr technische Betrachtungsweise zugrunde gelegt werden muss. Ein wertender Aspekt, dass diese Datenerhebung- und Verarbeitung ja in der konkreten Form genauso vom Shopbetreiber X gewollt wird, ist in meinen Augen ebenso notwendig.

Insgesamt zeigt sich ein großer gesetzgeberischer Handlungsbedarf. Ich finde es schon ziemlich verwegen und grenzwertig, den aktuellen und fast täglich neuen Problemen im Datenschutzrecht mit den derzeitigen Vorschriften in TMG und BDSG begegnen zu müssen.
* Jana Moser 12.04.2010 09:16
Ich stimme Herrn Hansen-Oeat ebenfalls umfassend zu. Zugleich möchte ich noch folgende Anmerkungen machen:

1. TMG ist für die Fälle der Werbung mit Nutzungs- und Bestandsdaten abschließend. Ein Rückgriff auf das BDSG ist m.E. wegen § 12 I TMG nicht möglich. Einzig für "Inhaltsdaten", deren Existenz ebenfalls von einigen Stimmen negiert wird, könnte man auf das BDSG zurück greifen. Das TMG ist jedoch Wortlaut deutlich, auch wenn die Deutlichkeit zu Lasten der Praktikabilität geht und hier zwingend eine Verbesserung nötig ist.

2. Verantwortliche Stelle für das Setzen des Cookies ist der "werbende Telemediendienst", wobei aber der diesen Werbedienst nutzende Telemediendienst dies auch zu eigenen nämlich finanziellen Interessen und Zwecken zulässt. Er ist m.E. demnach auch verantwortliche Stelle. Im Ergebnis muss er deshalb zumindest über die Werbung und das Widerspruchsrecht gemäß § 15 III TMG informieren.

3. Wenn die über den Cookie sammelbaren Daten Personenbezug haben und nicht unter einem Pseudonym abgespeichert werden, bedarf es der Einwilligung der Betroffenen. Das ist faktisch nur bei Internetseiten möglich, die entweder eine "Einwilligungsseite" vorschalten (vollkommen unpraktibalen) oder aber bei Diensten, die eine vorherige Registrierung erfordern.

(@Telemedicus-Team: Tolles Thema!)
* Simon 12.04.2010 12:43
In der Tat hat sich der Gesetzgeber, als er mit dem Wechsel von TDSG zu TMG das Tatbestandsmerkmal "die sich ausdrücklich auf Telemedien bezieht" aufnahm, ein ganz schönes Ei gelegt. Die Liste der damit noch zulässigen Erlaubsnisvorschriften ist kurz und diese an Generalklauseln, mit denen man atypische Fälle auffangen könnte, arm.

M.E. entscheidet sich die Zulässigkeit von Behavioural Targeting an § 15 Abs. 3 TMG.

@Adrian: Für die Frage des Personenbezugs kommt es m.E. erheblich auf den Einzelfall an, insbesondere wer die Daten erhebt und welche zusätzlichen Informationen diesem noch zur Verfügung stehen (sog. "relativer Personenbezug, Gola, BDSG, § 3 Rn. 10). Insbesondere für Nutzer vn Google-Mail sehe ich einen klaren Personenbezug. Google bleibt, soweit ich das sehe, nicht einmal die Möglichkeit, die jeweiligen Datensätze strikt getrennt zu halten, denn es kommt ja nur auf die (potentielle) Bestimmbarkeit an.

@Jana Moser: Wen meinen Sie denn mit "werbender Telemediendienst"? Den Werbetreibenden, die Werbeagentur oder den eigentlichen Webseitenbetreiber? Insbesondere bei Google-Werbung stellt sich die Frage noch bezüglich deren Affiliate-Programmen.

@Stephan Hansen-Oest: Interessanter Punkt mit der Frage des anwendbaren Rechts. Im Telemediengesetz gilt grds. das Herkunftslandprinzip mit der Ausnahme in § 3 Abs. 2 Nr. 4 TMG. Ich nehme an, diese (m.E. undurchsichtig formulierte) Norm ist der Grund dafür, dass die Frage nach der Anwendbarkeit aktuell umstritten ist. Den Aufsatz schaue ich mir auf jeden Fall noch mal an!
* Tierbedarf 27.08.2010 17:26
Sehe die ganze sache so. Ich suche bei Google mein eigenes Ranking Suchwort "XY".

OK, Cookies werden gespeichert. Jetzt bekomme ich immer eine Seite eines Konkurenten angezeigt egal auf welcher Seite ich bin. Aus trotz klicke ich diese Werbezeile immer an, was Geld kostet!

Kann mich schlapp lachen!

DAS SPAMSCHUTZFELD IST AUCH SCHEI..

Für alle die es nicht wollen gibt es ja Browser, welche Inprivate Surfen ermöglichen.

Aber wenn es nervt un unangenehm wird klickt doch einfach drauf! Im Schnitt sind es 0,30€ pro klick. Wer viel im Netz unterwegs ist schafft es 100 Mal pro Tag zu klicken. Das Wären 30€ Das ganze auf einen Monat 900€. Sagen wir eine Gruppe von 4-5 Leuten klicken mit, tendenz eher steigend da immer mehr genert sind.

Ich lach mich Schlapp...
* Jan 16.10.2010 18:58
@Tierbedarf: Ich glaube Google ist schon clever genug um das 100 malige Klicken eines einzelnen Nutzers sauber heraus zu filtern. Letztlich hat ja auch Google ein Interesse daran "saubere" Klicks zu liefern: Bekommt ein AdWords-Kunde nur spam-Klicks wird er sein Budget reduzieren und Google entgehen einnahmen. Bekommt er stattdessen Käufer wird er sein Budget weiter aufstocken.
* Econsim 08.02.2012 18:39
So oder so ist das Retargeting verbesserungswürdig. Ich hatte schon oft die Situation, dass ich ein beworbenes Produkt schon längst gekauft habe, und die Werbung dennoch wochenlang danach erscheint.
* Martin 31.03.2012 10:17
Am Retargeting habe ich neue Freude entdeckt. Ich rufe ein Unternehmen aus meinem Interessenbereich auf, das Retargeting verwendet, klicke wahllos einige Artikel an und habe wochenlang Ruhe vor noch blöderer Games-, Wett- und Love Werbung.
Dabei lerne ich sogar über Werbung "hinwegzusehen".
* Wiegmann 20.09.2012 10:29
Nach wie vor ein höchst relevanter Artikel zum Thema Retargeting. Ich stimme besonders der Einschätzung zu, daß durch Google das Retargeting einen Quantensprung erfahren hat. Die Konsequenzen sind allerdings zur Zeit gesellschaftlich kein Thema.

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