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Das deutsche Urheberrecht steht unter dem Verdacht, den Bezug zur Realität verloren zu haben. Diesem Verdacht möchten wir nachgehen und Menschen befragen, die beruflich mit urheberrechtlichen Fragen in Berührung kommen. Wo liegen die Probleme in der Praxis? Behindert das Urheberrecht die Kreativität und tägliche Arbeit? Auf unsere Fragen antwortet heute der Tänzer und Choreograph: Sebastian Weber.

1. Wo haben Sie in Ihrer täglichen Arbeit Kontakt mit dem Urheberrecht?

Als Tänzer und Tanzlehrer komme ich mit dem Urheberrecht vor allem während meines Tanzunterrichts und bei Aufführungen in Berührung. Denn dabei nutze ich meistens auch Musik.

Das Urheberrecht kenne ich aber auch von der anderen Seite, weil ich selbst Musik komponiere und Tanzstücke choreographiere. Im Rahmen von Workshops gebe ich anderen (Schulen, Tanzgruppen und Kollegen) meine Choreographien weiter – diese führen sie dann bei ihren eigenen Aufführungen vor.

Und auch wenn ich für Film- oder Fernsehproduktionen choreographiere, habe ich mit dem Urheberrecht zu tun.

2. Welche Probleme stellen sich dabei?

Bei der Nutzung von Musik: Die Abwicklung der GEMA-Angelegenheiten ist aufwendig und das Tarifgestrüpp ist kaum zu durchschauen. Für die GEMA macht es zum Beispiel einen Unterschied, ob ein und dasselbe Musikstück von der Original-CD eingespielt wurde oder von der Tonspur eines Videofilms, der zum Bühnenstück gehört. Auch gibt es viele kleine Veranstalter, die von speziellen Rabattmöglichkeiten nichts wissen, weil man sie auf der Webseite der GEMA nicht findet. Und die Art und Weise, wie die GEMA ihr Geld eintreibt, ist an Frechheit kaum zu überbieten. Wenn irgendwas nicht klar oder aus GEMA-Perspektive korrekt gemeldet ist, schickt die GEMA erstmal eine Rechnung in doppelter Höhe. Ich kenne Tanzschulen, die aus Unwissenheit an den Rand des Ruins gekommen sind.

Bei Aufführungen meiner Musik: Die GEMA gibt komischerweise keinen direkten Aufschluss darüber, welches Werk wann, wo und wie oft aufgeführt wurde. Stattdessen erhält man komplizierte Punktwerte und Formeln, mit denen man sich das irgendwie selbst ausrechnen kann. Es ist dadurch nur mit großer Mühe möglich zu prüfen, ob alle Auftritte von denen ich selbst weiß, auch gemeldet und berücksichtigt wurden. Außerdem sind die Beträge, die ich erhalte, lächerlich gering im Vergleich zu den Beträgen, die ich für die Nutzung von Rechten pauschal bezahlen muss. Manchmal zahle ich als Veranstalter GEMA-Gebühren für die Aufführung eines Stückes, in dem nur meine eigene Musik gespielt wird. Nur ein Bruchteil davon kommt am Jahresende wieder zu mir zurück.

Bei der Nutzung meiner Choreographien: Wenn andere meine Choreographien nutzen, erhalte ich dafür nichts. Das ist normalerweise auch okay und kein Problem. Choreographiere ich für Film oder Fernsehen, erhalte ich bei Werbefilmen einen vertraglich festgesetzten Betrag für meine Ideen. Das ist nett. Allerdings habe ich keine Ahnung, was da so üblich ist und bin den Meinungen meiner Agentur ausgeliefert. Inzwischen sehe ich aber etwas besser durch.

3. Wie könnten Lösungen für diese Probleme aussehen?

Ich finde, dass die GEMA generalüberholt werden müsste. In den anderen Bereichen sehe ich keinen dringenden Handlungsbedarf. Es gibt zwar eine Ideenräuberei auf Kanälen wie youtube, usw. Ich bin mir allerdings unsicher, ob und wie man das verhindern sollte.


© Sebastian Winter
Sebastian Weber genießt einen internationalen Ruf als zeitgenössischer Steptanzsolist und innovativer Choreograph. Seit rund zehn Jahren tritt er in Jazzclubs, Theatern und Festivals in ganz Europa, sowie den USA und China auf. Sein Steptanz wurde in TV und Radio gezeigt und seine Projekte wurden mit Fördermitteln und Auszeichnungen von Stadt, Land und Bund gewürdigt.


Hintergrund: Artikel-Serie „Drei Fragen ...”.

Alle Fragen zum Urheberrecht.
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