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Essen: Die Geschäftsleitung der WAZ-Mediengruppe kündigt ihren Mitarbeitern an, bis zu 300 Stellen abzubauen und auf die Unabhängigkeit der Mantelredaktionen zu verzichten. - Hamburg: Die Geschäftsführung von Gruner+Jahr teilt mit, 60 Stellen zu streichen und ihre Zeitschriften umzustrukturieren, teilweise sogar einzustellen. - München: Der Süddeutsche Verlag beschließt Sparmaßnahmen, ein Stellenabbau sei unvermeidlich.

So lauten die Nachrichten der letzten Wochen. Die Zeitungsbranche steckt in der Krise, das wird beim Lesen der Meldungen deutlich. Doch woran liegt das? Warum ist sie rechtlich problematisch? Und welche Konsequenzen hat die Sparwut der Medienverlage?

Schlechte Zeiten für Zeitungen und Journalismus

Dass die Berufsaussichten für Journalisten schon seit längerer Zeit nicht rosig sind, ist keine Neuigkeit. Ungefähr jeder Dritte arbeitet als freier Journalist, also ohne feste Anstellung. Das Durchschnittseinkommen ist eher mager, nicht selten verdient ein Journalist mit anderen Jobs hinzu.

Verschärfend tritt hinzu, dass Journalisten zunehmend die urheberrechtlichen Nutzungsrechte entzogen werden. Oft gegen den Willen des Autors werden Texte über den ursprünglichen Verwendungszweck hinaus weiterverwertet. Aktuell boomen Online-Archive, die Artikel von Zeitungsverlagen ankaufen und zweitverwerten. Dem Urheber des Artikels wird von seiner Zeitung entweder ein Buy-Out-Vertrag vorgelegt, mit dem er sämtliche Rechte an seinen Texten pauschal abtritt. Aus Angst keine weiteren Aufträge zu erhalten, werden solche Verträge dann oft widerwillig unterschrieben. Oder - und das geschieht wohl nicht selten - wird der Autor gar nicht erst gefragt.

Dazu kommen die strukturellen Veränderungen des Journalismus. Neben die Printpresse tritt in wachsendem Umfang das Internet. Das Internet gilt längst als Konkurrenz zu den konventionellen Zeitungen, weist es schließlich viele Vorteile gegenüber der Zeitung aus Papier auf: Nachrichten im Netz sind aktueller, kostengünstiger herzustellen und beziehen andere Medien wie Videos und Audiobeiträge mit ein. Für den Leser sind die Informationen im Internet praktisch umsonst. Er kann oftmals mitdiskutieren und wird stärker eingebunden.

Auch der herkömmliche Bildjournalismus steckt in Schwierigkeiten: Er wird durch die zunehmende Digitalisierung bedroht. Fast jeder ist heute mit einer Digitalkamera ausgestattet. Bei vielen Ereignissen ist bereits ein schnappschießender Handyfotograf zur Stelle, der sein Bild einer Zeitung anbietet. Solche Bilder können authentischer, "näher dran" und aktueller sein - sie können aber auch Wahrheiten verfälschen und von geringerer Qualität sein. Gleichzeitig stehen ausgebildete Bildjournalisten unter enormem Zeit- und Kostendruck, Recherchen bleiben auf der Strecke. So sinkt die inhaltliche und fotografische Qualität der Bilder insgesamt und Respektsgrenzen werden von Laien wie Profis schnell einmal missachtet.

Gründe für die Zeitungskrise

Die gerade genannten Erscheinungen beeinflussen sich gegenseitig und sorgen für die krisenhafte Stimmung im Journalismus und der Printpresse.



Aber Grund allen Übels ist vor allem das Geld, das natürlich allenorts fehlt. Die aktuelle Angst vor einer Rezession sorgt dafür, dass Unternehmen weniger Geld zur Verfügung haben um in Zeitungsanzeigen für sich zu werben. Und wenn sie in Werbung investieren, dann bevorzugt im Internet statt in gedruckten Blättern. Weil im Netz anhand von Nutzerprofilen Kunden interessenorientiert angesprochen werden können, erhofft man sich eine höhere Effizienz der Werbung. Wollen also weniger Unternehmen in Zeitungen werben, sinken die Werbeeinnahmen und insgesamt das Budget der Zeitung. Auch um möglichen künftigen Verlusten zu begegnen beschließen die Verlage Sparmaßnahmen: Stellen werden gekürzt, die Zeitung selbst verdünnt.

Thomas Knüwer vom Handelsblatt Weblog schreibt dazu:
Doch diese Investition [Gemeint ist die Chance der Süddeutschen Zeitung eine Sonntagszeitung zu etablieren und damit ihre Krise zu bewältigen] scheuen die neuen Eigentümer. Stattdessen beschleunigen sie die Todesspirale: Sinkende Einnahmen gleich Kostenkürzungen gleich Qualitätsverlust gleich Leserverlust gleich Anzeigenverlust gleich Einnahmenverlust gleich Kostenkürzung... Es ist ein langsamer, schmerzvoller Würgetod.

Eine ähnliche Situation gab es in Deutschland bereits 2001. Bis in die 90er Jahre prosperierte der Zeitungsmarkt; danach sanken erstmals drastisch die Werbeeinnahmen und die Zeitungsbranche musste reagieren. Zeitungen wurden eingestellt oder von größeren Medienkonzernen übernommen. Durch die nun angekündigten Sparmaßnahmen Deutschlands größter Zeitungen müssen Zeitungsverlage nun erneut schwierige Herausforderungen meistern. Oft auf Kosten von Qualität und Meinungsvielfalt.

Rechtliche Hintergründe

Eine rechtsstaatliche Demokratie und Informationsfreiheit des Bürgers, wie sie das Grundgesetz vorsieht, setzen vielfältige Informationen voraus. Nur wenn innerhalb der Medien eine Meinungsvielfalt herrscht, kann sich der Bürger umfassend informieren, eine selbstbestimmte Meinung bilden und am demokratischen Prozess teilnehmen. Das Bundesverfassungsgericht hob die Rolle der Presse wie folgt hervor:
Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine freie, regelmäßig erscheinende politische Presse für die moderne Demokratie unentbehrlich. Soll der Bürger politische Entscheidungen treffen, muss er umfassend informiert sein, aber auch die Meinungen kennen und gegeneinander abwägen, die andere sich gebildet haben.

Zur Bedeutung der Meinungsvielfalt stellte es klar:

Die Presseunternehmen arbeiten nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen und in privatwirtschaftlichen Organisationsformen. Sie stehen untereinander in geistiger und wirtschaftlicher Konkurrenz, in die die öffentliche Gewalt grundsätzlich nicht eingreifen darf.


Am transparentesten kann Meinungsvielfalt deshalb gewährleistet werden, wenn ein reger Wettbewerb besteht, d.h. Informationen und Meinungen durch möglichst viele, wirtschaftlich unabhängige Verlage verbreitet werden. In den meisten Branchen reguliert sich der Markt selbst, der Wettbewerb erhält sich von allein, indem manche Wettbewerber aussteigen, andere hinzukommen. Im Zeitungswesen ist dies schwieriger, wie Zeitungsforscher Horst Röper feststellt:

... Schon bald erwies sich, dass die Neugründung von Zeitungen nicht funktionierte. Die Leser verhielten sich konservativ und blieben ihren alten Blättern treu. Die Anzeigenkunden setzten auf Auflagenhöhe und verschmähten die kleinauflagigen neuen Titel. In den achtziger Jahren scheiterten die meisten der ohnehin wenigen Versuche von Markterweiterungen durch den Aufbau neuer Lokalausgaben in der Nachbarschaft. Diese Gesetzmäßigkeiten gelten bis heute und haben dafür gesorgt, dass es neue Zeitungen außerhalb von Marktnischen - Beispiele sind die "taz" oder die "Financial Times Deutschland" - nicht gibt.


Der Gesetzgeber hat aus diesem Grunde in den Siebziger Jahren in das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen die sogenannte Presseklausel eingefügt. Danach unterliegen Unternehmensfusionen mit einem Umsatzerlös von mehr als 25 Millionen Euro der Kontrolle des Bundeskartellamts, wenn "der Wettbewerb beim Verlag, bei der Herstellung oder beim Vertrieb von Zeitungen oder Zeitschriften oder deren Bestandteilen beschränkt wird" (§ 35 GWB). Hierdurch sollen Konzentrationen, also vorherrschende Marktmacht verhindert werden.

Grundsätzlich ist es nicht ausgeschlossen, dass trotz eines Zusammenschlusses oder einer Übernahme von Verlagen die Meinungsvielfalt erhalten bleiben kann. Solange innerhalb des Konzerns die Redaktionen unabhängig bleiben, können Vielfalt gewährleistet und Synergie-Effekte genutzt werden. Beispielhaft für dieses Konzept stand bisher in Deutschland der WAZ-Verlag. Die WAZ-Mediengruppe unterhält vier Zeitungen (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Westfälische Rundschau, Westfalenpost, Neue Ruhr/Rheinzeitung), deren Redaktionen bislang selbstständig arbeiten. Doch nun will der Verlag auf die Unabhängigkeit der Mantelredaktionen verzichten. Das bedeutet, dass künftig die überregionalen Beiträge von einer zentralen Stelle an die einzelnen Zeitungen geliefert werden - und nicht mehr jede Zeitung der WAZ-Gruppe eine eigene Redaktion beschäftigt.

Konsequenzen

Der logische Schluss, der sich aus den Sparmaßnahmen der Verlage folgern lässt, ist leicht nachvollziehbar: Werden Stellen gestrichen und Zeitungen zusammengelegt oder gar abgeschafft, gibt es weniger und einheitlichere Informationsmöglichkeiten. Darunter leidet die Meinungsvielfalt und eines Tages möglicherweise Deutschlands Demokratie.




Der Zeitungsforscher Röper beschreibt gegenüber dem dradio die Situation im WAZ-Land Nordrhein-Westfalen folgendermaßen:

(...) wenn es so käme, wie das jetzt bislang beim WAZ-Konzern aussieht, dann würde mit einem Drittel der Redakteure, die es bislang für die vier großen Zeitungen hier in NRW gibt, ja auch eine Vielzahl von Lokalteilen eingestellt, und das wäre sicherlich dann in der Summe der größte Konzentrationszeitungsmarkt Deutschlands, den wir je erlebt haben. Also es geht hier schon um Größenordnungen, die erschreckend sind.


Und auf die Frage, ob die Meinungsvielfalt bereits gefährdet sei, antwortet Röper:

Sie ist längst in Gefahr, denn Meinungsvielfalt heißt ja gerade, dass wir über unterschiedliche journalistische Quellen verfügen. Wenn der WAZ-Konzern nun behauptet, es sei doch wirtschaftlich unsinnig, dass beispielsweise zu einem Fußballspiel vier Sportredakteure von seinen einzelnen Titeln führen, dann reiche doch auch einer, weil deren Berichte doch ohnehin gleich seien. Da muss man sich natürlich fragen, warum hat man sich das denn über Jahrzehnte erlaubt. Diese Berichterstattung ist natürlich nicht einheitlich, und es kommt gerade auf diese unterschiedlichen Blickwinkel von Journalisten an. Das macht Vielfalt aus. Wenn da künftig eben nur noch ein Journalist von solchen Ereignissen für mehrere Zeitungen berichtet, dann haben wir einen Einheitsbrei, einen journalistischen Einheitsbrei. Von Vielfalt kann nicht mehr die Rede sein.


Aber auch eine noch so große Vielfalt an Informationen und Meinungen wäre wenig wert, wenn die Inhalte mau sind. Eine Einbuße an Stellen und schlechte Arbeitsbedingungen für Journalisten haben aber zur Folge, dass auch die Qualität der Zeitungen nachlässt. Gerade die Zeitungen, die sich durch den Stellenabbau über Wasser halten wollen, schneiden sich dabei leicht ins eigene Fleisch. Zu der Idee des Süddeutschen Verlags, die Angestellten zu fragen, ob sie "freiwillig aus der Redaktion ausscheiden" wollen, äußert sich Thomas Knüwer vom Handelsblatt Weblog:

Jeder, der die Möglichkeit hat, wegzukommen, wird zusehen, dass er die Abfindung noch mitbekommt - und sich dann schleunigst verabschieden. Aber es ist wie immer in solchen Fällen: Jene, die anderen Optionen haben, sind meist die Besten. Und so kommt zum quantitativen Abbau ein qualitatitver Zerfall hinzu.


Zu beachten ist, dass sich die oben bereits erwähnte Todesspirale auch noch auf eine andere Weise weiterdreht. Eine empirische Studie zu Lokalpresse und publizistischem Wettbewerb der Journalismus- und Kommunikationsforscher Wiebke Möhring und Dieter Stürzebecher hat ergeben: Zwischen publizistischem Wettbewerb und dem Stellenwert der Tagespresse für ihre Leser besteht ein Zusammenhang. Leser honorieren es, wenn sich Verlage und Redaktionen um einen umfangreichen Lokalteil bemühen. Auf diese Weise lassen sich sporadische Leser an die Zeitung binden. Erstaunliches Ergebnis der Studie ist:

Gesteigerte Umfänge von Zeitungen und insbesondere ihrer Lokalteile sind somit nicht nur als eine Folge örtlich vorhandener publizistischer Konkurrenz und als ein Wettbewerbsinstrument anzusehen, mit dem die Verlage und Redaktionen vielfach auf solche Konkurrenzverhältnisse reagieren. Sie sind zugleich auch, ganz unabhängig von den konkreten örtlichen Wettbewerbsverhältnissen, ein probates Mittel, um Auflagenverluste zu minimieren und dem schleichenden Bedeutungsverlust der Lokalzeitung entgegenzuwirken.


Vielleicht brächte es einem - vor allem regionalen oder lokalen - Zeitungsverlag also mehr, Investitionen vorzunehmen um Leser zu gewinnen und erhalten? Denn durch Einsparungen und immer knappere Lokalteile setzt sich der Abwärtstrend langfristig eher fort.

Fazit

Vielleicht ist die Krise der altbewährten Zeitung aber eigentlich eine Chance für Neues. Robin Meyer-Lucht vom Weblog Carta sieht zwar den Untergang der Printpresse nahen. Pessimistisch betrachtet er die Zukunft dennoch nicht. Denn durch das Internet sei ein adäquater, ja sogar besserer Ersatz vorhanden, der die demokratische Öffentlichkeit erhalte. Zugleich betont er, dass auch die herkömmliche Presse nicht fehlerfrei ist/war:

In der jungen deutschen Demokratiegeschichte gab es immer Tageszeitungen - Printmassenmedien und diskursive Öffentlichkeit lassen sich kaum noch getrennt denken. (...) Als zugangsoffener, universaler, vernetzter und kostengünstiger Medienträger vermag es [das Internet] Diskurse und Positionen viel besser und in höherer Komplexität abzubilden, als es das klassische Mediensystem je vermochte. Dass letzteres vor allem auch vermachtet ist, häufig mutlos, unoriginell, überheblich und absurd ineffizient, wird in der Debatte gerne verdrängt.


Noch kann das Internet wohl nicht die Zeitungen vollends ablösen. Denn noch gibt es beispielsweise eine Generation, der das Internet fremd ist und die von diesem Informationskanal abgeschnitten ist. Auch sind die Strukturen im World Wide Web teilweise unübersichtlich und es fehlt an Orientierung für Informationssuchende. Es bleibt aber zu hoffen, dass der erforderliche Mut und Optimismus aufgebracht wird, um neue Wege zu wagen und den veränderten Herausforderungen zu begegnen.

Einstieg ins Thema: "Medienkrise - Die tiefe Angst mancher Verlage" (NDR).

Zur Zeitunsmarktentwicklung und Zeitungsgeschichte der letzten 50 Jahre: "Zeitungsmarkt in der Krise - ein Fall für die Medienregulierung" von Horst Röper (bpb).
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