Street View: Eine Diskussion ohne Grautöne
Mittwoch, 18. August 2010, von Tobias Kläner
Kommentare
Das Schlimme an dieser aufgeblasenen Diskussion ist meiner Meinung nach die Tatsache dass sie die wichtigeren Themen wie Vorratsdatenspeicherung, Volkszählung, ELENA, Scoring-Agenturen, Adresshandel und ähnliches in den Hintergrund drängt.
Aber vielleicht ist ja gerade das so gewollt.
Aber vielleicht ist ja gerade das so gewollt.
@Webe:
Nein.
Das Schlimme ist, daß einige Zeitungen und sonstige Meinungsmacher sich nicht entblöden, angesichts der Vorratsdatenspeicherung etc. mit einem erst-Recht-Schluss zu argumentieren.
Warum ich mich angesichts allgegenwärtiger Privatsphäreneinschränkkungen nicht gegen weitere Privatsphäreneinschränkungen wehren kann, wissen die Götter - und warum ich hinnehmen muss, dass Google mit der massiven Sammlung für sich genommen belangloser Daten einen datenschutzrechtlichen Alptraum verwirklicht, nur weil andere Stellen (teilweise mit meiner Zustimmung) auch Daten sammeln, ist schlechthin nicht erklärbar.
Trotzdem ist die ewig dumme öffentliche Meinung dafür, Google mit genau jenem Argument jegliche Rechtswidrigkeiten durchgehen zu lassen - ein Trauerspiel.
Von daher: Natürlich sollte man die "wichtigeren" Themen adressieren. Daß Google in diesem Wettbewerb der Schrecklichkeiten ausnahmsweise mal nur in zweiter Reihe steht, sollte Google aber nicht entlasten können.
Nein.
Das Schlimme ist, daß einige Zeitungen und sonstige Meinungsmacher sich nicht entblöden, angesichts der Vorratsdatenspeicherung etc. mit einem erst-Recht-Schluss zu argumentieren.
Warum ich mich angesichts allgegenwärtiger Privatsphäreneinschränkkungen nicht gegen weitere Privatsphäreneinschränkungen wehren kann, wissen die Götter - und warum ich hinnehmen muss, dass Google mit der massiven Sammlung für sich genommen belangloser Daten einen datenschutzrechtlichen Alptraum verwirklicht, nur weil andere Stellen (teilweise mit meiner Zustimmung) auch Daten sammeln, ist schlechthin nicht erklärbar.
Trotzdem ist die ewig dumme öffentliche Meinung dafür, Google mit genau jenem Argument jegliche Rechtswidrigkeiten durchgehen zu lassen - ein Trauerspiel.
Von daher: Natürlich sollte man die "wichtigeren" Themen adressieren. Daß Google in diesem Wettbewerb der Schrecklichkeiten ausnahmsweise mal nur in zweiter Reihe steht, sollte Google aber nicht entlasten können.
Eine angenehm nüchterne, zutreffende Beschreibung. Ich sehe einen erheblichen Teil der Schuld bei den politisch Handelnden - was allerdings auch dem System geschuldet ist. Wer bei technischen Innovationen Risiken vorbeugen will, gilt schnell als Miesmacher und Bedenkenträger: Wählerstimmen lassen sich damit kaum gewinnen, jedenfalls nicht kurzfristig. Hätte sich der Gesetzgeber etwa bei der Einführung des Internet schon frühzeitig um die Ausgestaltung der Spielregeln gekümmert, wären manche problematischen Entwicklungen (Ausbreitung von Kinderpornografie etc) womöglich gar nicht erst entstanden. Jetzt bleiben nur noch nachträgliche Feigenblatt-Maßnahmen (siehe Internet-Sperre).
Google Street-View bewegt sich offenbar auf dem Boden unserer Verfassung, Hysterie ist deshalb sicherlich nicht angesagt. Allerdings wäre es Aufgabe der Politik, die weitere Entwicklung schon heute ins Auge zu fassen: Was, wenn Google in einem nächsten Schritt die Aktualisierung der Straßenbilder ermöglicht? Wenn nach dem Wikipedia-Prinzip jedermann einfach zu jederzeit seine Kamera aufs Nachbarhaus halten und das Bild hochladen kann? Und weiter: Was wenn in das Ganze dann auch noch Webcams integriert werden? Als alltägliche Videoüberwachung?
Was die Scharfmacher betrifft, so erklärt sich an ihrem Beispiel das Dilemma des deutschen Rechtswesens. Folgten alle ihrem gesunden Menschenverstand und respektierten die doch eigentlich vernünftige Einigung, bedürfte es vielleicht keiner Novellierung des Datenschutzgesetzes. Weil sich in Deutschland aber immer jemand findet, der alles besser weiß und Gesetzeslücken auch aus den absurdesten Gründen ausnutzt, werden wir wieder einmal zwei Paragrafen mehr benötigen: nochmal Expertenkommission, Gutachten und, und, und.
Google Street-View bewegt sich offenbar auf dem Boden unserer Verfassung, Hysterie ist deshalb sicherlich nicht angesagt. Allerdings wäre es Aufgabe der Politik, die weitere Entwicklung schon heute ins Auge zu fassen: Was, wenn Google in einem nächsten Schritt die Aktualisierung der Straßenbilder ermöglicht? Wenn nach dem Wikipedia-Prinzip jedermann einfach zu jederzeit seine Kamera aufs Nachbarhaus halten und das Bild hochladen kann? Und weiter: Was wenn in das Ganze dann auch noch Webcams integriert werden? Als alltägliche Videoüberwachung?
Was die Scharfmacher betrifft, so erklärt sich an ihrem Beispiel das Dilemma des deutschen Rechtswesens. Folgten alle ihrem gesunden Menschenverstand und respektierten die doch eigentlich vernünftige Einigung, bedürfte es vielleicht keiner Novellierung des Datenschutzgesetzes. Weil sich in Deutschland aber immer jemand findet, der alles besser weiß und Gesetzeslücken auch aus den absurdesten Gründen ausnutzt, werden wir wieder einmal zwei Paragrafen mehr benötigen: nochmal Expertenkommission, Gutachten und, und, und.
Habe die Diskussionen sehr genau verfolgt und stimme der Analyse zu.
Was die öffentlich-rechtlichen Instituionen angeht, sehe ich die eigentliche Ursache aber eine Etage tiefer: Es war lange unter den Ministerien die Schieflage, dass Frau Aigner sich das Thema genommen hat, ohne zuständig zu sein; daher trat eine Kakophonie auf, die schwer erträglich war. Auch beim Datenschutz ist die Frage, ob sie überhaupt noch auf Länderebene gehört, denn es kamen zig Statements von Landes- und Bundesdatenschutzbeauftragten. Jedenfalls für reine Online-Produkte halte ich das für sehr fragwürdig.
Gäbe es einen klar zuständigen Minister und genau einen DS-Beauftragten, hätte sich die Sache nicht so hochgeschaukelt. Und vor allem: Google hätte einen verlässlichen Partner gehabt. Besonders ärgerlich ist dabei, dass in 2008 sowohl die Schaar-Behörde als auch der Vorgänger von Prof. Caspar noch recht entspannt mit Streetview umgegangen sind. Siehe Interviews in Focus und Welt.
Zum Vorgehen von Frau Aigner bin ich sprachlos. Sie hat zu 90% Erfolge gegenüber Google verkauft, die fast ein Jahr vorher schon freiwillig zugestanden waren. Und viele Pressemeldungen haben das ungeprüft weiter gegeben.
Was die öffentlich-rechtlichen Instituionen angeht, sehe ich die eigentliche Ursache aber eine Etage tiefer: Es war lange unter den Ministerien die Schieflage, dass Frau Aigner sich das Thema genommen hat, ohne zuständig zu sein; daher trat eine Kakophonie auf, die schwer erträglich war. Auch beim Datenschutz ist die Frage, ob sie überhaupt noch auf Länderebene gehört, denn es kamen zig Statements von Landes- und Bundesdatenschutzbeauftragten. Jedenfalls für reine Online-Produkte halte ich das für sehr fragwürdig.
Gäbe es einen klar zuständigen Minister und genau einen DS-Beauftragten, hätte sich die Sache nicht so hochgeschaukelt. Und vor allem: Google hätte einen verlässlichen Partner gehabt. Besonders ärgerlich ist dabei, dass in 2008 sowohl die Schaar-Behörde als auch der Vorgänger von Prof. Caspar noch recht entspannt mit Streetview umgegangen sind. Siehe Interviews in Focus und Welt.
Zum Vorgehen von Frau Aigner bin ich sprachlos. Sie hat zu 90% Erfolge gegenüber Google verkauft, die fast ein Jahr vorher schon freiwillig zugestanden waren. Und viele Pressemeldungen haben das ungeprüft weiter gegeben.
@Christoph Kappes:
Die von Ihnen treffend beschriebene Kakophonie hat sich für meine Begriffe auch verheerend auf das öffentliche Bild der Politik ausgewirkt. Wen interessiert schon, ob eine Ministerin als Privatperson ihr Facebook-Profil löscht oder ihr Haus verpixeln lässt? Solche unbeholfenen Aktionen dokumentieren lediglich Machtlosigkeit, und der Bürger ahnt, dass hier etwas nicht stimmen kann: Streng genommen müsste Frau Aigner sogar vielmehr für Google kämpfen, weil es der ihrem Ressort zugewiesenen Klientel - dem Verbraucher - zunächst einmal nützt. Verkehrte Welt: Ausgerechnet der Innenminister spielt derweil die Risiken dieser Anwendung herunter.
Die von Ihnen treffend beschriebene Kakophonie hat sich für meine Begriffe auch verheerend auf das öffentliche Bild der Politik ausgewirkt. Wen interessiert schon, ob eine Ministerin als Privatperson ihr Facebook-Profil löscht oder ihr Haus verpixeln lässt? Solche unbeholfenen Aktionen dokumentieren lediglich Machtlosigkeit, und der Bürger ahnt, dass hier etwas nicht stimmen kann: Streng genommen müsste Frau Aigner sogar vielmehr für Google kämpfen, weil es der ihrem Ressort zugewiesenen Klientel - dem Verbraucher - zunächst einmal nützt. Verkehrte Welt: Ausgerechnet der Innenminister spielt derweil die Risiken dieser Anwendung herunter.
Wer bei technischen Innovationen Risiken vorbeugen will, gilt schnell als Miesmacher und Bedenkenträger: Wählerstimmen lassen sich damit kaum gewinnen, jedenfalls nicht kurzfristig.
Das möchte ich bezweifeln.
@Simon Möller:
Das mögen Sie recht haben. Aber nur, weil das Kind längst in den Brunnen gefallen ist (sprich: das Problem der Verfügbarkeit von Kinderpornografie im Netz längst da ist) und deshalb ein öffentliches Interesse an einer Lösung besteht - ob diese überhaupt eine ist oder vielleicht nur eine Pseudo-Lösung, spielt dann wahltaktisch gesehen wahrscheinlich keine entscheidende Rolle mehr. Wer aber bereits heute versucht, die Risiken von morgen im Voraus zu begrenzen, stößt nur auf Ablehnung - weil eben diese Risiken noch zu abstrakt erscheinen und die späteren Leidtragenden noch gar nicht ahnen, was auf sie zukommt.
Was die "Netz-Lobbyisten" betrifft, so bin ich nach den jüngsten Erfahrungen vorsichtig geworden: Neben den vielen unbestritten integren Leuten zählen dazu auch jene Radikale, die es für spießiger halten, sich um die Zukunft der Privatsphäre zu sorgen, als in deutschestem Perfektionswahn auch den letzten Hausbesitzer zum kollektiven Streetview-Appell zu rufen.
Das mögen Sie recht haben. Aber nur, weil das Kind längst in den Brunnen gefallen ist (sprich: das Problem der Verfügbarkeit von Kinderpornografie im Netz längst da ist) und deshalb ein öffentliches Interesse an einer Lösung besteht - ob diese überhaupt eine ist oder vielleicht nur eine Pseudo-Lösung, spielt dann wahltaktisch gesehen wahrscheinlich keine entscheidende Rolle mehr. Wer aber bereits heute versucht, die Risiken von morgen im Voraus zu begrenzen, stößt nur auf Ablehnung - weil eben diese Risiken noch zu abstrakt erscheinen und die späteren Leidtragenden noch gar nicht ahnen, was auf sie zukommt.
Was die "Netz-Lobbyisten" betrifft, so bin ich nach den jüngsten Erfahrungen vorsichtig geworden: Neben den vielen unbestritten integren Leuten zählen dazu auch jene Radikale, die es für spießiger halten, sich um die Zukunft der Privatsphäre zu sorgen, als in deutschestem Perfektionswahn auch den letzten Hausbesitzer zum kollektiven Streetview-Appell zu rufen.
"Warum hat man sich nicht lange vor dem Start von Street View mit Datenschützern und Politikern zusammengesetzt und die Öffentlichkeit dann gemeinsam aufgeklärt? [...] Wieso gab es keine wahrnehmbare und konstruktive Lobbyarbeit hinein in die Politik?"
Ich glaube nicht, dass Google zu blöd sind für PR. Ich glaube, das ist alles so beabsichtigt. Warum? Ist doch klar. Mit Politikern "zusammensetzen" und "Lobbyarbeit" betreiben hat (berechtigterweise) nicht gerade einen guten Ruf. Die Scharen der Bildzeitungsleser kann man damit vielleicht auf seine Seite ziehen aber nicht die kleinere, aber aufgeklärte Netzgemeinde.
Ich glaube, Google versteht sehr gut, dass diese Netzgemeinde bzw. ihr Kern langfristig ein viel wichtigerer Multiplikator ist als eine kurzfristige Akzeptanz bei eher konventionellen Zielgruppen.
Ich glaube nicht, dass Google zu blöd sind für PR. Ich glaube, das ist alles so beabsichtigt. Warum? Ist doch klar. Mit Politikern "zusammensetzen" und "Lobbyarbeit" betreiben hat (berechtigterweise) nicht gerade einen guten Ruf. Die Scharen der Bildzeitungsleser kann man damit vielleicht auf seine Seite ziehen aber nicht die kleinere, aber aufgeklärte Netzgemeinde.
Ich glaube, Google versteht sehr gut, dass diese Netzgemeinde bzw. ihr Kern langfristig ein viel wichtigerer Multiplikator ist als eine kurzfristige Akzeptanz bei eher konventionellen Zielgruppen.







Dieser Artikel ist mir was wert: Was ist das? Seit einiger Zeit schlagen die Wellen um Google Maps Streetview in Deutschland hoch. Dabei sind im Wesentlichen zwei Gruppen auszumachen: Die Gegner von Streetview und die Befürworter von Streetvi...
Aufgenommen: 21.08.2010, 18:06h